Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 43 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gchiiltillteresskil des Indentiims. Webst öern Weiblall: Jüdisches Littercrtuvbtcrtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: ( Bezugspreis vierteljährlich: Werlin Woß-Straße 3! Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. Telephon: Amt I, 5729. * alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Nummer 43. Kerlin, 27. Oktober 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Ros;-Stras;e 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische Litteraturblatt Nr. 20. Inhalt. Artikel: „Eine Stimme tönt von Ramah her." Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal. — Das Judentum und der Weltfrieden. Von Heinrich Schüler. — Wer schrieb Dantes Werke? — Statistisches aus Newyork. — Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Judentum. — Politik: Wie sich die Zeiten ändern. — Eine Säule des Antisemitismus. — Paris. Die Munizipalwahlen. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Jeuilleton: Die Macht der Liebe. VonBabette Fried. (Schluß.) — Inserate. Fiin Stimme tönt uoit ftnnutli her." Predigt, am zweiten Roschhaschanatage gehalten, von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal-Preuß.-Stargard?) Jeremia, der leidgekrönte Seher, der so oft mit wehmütigen, oft mit bitter geißelnden Worten die Fehler Israels rügt — in dem Prophetenabschnitt unseres Festes richtet er seine Trostesworte an das Volk, das er schon, seines Vaterlandes beraubt, im tiefsten Elend sieht. Es verwandelt sich der flammende Sittenredner in den mitleidsvollen Ti öfter — er wäre kein Prophet Gottes, wenn er an den Untergang Judas glauben könnte; wie Amos und Hosea haßt er die Fehler seines Volkes, wie sie kann er nie den Gedanken sich als Wahrheit vorstellen, daß Gott ohne Israel bestehen wolle. Wer könnte sich der Wirkung seiner Worte verschließen, wenn Jeremia ruft: „Eine Stimme tönt in Ramah, ein bittrer Weheton! Rahel weint um ihre Kinder, weigert sich, Trost anzunehmen im Schmerz um ihre Kinder, die nicht mehr da sind!" Um das Reich der zehn Stämme, das vernichtet ist, hört er die Stammutter klagen, und er hört auch die tröstende *) Gelegentlich des Aufrufs des „Hilfsverein der Deutschen Juden." Gottesstimme, die der Mutter Trost zuspricht und ihr die Zukunft der Kinder sichert. — — Als Jeremia das vernichtende Urteil vernommen hatte, daß Jerusalem in Trümmer fallen würde mit seiner Gottesstätte und daß ihre Bewohner vaterlandslos in der Fremde umherirren würden, da erfaßte ihn Verzweiflung. Er eilte nach Hebron zur Machpelahöhle, wo die Väter und Mütter seines Volkes begraben lagen. Laut rief er aus: „Ihr Väter unseres Volkes, wie könnt ihr hier ruhig der Grabesruhe pflegen! Wrßt, Eure Kinder sind der Vernichtung geweiht, das Euch versprochene Land soll ihnen geraubt werden. Tausende werden fallen, die anderen in der Verbannung untergehen, und so wird alles, was ihr für Gott getan, auf ewig verloren sein!" Auf diesen Ruf der Propheten öffneten sich die Riegel jenes Felsengrabes, und die Stammväter stiegen empor vor den Richterthron des Höchsten. Abraham rief: „Habe ich vergebens in allen mir aufgelegten Prüfungen mich bewährt, meine Standhaftigkeit in deinem Dienst gezeigt?" Der ewige Richter antwortete: „Und deine Kinder haben mich durch ihre Taten auf eine harte Probe gestellt und waren nur im Schlimmen standhaft!" Isaak hob seine Hände empor: „Gedenke es ihnen, daß ich einst mich dir zum Opfer dargeboten!" Und Gott erwiderte: „Haben sie nicht den Götzen Opfer dargebracht?" Und Jakob flehete: „Ein Leben voller Kampf und Elend habe ich durchgemacht, damit in einem Volke dein Name geheiligt werde!" „Und dies Volk hat meinen Namen entweiht!" tönte es unerbittlich aus den Höhen zurück. Unverrichteter Sache wandten sich die Stammväter wieder der Machpelahhöhle zu. Aber Jeremia ruhte nicht. Er eilte nach einem einsamen Grabe, das an der Landesgrenze bei Ramah lag. Da rief er mit der Kraft der Verzweiflung: „Rahel, du Frühverstorbene! Die Deinen sollen ins Elend wandern! Vergebens haben die Stammväter Gott angefleht! Erhebe du dich und laß die Stimme der Mutter vor Gott zur Fürbitte erschallen!" Und bei dem Rufe stieg die jugendliche Gestalt Rachels empor, und sie rief ihre Genossinnen, die anderen Stammütter, aus der Machpela mit sich. Sie redeten nicht vor Gott, sie weinten und rangen um ihre unglücklichen Kinder die Hände; mit stummer Bitte fleheten sie um Erbarmen. Und das Flehen der Mütter blieb nicht unerhört. „Laßt ab vom Weinen und hört mit den Klagen und Tränen auf," rief gnadenreich die Gottesstimme, „euere Bemühungen haben Erfolg gehabt, und es kehren dereinst eure Kinder in ihr Land zurück." — —