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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-27 · 43 (27.10.1905) · p. Seite 600

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 600 (sequence 4)
Language
German
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Seite 600. Israelitische Wochenschrift. Nr. 43. Merkwürdige Dichtung der Weisen! Die Vernunft mag sich noch so sehr gegen die darin gemalten Bilder sträuben, — wie kommt es, daß wir andachtsvoll, ergriffen einer solchen Erzählung lauschen, daß wir Kinder eines kalt prüfenden Zeitalters uns dem Eindruck dieses Midrasch nicht entziehen können, daß wir am Schluß mit den erhörten Müttern erleichtert aufatmen? Wie der Prophet in unserer Hafthara, so wenden sich hier die Weisen Israels nicht an den nüchtern erwägenden Verstand, sondern an das Gefühl — sie haben nichts Fremdes in Jeremias Worte hineingelegt, sondern haben das von ihm Angedeutete in seinem Geiste nur ausgeführt. Diese ihre Dichtung ist eine Perle, wie wir ihresgleichen in der Weltliteratur wenige stnden. Wir ahnen dunkel, daß in diesen Bildern eine tiefere Wahrheit sich birgt, als in den glänzendsten Ausführungen des folgernden Denkergeistes. Welche Wahrheit ist das? Israel im Elend, in der schlimmen Vorahnung entsetzlicher Ereignisse — das ist leider vielfach der Grundton der Geschichte Israels. Israel im Elend und seine hervorragenden Geister bemüht, dasselbe abzuwenden — das ist allerdings die tröstliche Ergänzung, das ist die leuchtende Seite eines so schmerzlichen Bildes. Ist die Gegenwart arm an Hilfe, so wenden sie sich an den Geist der Vergangenheit, zaubern alles Edle und Herrliche aus den Gräbern hervor, damit es zum Trost und zur Kräftigung diene, damit es vor dem Schöpfer den Zweck Israels und seine Daseinsberechtigung dartun und schon dadurch belebend und kräftigend wirke auf das schwache Zeitalter. Jene überlegenen Gestalten ziehen sich nicht von den Ihrigen zurück, betrachten sich nicht als etwas Besonderes, sondern sie greisen kräftig und mutig ein — aus ihrem Gebete, aus ihrer Sehnsucht tritt die Tat hervor, sie selbst wird zum kräftigen Gebet, und wo das sittliche Verdienst nicht imstande ist, ein Zeitalter zu retten, (wann wäre eine Zeit dazu fähig gewesen?) da hilft die Kraft der Liebe, der Menschenliebe, die auch im Entarteten und Verirrten wirkt, die sich selbst vergißt und das Elend anderer lindern will und durch dies dem Gefühl entsprungene Wirken die Leiden der Zett zu heilen Zustande ist. Hier ist nicht von einer geheimnisvollen Gnade die Rede, die der Mensch durch das Aufgeben des Glaubens an sich und seine sittliche Kraft erlangt — eine solche Auffassung hat im Judentum keinen Raum; aber wohl von dem Bewußtsein, daß es verwegen wäre, sich auf die eigenen Verdienste im Guten stolz zu berufen; Selbsterkenntnis führt zur Notwendigkeit, demutsvoll sich selbst zu vergessen und ohne ängstliche Selbstbeschränkung werktätige Liebe zuüben — eine andere Liebe bleibtnurRedensart. Mit Recht lehrt darum die Religion, daß mitleidsvolle Liebe ohne Nebengedanken die Gnade auf uns herabzieht, daß ihre Wirksamkeit, im Midrasch verkörpert durch die flehenden Mütter, unbedingt das Tote beleben und das Hinfällige stark machen kann. Was tun die Väter, welche Jeremia aus dem Grabe ruft? Sie berufen sich auf ihr Lebenswerk, auf ihre Ziele; nicht die Gnade rufen sie an, sie wollen das strenge Maß und hoffen, dadurch die Ihren erhalten zu können. Nach dem sittlichen Maßstab gemessen sollen ihre Kinder bestehen oder fallen. Sind es doch ihre Kinder, tragen sie doch ihre Namen, wird doch das, was sie durch ihre Taten als Maßstab des Guten aufgestellt, nur dann erhalten, wenn die Wage nicht schwankt und beim Richterspruch gut gut und schlecht schlecht bleibt. Sobald sie erfahren, daß Israel sich geradezu im Gegensatz zu ihrem edeln Wirken gestellt hat, können sie von der Zukunft nichts gutes erwarten, dürfen sie es nicht mehr erwarten, sie würden sonst Gott und seinen Forderungen Unrecht tun. Maßstübe — Ziele, sittliche Verdienste — wir merken, es sind Männer, es sind Väter, die so sprechen; sie lieben ihre Kinder auch, aber sie wollen sich selbst in ihnen abgespiegelt sehen, und wenn nicht, so sind sie imstande, wie schwer es ihnen auch wird, sie preiszugeben. Die Propheten, Jeremia an der Spitze, haben diese Möglichkeit, sich oft genug vorstellen müssen — aber sie blieben dabei nicht stehen und mußten einen höheren Maßstab gewinnen, um Israel das Recht des Bestehens zu sichern. Jeremia ruft die Mütter auf. Diese sprechen nicht von Verdiensten, denken nicht an Mängel, stellen sich keine weiten geschichtlichen Ziele vor: Ihre Kinder sind unglücklich! Das ist deren ganze Tugend in ihren Augen, darum sind sie ihrem Herzen doppelt nahe! Und sollten sie entartet sein und sollten sie nicht für ihre Eigenschaften einstehen können — es sind ja ihre Kinder! Sie wären keine Mütter, sollten sie die Vernichtung dieser ihrer Lebenshoffnungen voraussehen und nicht den festen Willen haben, daß sie leben sollen! Welche Mittel sie anwenden dürfen oder nicht, was ihnen und ihrem Leben und ihrem Hause zur Ehre gereicht oder nicht — das sind ihnen unmögliche Erwägungen. Es ist die Kraft der Verzweiflung, die dem Löwenrachen das Kind entreißen kann, die ihnen nicht die Hoffnung, sondern die Gewißheit gibt, daß ihre Kinder leben werden, weil sie ihnen zuliebe leben müssen. Welches Opfer Gott von ihnen verlangen würde — wie gering würde es in ihren Augen sein, wenn nur das eine Opfer nicht verlangt wird, ihren Kindern zu entsagen! Das ist die Liebe, der die Gewährung nicht fehlen kann, weil es keine müßige, schwächliche Liebesempfindung ist, sondern weil sie verbunden ist mit der kräftigen Liebestat und wenn es sein muß, mit entsagungsvoller Selbstopferung. — — Diese Gedanken sollen aber in uns nicht bloße Ergebnisse gottesdienstlicher Betrachtungen bleiben — sie sollen ein tatsächliches Leben in unserem eigenen Liebeswirken gewinnen; das Schicksal eines Teils unserer Glaubensgenossen richtet an uns ganz besondere Forderungen des Liebeswirkens. Denken wir am heutigen Fest an unsere leidenden Glaubensbrüder im östlichen Nachbarlande. Unsere Hauptgebete verkünden in prophetischem Geist ein Zeitalter allgemeinen Weltfriedens, allgemeiner Menschenliebe im Licht der Gotteseinheit, eine Zeit, in der das Unrecht den Mund verschließen, die Redlichkeit dagegen Freiheit der Rede und der Tat genießen wird. Was hat aber Israel erfahren? Wir sahen die Gewalt offen und schamlos gegen die Juden sich regen — mittelalterliche Mordausbrüche, die uns zuerst Entsetzen verursachten, wiederholten sich so lange und so oft, daß wir uns schließlich an sie gewöhnen, daß das Mitleid sich abzustumpfen droht und der Maßstab zu verschwinden, mit dem wir unser Zeitalter zu messen haben. Wir haben lange Zeit von verbrannten Judenstädten, geplünderten Wohnungen gehört, von Witwen und Waisen, die an den Leichen ihrer ermordeten Angehörigen weinen, deren sich niemand in jenem Lande annimmt — wenn der Winter nun noch neue Not über sie bringen wird — woher dann Hilfe, wenn nicht von seiten ihrer Glaubensj genossen? j Wir deutschen, französischen, englischen, nordamerikanischen Juden nehmen heute die bevorzugte Stellung ein, die einst der alexandrinischen Gemeinde, später den spanischen Juden zukam. Diese waren stets der Schutz ihrer leidenden Brüder. Wenn heute, wo wir für das einstige Gottesreich beten, der Ruf um Hilfeleistung an uns erschallt — werden wir uns

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