Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 594 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 594. Israelitische Wochenschrift. Nr. 42 Stuttgart. Herr Landrichter Stern ist als der erste Jude, der in Württemberg diese Rangstufe erreichte, zum Landgerichtsrat ernannt worden. Strastburg i. Elf. Anläßlich der Ausstellung für Denkmalpflege in Straßburg dürfte es interessieren, zu erfahren, daß auch die Israeliten im Elsaß ihr Möglichstes tun, um die speziell jüdischen Denkmäler zu erhalten und allgemein bekannt zu machen. Diesen Zweck verfolgt vor allem die seit dem Anfang dieses Jahres bestehende „Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen", welche nächstens eine Schrift über die Geschichte der Juden in Rusach herausgeben wird aus der Feder des Rabbiners Dr. Ginsburger in Sulz (Oberelsaß), mit Zeichnungen der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Synagoge und Judengasse daselbst von dem Altkonservator Baurat Winkler in Colmar. Stratzvurg i. Elf. Der Ausschuß des «Elsaß-Lothringischen Rabbinerverbandes" versendet folgendes Zirkular an sämtliche elsässischen Rabbiner, auch an die Nichtmitglieder des Verbandes, über die Abschaffung der Probepredigten in Elsaß- Lothringen: „Bei der Debatte über Probepredigten in der Generalversammlung vom 4. Juli hat unter den Anwesenden Einstimmigkeit geherrscht über das Entwürdigende dieser Institution für den Rabbinerstand; es werde als wünschenswertes Ziel angesehen, die Abschaffung der Probepredigten bei uns herbeizuführen. Die Versammlung hielt sich jedoch nicht für berechtigt, in einer derartigen prinzipiellen Angelegenheit auch für die Abwesenden bindende Beschlüsse zu fassen. Es wurde daher dem Ausschuß zunächst als Aufgabe gestellt, die Ansicht aller Kollegen in dieser Frage zu hören. Wir bitten Sie daher, sich über folgende Fragen gütigst äußern zu wollen: l. Halten Sie Probepredigten für etwas den Rabbiner herabwürdigendes? 2. Halten Sie die Abschaffung derselben für wünschenswert? 3. Würden Sie sich eventuell verpflichten, dies zu verwirklichen?" Lemberg. Am Kol-Nidre-Abend ist Oberrabb. Jsak Schmelkes verstorben. Schmelkes, einer ruhmreichen Gelehrten- und Rabbinerfamilie entsprossen, war unstreitig die bedeutendste, talmudische Autorität der Gegenwart und genoß als solche in den weitesten Kreisen des rechtgläubigen Judentums hohe Verehrung. Dabei war Zelotismus und Intoleranz seiner Natur gänzlich fremd und es mangelte ihm nicht das Verständnis für die Bedürfnisse und Anforderungen der neuen Zeit In seinem Wesen und in seiner humanen Gesinnung war ein Zug antiker Größe und er erinnerte an die besten Gestalten unserer alten Geschichte. Er wirkte nacheinander als Rabbiner in Zurawno, Brzezan, Przemysl und Lemberg und es war ihm beschieden, auf eine große Zahl hervorragender Jünger in hohen Stellungen zu blicken, die sich durch umfassendes Wissen und tiefe Gelehrsamkeit auszeichneten. München. Hier ist dieser Tage im Hause Nr. 65 der Kaulbachstraße ein israelitisches Altersheim eröffnet worden, das durch die Initiative des Rentiers Kronheim in Melbourne, eines geborenen Bayern, und der Hinterbliebenen der in Paris verstorbenen Freifrau v. Hirsch-Gereuth, welche das Grundstück dazu schenkten, erstanden ist. Durch freiwillige Spenden sind 30 000 Mk. zusammengebracht worden, deren Zinsen für die Pensionäre verwendet werden. Petersburg. Die vereinigte Versammlung mehrerer zionistischer Vereine in St. Petersburg hat die Einberufung eines allrussischen Zionistenkongresses beschlossen zur Aufklärung der Frage der „Beziehung der russischen Zionisten zu der allgemeinrussischen Befreiungstendenz". Newyork. Hier geht das Gerücht umher, daß Dr. Cyrus Adler infolge Ueberbürdung mit anderweitigen Beschäftigungen auf sein Amt im Jewish Theological Seminary verzichten will. — Mr. Philip Coven, der Herausgeber des „American Hebrew", ist an Stelle des Herrn Marcus Brown, der auf sein Amt verzichtet hatte, zum Einwanderungskommissar auf Ellis Island ernannt worden. Dies ist ein Beweis dafür, daß die amerikanische Regierung von dem bisherigen rigorosen Benehmen des Herrn Williams, sowie seines Nachfolgers Robert Watchorn, den einwanderungslustigen Fremden gegenüber wenig erbaut ist und wenigstens in bezug auf die Juden eine mildere Praxis einzuschlagen gedenkt —Die Bibliothek des verstorbenen Oberrabbiners von Budapest, Dr. Kayserling, ist an das Hebrew Union College verkauft worden. Die Bibliothek hat 3500 bis ca. 4000 Bände, sowie zahlreiche Handschriften, die namentlich für die Geschichte Amerikas sowie des amerikanischen Judentums von großem Wert sind. _ Feuilleton. Die IDacbt der Liebe. Von Bavette Fried. (Fortsetzung.) „Welche Strafe hätte seiner gewartet, wenn er verurteilt worden wäre?" „Gar keine, es wäre zu keiner Verurteilung gekommen, denn das Verbrechen ist längst verjährt. Aber ohne Untersuchung wäre es doch nicht abgegangen, und vor dieser Schande wollte ich den Unglücklichen schützen. Ich schrieb mit verstellter Schrift eine Warnung an ihn und riet ihm zur Flucht. Mit dieser Warnung habe ich ein Amtsgeheimnis verraten und habe mich unwürdig gemacht, länger im Amte zu verbleiben." „Und dein Freund, was tat er, floh er?" „Ja, er floh." „Wohin?" „Dahin, wo er jedem irdischen Rechtsspruch entrückt ist." „Er nahm sich das Leben, wenn ich dich recht verstanden habe, Josef!" „So ist es! Man fand ihn nach einigen Tagen zerschmettert in einem Abgrunde, wo er bei einer Bergpartie „verunglückt" ist. An mich hatte er zuvor einen Brief der Post übergeben. Mutter, ist dir der Name Pichler bekannt, Heinrich Pichler?" „Himmlischer Vater, meine Ahnung! Das ist er!" schrie Esther verzwefflungsvoll auf. „Ja das ist er," stimmte Josef bei. „Willst du den Brief lesen, Mutter? Es ist darin auch deiner erwähnt". „Ich kann nicht lesen, mir schwindelt vor den Augen. Lies mir ihn vor, Josef, ich bitte dich!" „Gerne, aber setze dich, teuerste Mutter, und beruhige dich zuvor. Gib mir ein Beispiel jenes Mutes und jener Kraft, die du mir einflößen wolltest. Also höre: „Mein edler Freund! Die Warnung kam von Ihnen, ich fühle es. Niemand wie Sie ist eines solchen Edelmutes fähig. Und zu wissen, daß ich dessen so gar nicht würdig bin, so ganz und gar nicht, das erschwert mir den Tod, den ich als Erlöser von Gewissensqualen begrüße, die mich unablässig foltern. Wenn es eine Entschuldigung für das von mir begangene Verbrechen gibt, so ist es die, daß ich aus Liebe und Eifersucht rasend gewesen bin, aus Liebe zu Ihrer Stiefmutter, welche einst noch zu erringen ich bis zu ihrer Verheiratung immer gehofft hatte. Ich mußte mich rächen, ich hätte sonst nicht weiter zu leben vermocht. O, sie war so schön, meine Esther, so groß und herrlich, und nun war sie an diesen alten Mann gefesselt und mir auf immer verloren. In diesem Gedanken lag Wahnsinn, und in diesem Wahnsinn beging ich das Verbrechen. Für meine spätere Handlungsweise finde ich nicht einmal diese Rechtfertigung. Ich beging alles Böse, das ich Ihrem ahnungslosen Vater zugefügt habe, mit klarem Bewußtsein, mit ruhiger Ueberlegung. Mit teuflischer Bosheit habe ich Gerüchte erfunden und ausgestreut, welche seinen materiellen Ruin zur Folge haben sollten. Später führte mich der Zufall mit Ihnen zusammen. Ich erfuhr, wessen Sohn Sie sind, und mein Plan war fertig. Unter der Maske des treuen Freundes und uneigennützigen Ratgebers hat sich ein arglistiger Teufel in Ihr