Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 593 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 693. — „Montag, den 16. Oktober, abends 7 Uhr, Repräsentantenfitzung! Also lautete die offizielle Ankündigung unserer Gemeindeverwaltung in der Presse. Wer aber zur festgesetzten Zeit als Zuhörer sich in die Gemeindestube begeben wollte, fand ein verschlossenes Haus! Nicht einmal Gelegenheit zum Antichambrieren! Bei der Kälte, bei dem Wetter von dem weiblichen Gemeindecerberus alias Frau Oberschammessen tatsächlich auf die Strafte gesetzt: „Es ist geheime Sitzung, da kommt keiner rein!" — „Aber wir haben doch ein Recht, wenn Sitzung angekündigt ist, auf die Gallerie zu gehen!" — „Geht uns nichts an. Sie müssen > draußen auf der Straße bleiben, wenn öffentliche Sitzung beginnt, wird wieder aufgeschlossen!" Schwapp, da krachte die Tür, draußen waren wir. In demselben Augenblick ein Kichern neben uns: unser Freund G., mit dem wir uns auf der Gallerie ein Re.ndez-vous geben wollten. Den hatte der männliche Teil des bereits erwähnten Cerberus seinem Schicksal überliefert. Unser Freund G. fand die Außentür nicht verschlossen, ging ahnungslos in den Sitzungssaal, fand als einziger Galleriebesucher die Sitzung schon im Gange, als auf einmal die Stentorstimme des Vorsitzenden ihn aus allen Träumen schreckte und ihn mit der Mitteilung überraschte: „Geheime Sitzung, raus!" Draußen empfing ihn grinsend der Herr Oberschammes Simonsohn mit den klassischen Worten: „Nu—u—u? Me' hat se wol scheen rausgebracht??" (Anscheinend ist diese Sprache Gemeindestubenjargon!)! — Scherz bei Seite — obwohl in dem, was wir bis jetzt gesagt, nicht ein Körnchen Uebertreibung steckt! Es ist geradezu unglaublich, daß unsere Gemeindeverwaltung eine Gemeindevertretersitzung öffentlich ankündigt und etwaigen Zuhörern zumutet, auf -er Strafte so lange herumzuflanieren, bls es den Herren dort oben paßt, die Pforten wieder öffnen zu lassen — was in diesem Falle um 1liS Uhr noch nicht geschehen war. Selbstverständlich zogen wir es vor, im nächstgelegenen Kaffee durch ein Täßchen Mokka unsere erstarrten Glieder wieder ein wenig aufzuwärmen und von unserem beschränkten Gemeinde-Untertanenverstand aus dem Schicksal zu danken, daß es uns in die Khillo kedauscho Berlin und nicht in Schilda oder Schöppenstedt verschlagen, dort hätten wir sicher an einem solchen Abend keine Gelegenheit gehabt — Mokka schlürfen zu können. Ben Jehuda. — Im Interesse des Publikums wird darauf hingewiesen, daß die Bibliothek der jüdischen Gemeinde (Oranienburgerstraße 60-63) im Winterhalbjahr auch am Sonnabend Abend 6—9 Uhr geöffnet ist. Die Benutzungszeiten sind Sonntag bis Freitag Vormittag 11—2 und Montag, Dienstag, Mittwoch, Sonnabend Abends 6—9 Uhr. Bücher werden unentgeltlich an jedermann nachhause verliehen, der sich über seine Person ausweist. Die Bibliothek, die erst vor 3^2 Jahren eröffnet wurde, zählt bereits 10 850 Bände Druckwerke und 10 Handschriften. Besonders reichhaltig sind die Gebiete der Geschichte und Belletristik vertreten. Im Lesesnal ist eine große Handbibliothek aufestellt, die namentlich Nachschlagebücher und die wichtigsten iteraturwerke umfaßt. Ueber den Bestand der Bibliothek orientieren vorzüglich eingerichtete Kataloge. Die neuesten Erwerbungen zeigt ein im Lesesaal aushängendes Zugangsverzeichnis an Außerdem erteilen die Beamten zu jeder Zeit bereitwilligst Auskunft. — Den Volksbibliotheken und Lehranstalten der Stadt Berlin ist ein bedeutendes Vermächtnis zugefallen. Der, wie mitgeteilt, am 24. August verstorbene, in der ganzen Welt bekannte Antiquar und Shakespeare-Gelehrte Albert Cohn, hat die Stadtgemeinde zur Erbin des erheblichsten Teils seines ansehnlichen Vermögens eingesetzt und in seinem am 30. März 1904 errichteten Testament bestimmt, daß die Einkünfte seines Vermögens „zur Unterstützung und Erweiterung vorhandener sowie zur Errichtung und Erhaltung neuer Volksbibliotheken verwendet werden." Die Einkünfte, die geeignetenfalls mehrere Jahre aufgesammelt werden dürfen, sind nach Möglichkeit solchen Bolksbibliotheken zuzuwenden, bei denen ein jedem zugänglicher Lehrsaal hergestellt ist oder hergestellt wird. Zu dem Nachlaß gehört u a. eine wertvolle Bibliothek, die aus 3000 Bänden besteht und nun auch in das Eigentum der Stadt übergeht. Sie ist besonders auf dem von Cohn 40 Jahre lang mit der größten und sachverständigsten Hingebung gepflegten Gebiete der Shakespeare-Literatur von bedeutendem Wert. Das städtische Bibliothekskuratorium hat in seiner Sitzung von dem hochherzigen Vermächtnis mit aufrichtigem Danke Kenntnis genommen und empfiehlt den Gemeindebehörden die Annahme der Stiftung. — Dr. Moritz Jutrofinsky, der verdiente Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses zu Berlin, dem aus Anlaß seines 80. Geburtstages der Titel „Professor" verliehen ist, wurde am 12. Oktober 1825 in der Posenschen Stadt Sandberg geboren. Er absolvierte das Gymnasium zu Lissa und studierte in Breslau Geschichte und Philosophie 1847—48 und 1850 64. In der Zwischenzeit war er Hauslehrer in Bielitz in Oesterreichisch-Schlesien. Als Student war er aktiv bei der Breslauer Burschenschaft der Raczeks und nahm mit diesen regen Anteil an der politischen Bewegung von 1848. Als Delegierter der Breslauer Studenten nahm er teil an dem in Eisenach abgehaltenen Studentenkongreß. Nach längerer Hauslehrertätigkeit in Wien bestand er 1859 in Breslau das Examen pro facultati docendi. Als der Magistrat der Stadt Posen ihn zum ordentlichen Lehrer an der dortigen Realschule wählte, weigerte sich die Regierung lange, einen Juden zum höheren Schuldienste zuzulassen, und erst nach wiederholten Erörterungen im Abgeordnetenhause und Herrenhause erfolgte 1868 die Bestätigung. 1872 wurde er zur Leitung des von Moritz und Sara Reichenheim eben beründeten und der jüdischen Gemeinde geschenkten Waisenauses am Weinbergsweg nach Berlin berufen. Er beabsichtigt, zu Ostern 1906 von diesem Amt sich zurückzuziehen. Posen. Der Rentier Philipp Todtmann in Homburg vor der Höhe, der aus Rawitsch gebürtig ist, hat mit einem der hiesigen Synagogengemeinde zu übergebenden Kapital von 200 000 Mark eine Stiftung errichtet, die den Namen „Isaak und Philipp Todtmann-Stiftung" führen soll. Von dem Spender ist bestimmt worden, daß die laufenden Zinsen des Kapitals bedüritige israelitische Bräute im diesseitigen Bezirke als Beihilfen zu ihrer Aussteuer erhalten sollen. Die Gemeindebehörde hat die Stiftung dankend angenommen. Dortmund. Die hiesige Synagogengemeinde hat einen neuen Rabbiner. Vorstand und Repräsentanten wählten Herrn Tr. Jakob aus Göttingen zum Nachfolger des Herrn Rotschild, der hier so viele Jahre wirkte und sich nun in den Ruhestand zurückziehen will. — Wen. Die Essener Synagogengemeinde hat am Steeler Tor ein großes Baugrundstück erworben und beabsichtigt, darauf demnächst eine neue Synagoge zu errichten. Heilbronn. Von der badischen Grenze. Das Sanatorium des Dr. Hettinger in Nordrach bei Gengenbach ist dem Vernehmen nach an die Rothschildstiftung in Frankfurt zum Zweck der Errichtung einer Lungenheilanstalt für israelitische Kranke verkauft worden. Hamburg. Die Beerdigung des im Alter von 98 Jahren verstorbenen Rabbinatsassessors I. M Cohn gestaltete sich zu einer bedeutenden Trauerkundgebung. Der Verblichene, der fast 70 Jahre in der Altonaer Gemeinde gewirkt, war der älteste Rabbiner Deutschlands. Unter den Leidtragenden bemerkten wir außer den Oberrabbinern von Hamburg und Altona die Herren Rabbiner Dr. Esra Munk-Berlin, Dr. Carlebach-Lübeck, Dr. I. Cohn-Jchenhausen, Dr. Bamberger-Wandsbeck und noch eine große Anzahl von Amtskollegen. Ferner war der gesamte Vorstand der Altonaer Gemeinde, auch d:e Herren Justizrat Marburg und Justizrat Heymann anwesend, auch viele Institutionen der Hamburg-Altonaer und der Nachbargemeinden waren durch Deputationen vertreten. Im Trauerhause widmete zuerst der Amtsbruder Herr Rabbinatsassessor Dukes dem Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf. Hierauf setzte sich der imposante Leichenkondukt, dem fast alle Mitglieder der Gemeinde folgten, nach dem Friedhof am Bornkamp in Bewegung, auch viele nichtjüdische Mitbürger schlossen sich dem Leichenzuge an, um dem ältesten Einwohner Altonas die letzte Ehre zu erweisen. In der Friedhofskapelle, die die Zahl der Leidtragenden nicht fassen konnte, hielt Herr Oberrabbiner Dr Lerner die Trauerrede. Herr Gemeindevorsteher Holländer sprach den Dank der Gemeinde aus für alles, was der Verewigte während seiner siebzigjährigen Wirksamkeit am Klausinstitut gewirkt und geschaffen hat. Herr Rabbiner Dr. Esra Munk-Berlin widmete dem Heimgegangenen Vater ein tief empfundenes Abschiedswort Nach Vortrag der rituellen Gebete wurde hierauf der Sarg zur Gruft getragen und die irdischen Ueberreste dem Schoße der Erde übergeben. Halverstadt. Herrn Benjamin Hirsch, Seniorchef der Firma Aron Hirsch u. Sohn, ist der Charakter als König!. Kommerzienrat verliehen worden.