Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 604 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 604. Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. vorteilen, ist eine hocharistokratische Kriegslist. Man las in den Zeitungen, daß ein Offizierkorps ein großes Fest veranstaltete, nachdem es einem Leutnant gelungen war, einem schlauen Pferdehändler ein Roß mit dem Dummkoller aufzuhalsen. Wenn diese Nachricht nicht wahr ist, so gehört sie doch zu denen, deren Wahrheit glaublich erscheint. Franz von Hollzendorff: Zeitglossen. * -ft Viele Politiker unserer Zeit haben die Gewohnheit, den Satz, daß ein Volk nicht eher frei sein sollte, als bis es seine Freiheit zu benutzen verstände, als eine unbestreitbare Wahrheit hinzustellen. Die Maxime ist des Narren im alten Märchen würdig, der den Entschluß faßte, nicht eher ins Wasser zu gehen, als bis er schwimmen könne. Wenn die Menschen so lange auf die Freiheit warten müßten, bis sie in der Sklaverei gut und weise geworden wären, so müßten sie bis in alle Ewigkeit harre». 2r,. Milto», — — Ich halte es für sehr möglich, daß die Juden, vorausgesetzt, daß die Grundlagen ihrer Religion sie nicht verweichlichen, wenn einmal die Gelegenheit günstig sein sollte — die menschlichen Verhältnisse sind ja dem Wechsel unterworfen — ihr ehemaliges Reich wieder aufrichten werden und Gott sie wieder von neuem erwählen werde. B. Spinoza: Theologisch-politischer Traktat, Kap. 3. -ft q- -ft Die gewaltige Tragik des Schicksals von Shylock beruht nicht darauf, daß ihm das Recht versagt wird, sondern darauf, daß er, ein Jude des Mittelalters, den Glauben an das Recht hat — man möchte sagen, gleich als wäre er ein Christ! — einen felsenfesten Glauben an das Recht, den nichts beirren kann, und den der Richter selbst nährt; bis dann wie ein Donnerschlag die Katastrophe über ihn hereinbricht, die ihn aus seinem Wahn reißt und ihn belehrt, daß er nichts ist, als der geächtete Jude des Mittelalters, dem man sein Recht gibt, indem man ihn darum betrügt. R. vbn Jhering: Der Kampf ums Recht. * -ft -ft Sie Semiten waren es, die im Altertum den Austausch der materiellen und geistigen Güter zwischen Asien, Europa und Afrika besorgten, und die im großen Weltkampf der Völker sich von jeher (und gerade sie in ganz besonderem Maße) durch fleißige Verwertung des Eigenen und Erborgten hervorgetan. Und wenn schon sie auch viel Fremdes annahmen oder sich aneigneten, so dürfte ihnen doch selbst ihr ärgster Feind kaum den Vorwurf machen, daß sie nicht ebensoviel zurückgegeben von Bremer, Kulturentlehnungen. Der Begriff der Nation oder des Volks will sich schwer fest anfassen und scharf umgrenzen lassen. — Der Begriff des Volks ist nicht nur durch rein objektive Merkmale fest umgrenzt, sondern er erfordert auch die subjektive Empfindung. Mein Volk sind diejenigen, die ich als mein Volk ansehe, die ich die Meinen nenne, denen ich mich verbunden weiß durch unlösbare Bande. — Es ist vieles, was Zusammentreffen muß, um jenem Ideal zu entsprechen und die Wirklichkeit bietet uns immer nur eine annähernde Lösung. — Ein Land, groß und fruchtbar genug, um eine dichte, zahlreiche, zum Selbstschutz gegen alle Nachbarn befähigte Menge zu ernähren, von mannigfacher Gliederung, um eine vielseitigere Entwicklung des wirtschaftlichen und intellektuellen Lebens zu gestatten: auf diesem Boden eine sprachgeeinigte Bevölkerung, die ihn bebaut und erkämpft hat und sich durch gemeinsame Taten und Leiden verbunden weiß; diese Menge geschützt und geordnet durch eine einheitliche Staatsgewalt, die ihrem Schoß entsprungen, mit ihren Interessen und Erinnerungen verwachsen ist und nun auf der Grundlage dieser gesicherten Staatsordnung die Blüte und Pflege aller jener idealen Güter der Menschheit, des intellektuellen, sittlichen und religiösen Lebens in freien und mannigfachen Formen, auch in Gegensätzen und Kämpfen, über die sich das befestigte Gemeingefühl überlegen und versöhnend ausbreitet — dies heißt, ein Volk sein. G. Rümelin: Reden und Aufsätze, Tübingen 1875. * -ft -ft Soll die Nation veredelt werden, so muß man ihrem unterdrückten Teil Freiheit, Selbständigkeit und Eigentum geben und ihr den Schutz der Gesetze angedeihen lassen. Freiherr H.^F.^K. von Stein. Wird einmal die Menschheit so weit vorgeschritten sein, daß sie auch das Prinzip der Nationalität zu den überwundenen Standpunkten zählen und es keine Geschichte der Völker mehr, sondern nur eine Geschichte der Menschheit geben wird, so werden die Juden natürlich ebenfalls ihre Nationalität aufgeben. Bis dahin aber werden wir Juden so lange unsere Nationalität bewahren, so lange die Spanier Spanier und die Franzosen Franzosen bleiben. Unsere Nationalität aufgeben, wo die übrigen Völker die ihrige so hoch halten, würde man uns als Schwäche oder Charakterlosigkeit auslegen müssen; aber ehe wir Juden diesen Makel auf uns ruhen lassen, ziehen wir uns lieber wieder in unsere Einsamkeit zurück und fassen neuen Mut, um den Kampf mit den Völkern zu bestehen. Wie wir Juden jedoch als die Ersten das Heidentum verwarfen, so sind wir auch bereit, als die ersten unsere Nationalität aufzugeben, wenn die anderen Völker bereit wären, unserem Beispiele zu folgen. Wir Juden haben kein eigenes Land, keinen König, keine eigenen Gesetze, keine Sprache mehr; uns wird daher das Aufgeben der Nationalität verhältnismäßig nur geringe Ueberwindung kosten: Unsere Nationalität besteht bloß in der Idee der Geschichte. I. Singer: Sollen die Juden Christen werden? Wien, O. Frank, 1884. * . * Man kann die Bemerkung machen, daß die Bekenner bloß geduldeter Religionen sich ihrem Vaterlande im allgemeinen nützlicher erweisen, als die Angehörigen der herrschenden Religion; denn da sie von Ehrenstellen ausgeschlossen sind und sich nur durch Ueberfluß und Reichtum hervortun können, so sind sie zum Erwerbe der letzteren auf ihre Arbeit angewiesen und müssen die beschwerlichsten Geschäfte der Gesellschaft übernehmen. Montesguieu: Persische Briefe. * * * Die Christen nennen alles, was sie Gutes am Judentum und an den Juden finden, christlich. B. Auerbach: Dichter und Kaufmann. Kap. 18. Die Politik. Wie sich die Zeiten ändern! Es sind wenig mehr als zehn Jahre her, da war Hr. Ahlwardt die populärste