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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · p. Seite 602

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 602 (sequence 6)
Language
German
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Seite 602. Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Sklavenfesseln rüttelt. Die Regierung fürchtet sich vor einem Ausbruch dieser bis jetzt noch mühsam unterdrückten Volkswut. die, einmal zum Ausbruch gelangt, wie ein Orkan alles vor sich niederreißen wird. Aber der Hunger tut weh, der kaum verhaltene Ingrimm verlangt nach Taten. Die feile Beamtenschaft zeigt mit Fingern auf die Juden: „Seht die Halsabschneider, die Wucherer, die sind es, die Euch bedrücken! Und der blöde Haufe stürzt sich johlend auf die unglücklichen Genossen des eigenen Elends, der eigenen, Menschen unwürdigen Schmach. Das System ist gerettet, über die blutigen Leichen erschlagener, wehrloser Männer, Frauen und Kinder geht man zur Tagesordnung über. Die Christenverfolgungen haben das heidnische Rom nicht vor dem Untergange bewahrt. Die russischen Judenverfolgungen werden auch den bis in die Wurzeln verfaulten Bureaukratismus nicht vor dem Zusammenbruch schützen, auch in Rußland wird es einmal Tag werden. Tag, heller, lichter Tag ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika. Hier kommen alle Kräfte gleichmäßig zur Verteilung, hier kennt man nur Bürger einer großen, freien Nation. Schon erzittert das alte Europa in banger Sorge vor den dröhnenden Schritten des jungen Riesen. Unnötige Sorge! Die große Republik will nicht zerstören, sondern aufbauen, ein freies Land in keine Gefahr, sondern eine Förderung des Weltfriedens. Halten wir diese unwiderlegliche Tatsache fest und reihen wir ihr die fernere Tatsache an, daß die jüdische Einwanderung eine so starke ist, daß Amerika in absehbarer Zeit dasjenige Land sein wird, welches von allen Nationen die größte Zahl israelitischer Bürger haben wird, so folgert daraus, daß diese Millionen freier, gleichberechtigter Bürger nicht nur Förderer des Friedens sein, sondern auch durch ihre Zahl, ihre Intelligenz und die Freiheit der Kraftentfaltung bestimmend auf ihre Rassegenossen in allen übrigen Ländern wirken wird. Die überaus große Zahl jüdischer Einwanderung ist kein Zufall, sie ist auch nicht bedingt durch die Möglichkeit leichteren und größeren Erwerbs, vielmehr ist das wichtigste und ausschlaggebendste Motiv die Sehnsucht nach Freiheit, welche ihre vollste Befriedigung findet. Die Juden der verschiedensten Länder haben sich überall als friedliebende, staatserhaltende und patriotische Bürger erwiesen. Ja, wir haben in Deutschland jüdische Sachsen, Bayern, Preußen, Hamburger usw., welche sogar stark partikularistisch gefärbt sind. Aber daneben gibt es doch ein internationales Band, welches alle umschließt und dessen Stärke und Widerstandskraft gerade in den Bedrückungen, Ungerechtigkeiten und Verfolgungen liegt, denen die Stammgenossen in verschiedenen Ländern ausgesetzt sind. Wir verurteilen die russischen Judenverfolgungen auf das Schärfste und empfinden tiefes Mitleid mit den unschuldigen Opfern mittelalterlicher Grausamkeit. Aber der Israelit, wo er auch immer auf der Welt wohnt, fühlt sich davon getroffen bis ins innerste Herz. Für ihn ist die Tatsache, daß in Preußen ein Jude nicht Offizier werden kann, eine Schmach. Umsomehr muß man staunen, daß jüdische Deutsche, Russen, Oesterreicher usw. trotzdem gute Patrioten sind, bereit, ihr Leben für ihr Vaterland in die Schanze zu schlagen. Dieses starke nationale Empfinden, welches auch durch Unterdrückungen und Ungerechtigkeiten nicht gemindert wird, ist ein Beweis für die Intelligenz, die hohe Sittlichkeit und die bewußte Lebenskraft des israelitischen Volkes. Zu bedauern sind nur die Länder, welche so viel Volkskraft ungenützt brach liegen lassen. In der durch die Freiheit bedingten Ausnützung aller Kräfte des Volkes liegt ein gut Teil des Geheimnisses, dem Amerika seine großen kulturellen und ökonomischen Fortschritte verdankt. Religion und Geschichte des israelitischen Volkes predigt den Frieden. Die geschichtliche Entwicklung, die Entrechtung und Bedrückung der Juden, ließ ihnen nur friedliche Berufszweige offen. Sie hatten bei allen Kriegen am meisten unter Brandschatzungen zu leiden. So lernten sie schon frühzeitig die Segnungen des Friedens, die Nachteile des Krieges kennen. Alle diese hier nur kurz angedeuteten Tatsachen beweisen, daß das Judentum für die Erreichung des Weltfriedens von allergrößter Wichtigkeit ist. Eine kleine Probe auf das Exempel könnte ich machen, als kürzlich Frau Bertha v. Sutter i in Newyork vor einer deutschen Versammlung sprach, ein überraschend großer Teil der Anwesenden war jüdischen Stammes. Es ist das nach meiner Ansicht kein Zufall, geschieht auch nicht unbewußt. Sondern ich bin der Meinung, daß das gebildete Judentum seine große, ideale Friedensausgabe klar erkannt hat und zielbewußt bemüht ist, sie zu lösen. Mer schrieb Dantes Merke? Die Frage, wer Dantes Werke schrieb, wird den Lesern zunächst befremdlich erscheinen. Sie werden bislang wie auch der Schreiber dieser Zeilen angenommen haben, daß die Werke Dantes eben von Dante Alighieri geschrieben wurden, dem Sohne Aldighieros II. und dessen erster Gemahlin Bella, dem Manne, in dem Italien seinen ersten und größten Dichter verehrt. Seit seinen Lebzeiten bis in unsere Tage hinein hat daran niemand gezweifelt. In den Heerscharen der Dante- Herausgeber, Dante-Uebersetzer und Dante-Erslärer von Graziolo de'Bambaglioli bis auf Berthier und Scartazzini ist nicht ein einziger aufgestanden, der den Versuch gemacht hätte, dem düstren Florentiner den Lorbeerkranz von der stolzen Bronzestirn zu reißen. Es scheint, daß es einem Forscher unserer Zeit Vorbehalten werden sollte, die Wahrheit zu entdecken und — was die ganze Schar seiner Vorgänger in sträflichem Leichtsinn übersehen hatte — endlich ans Licht zu bringen. Im Verlag von D. Clecner in Zürich erschien: Schlüssel zu Dante Alighieris Werke „Das neue Leben", eine Komödie in fünf Abteilungen von Michael Sinowitz. Das Buch beschäftigt sich aber nicht nur, wie sein Titel besagt, mit der Vita nuova, der wundervollen, poesiegetränkten Darstellung von — wie man bisher annahm — Dantes Jugendliebe, von der uns Karl Federn erst 1897 eine ausgezeichnete Uebersetzung mit Kommentar (Halle, Verlag von Otto Hendel) dargeboten hat. Es behandelt nebenbei auch die übrigen Werke Dantes und kommt dabei zu ganz merkwürdigen Resultaten. Dante hat — das ist die Summe der Ausführungen von Michael Sinowitz — niemals gedichtet. Die unter seinem Namen auf die Nachwelt gekommenen Werke sind von einem jüdischen Arzt, Chasdai Kaksch, verfaßt, der 1272 geboren ward und 1358 starb. Von ihm soll auch das Buch „Machbereth Immanuel" herrühren, das bisher von keinem Fachmann richtig verstanden worden ist. Auch von Grätz, Geiger und Zunz nicht. Gleich in den Anfangszeilen des „Neuen Lebens" findet Sinowitz einen Hinweis auf das Buch „Machbereth Immanuel." Von der Voraussetzung ausgehend, daß die Dichtungen Dantes von einem Juden Herrührern, erläutert er nun das „Neue Leben" Kapitel für Kapitel und kommentiert mittelbar auch die „Divina commedia.“ Nach ihm bedeutet Beatrice den — Talmud, und unter der Liebe hat man die — j Mischna zu verstehen. Die zwei älteren Damen, die Beatrice - begleiten, als sie im Vorüberschreiten den Dichter grüßt, sind! Personifikationen eines kabbalistffchen und eines philosophischen

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