Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 595 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42 Israelitische Wochenschrift. Seite 596 gastfreies Haus geschlichen, der alle Verführungskünste aufbot, Sie zur Taufe zu veranlassen. Damit, das wußte ich, stoße ich das Messer in das Herz meines Todfeindes. Jetzt bin ich am Ende meines unseligen, von Leidenschaft verblendeten Lebens angelangt. Fluchen Sie mir nicht im Tode und bringen Sie Ihrer edlen Mutter meine letzten Grüße. Heinrich Pichler". Starr und bleich wie ein Wachsbild saß Esther da. „Sein Ende war eines solchen Lebens würdig," sagte sie traurig. „Ich vergebe dem Unglücklichen alles Böse, das er uns zugefügt hat und zufügen wollte. Er hat aus Liebe gefehlt, und wie sagt dein Vater? Stark ist die Liebe wie der Tod! Dir aber, Josef, danke ich aus vollstem Herzen, daß du meinem verirrten Jugendfreunde den letzten Liebesdienst erwiesen hast, daß ihm Schmach und Schande erspart geblieben ist. Vorzuwerfen brauchst du dir nichts, mein Kind! Du warst ja nicht behilflich dazu, einen Verbrecher der irdischen Strafe zu entziehen, das freilich dürftest du dir nicht verzeihen; da aber das Verbrechen schon verjährt war, so hast du doch nichts Unrechtes begangen." „Doch, Mutter, doch! Ich habe eines Richters unwürdig gehandelt." „Du hast kein Recht, dich im Besitze deiner vollen Kraft vom Schauplatze deiner Tätigkeit zurückzuziehen. Wie käme deine Frau dazu, ihre jungen Jahre in Zurückgezogenheit zu verleben? Schon ihr zu Liebe mußt du auf deinem Platze bleiben." „Mein Weib verlangt nichts anderes als in Zurückgezogenheit, ferne vom weltlichen Treiben zu leben, liebe Mutter. Es ist eine große innere Veränderung mit ihr vorgegangen. Die Kirche ist ihre Welt, ihre Zerstreuung der Rosenkranz." „Dein Weib ist eine Betschwester geworden?" „Das ist der richtige Ausdruck, Mutter! Betschwester ist sie geworden, Mitglied mehrerer frommer christlicher Bruderschaften und Vereine." „Laß sie gewähren, mein Josef! Ihr Glaube macht sie glücklich. Sie verehrt Gott. In welcher Form, das ist Nebensache. Sie findet Frieden in der Ausübung religiöser Pflichten; das ziemt dem Weibe. Wir Frauen haben nicht euere Seelenstärke." VII. Während Mutter und Sohn so in ein ernstes Gespräch im Hinterstübchen des Schlesingerschen Hauses vertieft waren, saß in einem andern Zimmer des Hauses Paul am Lager seines kranken Großvaters. Paul war sich bewußt, daß die Lebenszeit des teuern Greises nur nach Tagen, vielleicht nur Stunden zählte, daß eine unvorhergesehene Komplikation oder auch nur eine leichte Aufregung sein Ende beschleunigen könne. Und doch sprach er eindringlich auf den Kranken ein. Denn es lag ihm viel daran, dem im Hause weilenden Vater den Zutritt zum Krankenlager des Großvaters zu ermöglichen, ihm dessen Verzeihung zu verschaffen. Paul wußte, daß wenn Jakob Schlesinger diese Welt verließ, ohne seinem Sohne vergeben und ihn gesegnet zu haben, diesen der letzte Rest von Seelenfrieden verlassen müsse, der ihm nach den letzten aufregenden Ereignissen geblieben war. Dem mußte er zuvorkommen. Er sprach mit sanften aber eindringlichen Worten zu dem Kranken. „Paul!" antwortete ihm dieser ausweichend. „Du hättest doch ein Prediger werden sollen; du kannst so ergreifend sprechen, du hättest jeder Kanzel Ehre gemacht, hättest deine Zuhörer zu rühren verstanden. Sprich, warum studierst du eigentlich Medizin, statt- Philosophie, um dann Rabbiner zu werden? Ist denn ein Studienwechsel nicht möglich? (Schluß folgt.) vi. Sonetts Motto: Lieb'und Wahrheit sollen niemals dich verlassen. (Spr. S. 3, 3.) Per teutsche Wathematikus. Antisem ins Album. Lin teutscher Mathematikus ergrimmt, So oft den Lehrsatz des Pythagoras Lr vorträgt. Und woher Magisters Haß? Weil ihn, was nicht von Teutschen stammt, verstimmt. Und gar ein Wahnsinn ihn gefangen nimmt, Als ihm einst in den Sinn kam alles das, Weß teutsche Forschung ohne Unterlaß Fernher bedarf; er fast in Tränen schwimmt! Lr zittert ob der Wahrheit, daß wir alle Linander oft bedürfen. — Als dem Weisen Von Samos sich erschloß sein Satz in Alarheit: Da opfert dankend in der Tempelhalle Lr eine Hekatombe. Drum entgleisen Gehörnte stets ob jeder neuen Wahrheit. Demokritos. *) Im V. Sonett — Nr. 37 der „I W." — muß das erste Wort der zweiten Strophe nicht Dann, sondern Denn heißen. 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