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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · p. Seite 603

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 603 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 43 Israelitische Wochenschrift. Gerte 603. Werkes. Des Dichters Trauer um den Tod eines edlen Fräuleins (die zwei Sonette im achten Kapitel) gilt der Verbrennung des Talmuds. Die rührende Klage über Beatrices Hinscheiden bezieht sich ebenfalls auf den Talmud. Mit den beiden Frauen, die Dante um Uebersendung eines Sonetts bitten, sind zwei - Rabbiner gemeint, die „von dem Dichter die Erklärung seines Wiedereintritts in die jüdische Religion verlangen." Denn er ist — nach Sinowitz — zum Christentum übergetreten, fühlt sich aber in dem neuen Glauben nicht befriedigt, und alle die Seelenkämpfe, von denen die „Vita nuova“ berichtet, beziehen sich auf den zweimaligen Uebertritt. Als letzten Trumpf, als unumstößlichen Beweis für seine Theorie führt Sinowitz den 32. Gesang des „Faradiso" an. Dort heißt es V. 79—81: Nachdem erfüllt die ersten Zeiten waren. Bedurft es bei den Knäblein der Beschneidung Um den unschuldgen Schwingen Kraft zu geben. Diese Verse sollen unwiderleglich dartun, daß der Dichter der Göttlichen Komödie ein Jude gewesen sein müsse, da sein Himmel ausschließlich von Juden bevölkert sei und der Christen überhaupt keine Erwähnung getan werde. Andere Entdeckungen des Herrn Sinowitz sind nicht weniger seltsam. So seine Behauptung, die dem König Salomo zugeschriebenen Bücher des Alten Testaments seien von Rabbi Jehuda I. unterschoben worden, und zwar in direkter Feindschaft gegen das Christentum. Wie sich mit dieser Behauptung die andere verträgt, daß der nämliche große Rabbi das ganze Reue Testament und die Schriften der Kirchenväter und das römische Recht, ja sogar die lateinischen und griechischen Klassiker „verfaßt" habe, das weiß kein normales Gehirn zu ergründen. Sinowitz meint auch auf Seite 21 seines Buches, die Bildung des christlichen Volkes werde durch den Talmud ihren Fortgang nehmen, das Studium des Talmuds werde daher zu einem obligatorischen Teil des Schulunterrichts erhoben werden müssen. Aber das nur nebenbei. Die Hauptsache ist, daß wir dank seiner Scharfsichtigkeit nun endlich wissen, daß wir in Chasdai Kaksch den Verfasser von Dantes Werken zu begrüßen haben. Manchem wird es vielleicht sonderbar Vorkommen, Dante so plötzlich entthront zu sehen. Aber warum solls der alte Florentiner besser haben als Shakespeare, warum Chasdni Kaksch nicht ebensogut Dantes Werke wie Baco von Verulam die Werke Shakespeares geschrieben haben. Nach Edwin Bormanns „Shakespearegeheimnis" sind Shakespeares Dramen dramatisierte Philosophie und Naturgeschichte, Horatio die Vernunft, Falstaff der Fallstoff, das verkörperte Gesetz der Schwere, usw. Warum soll also Dantes Beatrice nicht der Talmud und die Liebe die Mischna sein? Das eine ist so vernünftig wie das ^andere. Statistisches aus newyork. Die Trennung von Staat und Kirche, die vor kurzem in Frankreich beschlossen wurde, ist bekanntlich in Amerka schon längst in allen Punkten durchgeführt. Die Behörden kümmern sich da um die Religion der Bevölkerung nicht im mindesten und bei den alle 10 Jahre stattfindenden Volkszählungen werden die Leute von den Zählbeamten nach allen möglichen Dingen, nicht aber nach ihrer Religion gefragt. So angenehm es auch für den Bürger sein muß, in einer so wichtigen Privatangelegenheit, wie die Religion ist, sich von der staatlichen Bevormundung frei zu wissen, die Statistik kommt dabei jedenfalls schlecht weg, da aus den Volkszählungen in Amerika absolut weder die Nationalität, noch die Nasse oder der . Glaube der Bevölkerung zu ersehen ist. Der in Newyork bestehende Kirchenverband (Föderation of Churches) hat sich daher zur Aufgabe gemacht, diesem Uebel nach Kräften abzuhelfen. Er en^endet seine Angestellten, die unermüdlich treppauf, treppab wandelnd, durch private Umfragen die von der Volkszählung gelassene Lücke auszufüllen suchen. Und merkwürdig, die Angestellten mit vollkommen privatem Charakter werden von der Bevölkerung gut ausgenommen und alle ihre Fragen werden auf das genaueste beantwortet. Nur 5 pCt. — 189 270 von der gesamten Bevölkerung, darunter auch die Upper Ten Thousand, bleibt obstenat und weist den freiwilligen Volkszählern die Tür. Von den Einwohnern Newyorks sind 1 893 730 Protestanten, 1 250 000 Katholiken und 675 000 Juden. Das religiöse Gefühl der Protestanten muß ziemlich schwach sein, da von diesen nicht weniger als 741 080 — 39,15 pCt. sich zwar als Protestanten bekannten, zugleich aber hinzufügten, daß sie keinerlei kirchlicher Organisation angehören. Etwas lebhafter pulsiert das religiöse Leben unter den Katholiken. Von ihnen waren nur 265 200 — 21,25 pEt. keinem Ktrchenverband angeschlossen. Die Zahl der „wilden Juden" wird zwar nicht angegeben, dürfte aber 15 pCt. — 100 000 nicht übersteigen. Aus der Tatsache, daß 675 000 Einwohner Newyorks sich offen zum Judentum bekannt haben, ergibt sich, daß die Zahl der Juden in Newyork in der Wirklichkeit sich auf 3/4 Millionen beläuft. Für die Erfüllung der religiösen Bedürfnisse der Riesenstadt ■ sorgen 600 protestantische und 226 katholische Kirchen nebst 77 jüdischen Synagogen. Außer diesen in eigenen Gebäuden untergebrachten Synagogen existieren in Newyork noch 200 ständige „Klausen" und Minjanim, die in gemieteten Raumen untergebracht sind. Für die jüdischen Festtage steigt die Zahl der jüdischen Bethäuser ganz erheblich durch die fliegenden Minjanim. Von der großen Armut der Juden Newyorks zeugt die Tatsache, daß dte Juden innerhalb des Gettos sich beständig im Umziehen befinden. Daß dieses nicht aus Vergnügen geschieht, soridern von der Armut der jüdischen Bevölkerung bedingt wird, beweist die Tatsache, daß auch die Katholiken sehr stark im Ziehen machen. Auch diese, die sickwesentlich aus Polen, Irländern und Italienern rekrutieren und zum größten Teil erst seit sehr kurzer Zeit in Amerika leben, sind sehr arm. Anders aber bei den Protestanten, die zur alten, eingesessenen Bevölkerung Newyorks zählen und zum größten Teil in eigenen Häusern wohnen. Bei dieser Kategorie der Bevölkerung ist auch die Kinderzahl sehr gering. Größer ist sie schon bei den Katholiken und am größten bei den Juden, die mit der bekannten Fruchtbarkeit der armen Leute gesegnet sind. Gedankt» mid AnchrW limiliiutct Phiut iilitt Juden imd Judentum. Wie es in Preußen ein auf Klassen des Besitzes begrün- ■ detes Wahlgesetz gibt, so gibt es auch eine Klassenmoral. Jeder Berufsstand hält etliche Dinge in seinem Interesse für erlaubt, die anderen Ständen verwerflich erscheinen.- Als ein altadeliger und sehr biederer Mann sich über die Unredlichkeit an der Börse entrüstete, fragte ich ihn, ob er auf Ehrenwort versichern könne, niemals in seinem Leben einen Mitmenschen wissentlich benachteiligt zu haben. Er entgegnete mir: Ja — mit Ausnahme des Pferdehandels — Pferdehändler zu über-

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