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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · p. Seite 601

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 601 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Israelitische Wochenschrift. Seite 601. ihm entziehen können? Man hat, leider unberechtigter Weise, dem Judentum einen über die ganze Welt gehenden Zusammenhang vorgeworfen. Vorgeworfen! Während man ihn, wenn er vorhanden wäre, an uns hätte rühmen müssen Wir streben darnach, aber noch ist es nicht so weit! Wie alle Glaubensgemeinschaften sich über die Grenzen ihrer Länder hinaus als eins fühlen, so sollen und müssen auch wir es, ohne stets uns ängstlich zu fragen, ob darunter unsere vaterländischen Gesinnungen nicht leiden. Durch etwas Gutes leidet nichts Gutes. Und hören wir nicht — wir wagen es kaum, dies nachzusprechen — hin und wieder das böse Wort, unsere Brüder hätten es nicht besser verdient? Ihre bösen Eigenschaften hätten ihnen diese Verfolgungen zugezogen? Werden sie in manchen Kreisen nicht als unsere entarteten und minderwertigen Stammesgenossen angesehen? Ja, hat man nicht die Ansicht im'einzelnen aussprechen hören, daß wir uns selbst schädigen, wenn wir jenen helfen, indem wir, die Gleichberechtigten, uns mit den Rechtlosen auf eine Stufe stellen, als hätten auch wir vor der Zukunft zu fürchten? Da gleicht der Geist Israels dem Jeremia; er rüttelt an dem Grabe der Vergangenheit, er ruft den Geist der Mutterliebe hervor, die nicht fragt und vernünftelt, nicht mäkelt und märtet, sondern hilft! Das ist die wahre Menschengesinnung, das die wahre Liebe, das zieht die Gnade Gottes herab! Daran hat Israel stets geglaubt, das glaube es auch heut und helfe! Jeder bringe sein Opfer, der im Bewußtsein, daß eine Wunde heilen, einem Mangel auch im einzelnen abhelfen, das höchste ist, was der Mensch an Liebe dem andern leisten kann. Jeder nach seiner Kraft, jeder mit der Absicht, daß alles zum Besten angewandt werde. Die kleinste Gabe ist, zum rechten Zwecke gelangend, der größten gleich! Damit arbeiten wir jener Zeit vor, in welcher alle einst zu einem Bunde werden, um Gottes Willen mit friedlichem Herzen zu erfüllen! Das Judentum und der Weltfrieden. Von Heinrich Schüler. Es sind ungefähr zwei Monate her, als ich, von Brasilien kommend, in Newyork eintraf. In Brasilien ist die Zahl der Juden ganz auffallend gering. Nirgends bilden sie eine geschlossene G.meinde. Die wenigen Vertreter dieser alten und merkwürdigen Rasse gehören zumeist dem Großhandel an und unte, scheiden sich in ihren Lebensgewohnheiten durch nichts von den übrigen Angehörigen ihres Standes. Die Portugiesen, welche die große Masse der brasilianischen Nation ausmachen und ihr den Stempel ihres Volkstums aufgedrückt haben, besitzen bekanntlich eine starke Mischung semitische Blutes, viele unter ihnen sollen reinblütige Israeliten sein, aber auch letztere scheinen zum größeren Teil die katholische Religion angenommen zu haben. Jedenfalls haben die portugiesischen Israeliten, wenigstens soweit mir bekannt, keinen eigenen Tempel in Brasilien. — Ganz anders ist es z. B. in Südafrika, dort wohnen sehr viele deutsche Israeliten, so viele, daß die Boeren zur Zeit, als ich dort weilte, Deutsche und Israeliten nicht zu unterscheiden vermochten. So sagte mir 1882 ein Boer: „Ja, ja, Anno 1870 haben die Juden die Franzosen tüchtig verhauen!" In meiner deutschen Heimat, *) Wir entnehmen diese interessanten Auslassungen eines christlichen Deutsch-Amerikaners, mit einigen Kürzungen, der in Ioungstown (U. S.) erscheinenden „Ioungstown-Rundschau/' Red. der Provinz Hessen-Nassau, gibt es Dörfer, welche fast ausschließlich von Israeliten bewohnt werden, und die sich bezüglich Rasse, Religion, Sprache und Sitten übel aus rein erhalten haben. Dort habe ich als Jüngling eifrige Studien gemacht und mich bemüht, in das Volks- und Seelenleben dieses uralten, hochinteressanten Volkes einzudringen. Schon damals drängte sich mir mit zwingender Logik die Ueberzeugung auf, daß das Judentum ein Segen für die Völker der Erde ist und eine große Kulturmission zu erfüllen hat. Jahre, viele Jahre vergingen, die Erlebnisse und Studien meiner Jugendjahre waren mir nur noch eine angenehme, ziemlich verblaßte Erinnerung. Da führte mich der Weg nach Newyork, und eines Tages geriet ich ganz zufällig in das Judenviertel. Das gab mir eine starke Anregung, die Arbeit längst vergangener Jahre wieder aufzunehmen. Ich habe das ganz objektiv getan, etwa so wie man sich jetzt mit Russen und Japanern beschäftigt. In diesem Sinne möchte ich in nachstehenden Zeilen über die gewonnenen Eindrücke plaudern. Es liegt mir dabei vollkommen fern, irgend welche Rassen- oder Religionsfragen anzuschneiden, ich will nur einfach meinen persönlichen Wahrnehmungen Ausdruck verleihen. Diese allerdings haben mich von neuem darin bestärkt, daß das Judentum eine große Kulturmission zu erfüllen hat und ein mächtiger Förderer der Friedensidee ist. So oft ich über das Thema mit Freunden sprach, so oft machte ich die Erfahrung, daß wir Nichtjuden von dem alten israelitischen Kulturvolk, mit dessen Gliedern wir seit Jahrhunderten Zusammenleben, fast so gut wie gar nichts wissen, sein Geistes- und Gemütsleben ist uns noch heute vollkommen fremd. Dieser geradezu unglaublichen Unkenntnis verdankt der Antisemitismus seine Existenz. Die mangelhafte Beobachtungsgabe des Menschea ist es wohl zunächst, welche uns verhindert, tiefer in das Geistesleben des israelitischen Volkes einzudringen. Wie lückenhaft die menschliche Beobachtungsgabe ist, kann man täglich erproben. Würde man zum Beispiel zwei Personen beauftragen, die Persönlichkeit eines gemeinsamen Freundes aus dem Gedächtnis zu beschreiben, so wird man sich nicht darüber wundern dürfen, wenn der eine behauptet, daß der Freund blaue Augen habe, während der andere schwört, sie seien braun. — Dann ist es die Abneigung, welche der Mensch oder ganze Völker gegen die unverstandenen Sitten und Gebräuche anderer empfinden. Jeder junge Deutsche, der ins Ausland geht, fühlt sich zunächst als berechtigter Kritiker und angehender Reformator. Das und jenes ist noch nicht so wie bei uns zuhause, darum ist es schlecht und muß reformiert werden. Ist nun das unverstandene Volk ein geistig gleichwertiges oder gar überlegenes, so verwandelt sich die Abneigung nicht selten in Haß. Gerade in Deutschland, dem Lande der Dichter und Denker, mußten notwendigerweise die Gegensätze besonders stark aufeinanderplatzen. Dazu kamen alte, längst abgetane finstere Ueberlieferungen des Mittelalters, so entstand in Deutschland der Antisemitismus. Die antisemitische Bewegung, so verwerflich ihre Auswüchse sind, ist gut, denn sie regt Juden wie Nichtjuden zum Nachdenken an. Oie Angegriffenen wehren sich ihrer Haut und da auf ihrer Seite die besten ihres Volkes kämpfen, was man von den Antisemiten nicht sagen kann, so sind sie natürlich im Vorteil, die Zahl der Philosemiten wächst von Jahr zu Jahr und bald werden auch die letzten Reste mittelalterlicher Engherzigkeit gefallen sein, welche die Deutschen germanischen und israelitischen Blutes trennten. Ganz anders liegen die Verhältnisse in Rußland. Dort ist ein geknechtetes, unwissendes Volk, welches an seinen

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