Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 614 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607003--9663-9607009
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 614. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Toleranz muß aufhören. Die Abtrünnigen müssen wir weit von uns weisen. (Stürm. Beifall.) Damit schließt die Debatte. Der Vorsitzende Justizrat Lachmann konstatiert den sachlichen und zielbewußten Verlauf der Tagung. Jetzt gelte es, die Ergebnisse nicht bloß unter die Andersgläubigen, sondern auch unter die eigenen Glaubensgenossen hinauszutragen. Mit einem Dank von Justizrat Geiger-Frankfurt an das Bureau schließt die Tagung. Im Anschluß, an diese Hauptversammlung fand abends in dem gleichen Sitzungssäle ein vom hiesigen Gemeindevorstand gegebenes glänzendes Festmahl statt, das in angeregtester Stimmung verlief und zu dem sich etwa 2rfO Teilnehmer eingefunden halten. Nachdem das Kaiserhoch, das Justizrat Dr. Lachmann ausbrachte, verklungen, hieß Herr Julius Jacoby, der Vorsitzende der hiesigen Gemeinde, die Gäste namens des Gemeindevorstandes, herzlich willkommen Herr Louis Sachs, der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, sprach namens dieser dem Verbände den herzlichsten Dank aus für die Einigkeit, die dieser unter den Juden geschaffen habe. Rechtsanwalt Dr. Blau-Frankfurt a. M. dankte namens der Gäste, Justizrat Cassel-Berlin feierte die innigen Beziehungen zwischen Deutschland und Judentum, Rabbiner Dr. Werner-München toastete auf die Frauen. Justizrat Timendorfer-Berlin, der Präsident der Großloge des U. O. B. B, forderte die zahlreich anwesenden Brüder zu einem Hoch auf den Verband aus, Kirchenrat Dr. Kroner-Sluttgart toastete auf die jüdische Jugend, Herr Benas Levy-Berlin aus den Ausschuß des Verbandes, Professor Philippson ließ alle Führer und Förderer des Verbandes leben, Rechtsanwalt Dr. Horwitz-Berlin sprach namens des Zentralvereins, Justizrat Veit Simon empfahl dem Verbände, nicht allein mit Mut, sondern auch mit Klugheit dem gesteckten Ziele zuzustreben. * * * Ueber das Verhältnis des Verbandes zu anderen Institutionen wurde von Herrn Irrstizrat Juchs folgende Erklärung abgegeben: Die Frage, was der Verband der Deutschen Juden will und wie sich ferne Wege und Ziele von denen der übrigen jüdischen Organisationen, insbesondere von dem „Deutsch Israelitischen Gemeindebund'" und dem „Central-Verem Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"" abgrenzen, ist zwar schon oft gestellt und oft von uns beantwortet worden; da hier aber immer noch viele Unklarheiten herrschen, so ist mir die gestellte Frage willkommen, um die Unklarheiten beseitigen zu können. Der Verband der Deutschen Juden will kein neuer Verein neben so vielen anderen Vereinen, sondern eine Zusammenfassung der verschiedenen Vereine sein. Die geistigen Kräfte des Judentums, die sich in hunderten von Vereinen hundertfach zersplittert haben, will er zu gemeinsamer, planmäßiger 'Arbeit vereinigen und so auf autonomer Basis eine Gesamtverlrelung der deutschen Juden schaffen. Den deutschen Juden fehlt ein sie einigendes Band, eine Organisation, die vom Standpunkt deS Ganzen aus die Interessen deS Ganzen wahrnimmt. In tausenden von Gemeinden zersplittert sind die Juden Preußens und der meisten deutschen Bundesstaaten. Während die Evangelischen ihre Landeskirche haben ruld die Katholischen sogar eine internationale Einheit bilden, fehlt es den deutschen Juden an der Einheit und der Gesamtvertretung. Wir haben weder Synoden noch Konsistorien, noch einen Oberkirchenrat; wir haben auch dem Staate gegenüber keine Organisation, die die Gesamtheit der Juden eures Landes vertritt. Wir haben Abwehrvereine, Gemeindevereinigungen, Rabbinerverbände, Lehrerverbände, Wohliahrtsverbände, aber wir haben keine Zentralstelle, welche diese Organisationen zusammensaßr, sie nach einem gemeinsamen Plan arbeiten läßt. Daß wir bisher nur eine Reihe von jüdischen Organisationen, nicht eine jüdische Zentral-Organisation gehabt haben, hat sich bitter fühlbar gemacht. Ganze große Aufgabengebiete sind unerledigt geblieben, vitale Interessen haben keine Wahrung und Berücksichtigung gesunden. So hat der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Gemäßheit seiner Statuten, den Frageri der Einwanderung, der Auswanderung, der Naturalisation gar keine oder doch nur geringe Fürsorge widmen können, und doch sind es dringende Fragen, an deren befriedigender Lösung die deutsche Judenhell em dringendes Interesse hat. Sollen wir es ruhig mit ansehen, daß Leute, die sich hier ordentlich geführt und vielleicht nur ihren Konkurrenten lästig geworden sind, aus keinem anderen Grunde abgiffchoben werden als, weil sie Juden sind! Die Stellung der Juden in den Ostmarken heischt unsere dringende Fürsorge. Sie werden, dank einer einseitigen Politik, in dem Streit zwischen Deutschen und Polen zerrieben. Ihre Auswanderung aus dem Osten schädigt das Deutschtum. Die Kompetenzen des Gemeindebundes und des Rabbinerverbandes sind gleichfalls eng umgrenzt. Wir bedürfen einer Stelle, welche Fürsorge dafür schafft, daß aufklärende und apologetische Schriften in die Lande gesandt werden, welche über das Wesen des Judentums, seine Ethik, Aufschluß geben. Wir bedürfen einer Kontrollstelle, welche das statistische Material beschafft. um den Nachweis zu führen, wie wenig die Gleichberechtigung durchgeführt und das für alle gesetzgeberischen Arbeiten die notwendigen Unterlagen schafft Die kommende Regelung des preußischen Schulwesens muß ein Organ finden, welches das jüdische Gesamlinteresse zu vertreten legitimiert, fähig und willens ist. So harren zahllose Aufgaben ihrer Erledigung, für welche die bestehenden Organisationen nicht geschaffen sind und nicht ausreichen. Es ist undenkbar, daß die Juden in dem Kampf der Interessen, den sie zu bestehen haben, bestehen können, wenn ihnen ein einigendes Organ fehlt, das ihre Gesamtinteressen zu vertreten befugt und fähig ist. Gibt uns der Staat keine Gesamtvertretung, so müssen wir sie uns selbst schaffen. Das Organ für die Gesamtvertretung der deutschen Juden will der Verband der Deutschen Juden sein. Er hat im Gesamtintereffe der deutschen Judenheit alle die Aufgaben zu erfüllen, welche von der Sonderorganisation nicht erfüllt werden; er hat dafür zu sorgen, daß zwischen den Sonderorganisationen die notwendige Fühlung hergestellt wird und die Rücksicht aus das große Ganze und seine Interessen nicht außer Acht bleibt. Das bitte ich Sie, meine Herren, denen zu sagen, die fragen, was der Verband soll und will! Raschi. Anläßlich des 800 jährigen Todestages Raschis hat Herr Rabb. Dr. Kalischer-Bonn in der Synagoge zu Bonn eine Predigt gehalten, der wir folgendes entnehmen: Eine auf den Gebieten der Talmud- und Bibelforschung bahnbrechende Persönlichkeit ist der Mann gewesen, seit dessen Heimgangachthundect Jahre am bevorstehenden neunundzwanzigsten Tammus sich ründen: Rabbenu Schelomo Jizchaki, abgekürzt Raschi. Eine außerordentliche Erscheinung hat das mittelalterliche Judentum in diesem Manne gezeitigt, und es kann nicht überraschen, daß die Sage sein Haupt mit ihrem Schimmer umwoben hat. Schon seine Geburt wird von ihr verherrlicht, wenn sie berichtet, Isaak, der Vater Raschis, habe einen seltenen Edelstein besessen. Als man diesen, um ein göttlich verehrtes Bild damit zu schmücken, von ihm erwerben wollte, habe er ihn nicht um den höchsten Preis hingeben wollen. Man lockte ihn auf ein Schiff und suchte ihm dort unter Todesdrohungen den Edelstein abzunötigen. Er, in seiner Seelenangst, schleuderte den kostbaren Stein in die Flut. Gleich darauf soll im jüdischen Lehrhaus der Heimatsstadt Isaaks eine himmlische Stimme verkündet haben: Dir wird ein Sohn geboren werden, der wie ein Edelstein hell leuchten wird. Im selben Jahr, so heißt es weiter, sei Raschi geboren worden. Nach geschichtlicher Kunde hat Salomo, Sohn des Isaak, der unter dem Namen Raschi volkskundig ist, im Jahre 1040 zu Troyes in Frankreich das Licht der Welt erblickt, in der Hauptstadt der Champagne, die in damaliger Zeit den überaus gewerb- und handelsreichen Verkehrsmittelpunkt für Frankreich und einen großen Kreis vom Umländern bildete. Gewiß darf die französische Judenheit mit vollem Rechte stolz darauf sein, daß es ihr gegeben war, eine solche Größe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.