Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 591 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 691. Der Antisemitismus der Gegenwart setzt sich aus zwei Bestandteilen zusammen: Aus dem geistlichen Zorn orthodoxer Schriftgelehrten darüber, daß der Jude trotz seiner zukünftigen Verdammnis auf Erden so viel besser gedeihen soll, als der rechtgläubige Christ trotz seiner zukünftigen Verheißungen; sodann aus der neidischen Anerkenntnis einer dem Juden auf journalistischem und kommerziellem Gebiet innewohnenden Ueberlegenheit, die allen dadurch bedrohten Mitbewerbern als verbrecherisch oder betrügerisch erscheint. Was über das Semitentum gesagt werden kann, ist in der Hauptsache zweierlei: daß die Juden von ihrer eigenen Selbstüberhebung und Verfolgungssucht aus vorchristlicher Zeit und die christlichen Völker von der mittelalterlichen Unterdrückung der Juden noch heute insofern zu leiden haben, als durch Verfolgung und Druck Einseitigkeiten des jüdischen Wesens großgezogen wurden, daher viele Juden der Gegenwart von der idealen Person eines Nathan genau so weit entfernt sind, wie die Konsistorialräte und Bischöfe der christlichen Kirche von der Einfachheit der Apostel. Was die Antisemiten predigen sollten, ist nichts anderes als die alte Lehre, daß ungerechte Verfolgungen schwächerer Mitmenschen nicht nur zum Elend der Unterdrückten, sondern in viel höherem Maße zum Verderben der Verfolgenden auszuschlagen pflegen. Franz von Holtzendorff: Zeitglossen. * * * Die jüdische Religion enthält keine Vorschriften, die die Juden verhinderte, ebenso gute Staatsbürger zu sein, als wir Christen.-Ich kenne keinen Religionsgrundsatz der Juden, der den unsrigen durchaus entgegenstände; sie glauben an Gott wie wir, sie haben sogar eines unserer heiligen Bücher mit uns gemein, und ihre moralischen Vorschriften sind im wesentlichen dieselben wie die, denen wir folgen; namentlich, wenn wir uns auf den Standpunkt unserer Landesgesetze stellen, so legt ihnen ihre Religion dieselben Pflichten auf wie uns. Ich kann also aus der Religion keinen Grund entnehmen, ihnen die gebührenden Rechte zu versagen. Freiherr von Vincke im vereinigten Landtage in Berlin 1847. * * Niemand kann mich zwingen, auf eine Art, wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt, glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, der ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit anderer, einem ähnlichen Zweck nachzustreben, nicht Abbruch tut. — Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als ein Vater gegen seine Kinder errichtet wäre, d. h. eine väterliche Regierung, wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaft nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind — — ist der größte denkbare Despotismus, ist eine Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die alsdann gar keine Rechte haben, aufhebt.- Aus der Idee der Gleichheit der Menschen im gemeinen Wesen als Untertanen geht die Formel hervor: Jedes Glied desselben muß zu jeder Stufe eines Standes in denselben gelangen dürfen, wozu ihn sein Talent, sein Fleiß und sein Glück hinbringen können, und es dürfen ihm seine Mituntertanen durch ein erbliches Vorrecht, als Privilegiaten für einen gewissen Stand nicht im Wege stehen, um ihn und seine Nachkommen ewig niederzuhalten.- Alles Recht hängt von Gesetzen ab. Ein öffentliches Gesetz aber, das für alle das, was ihnen rechtlich erlaubt oder unerlaubt sein soll, bestimmt, ist der Aktus eines öffentlichen Willens, von dem alles Recht ausgeht, und der also selbst niemandem muß Unrecht tun können; hierzu ist aber kein anderer Wille als der des gesamten Volks, da alle über alle, mithin ein jeder über sich selbst beschließt, möglich, denn nur sich selbst kann niemand Unrecht tun. — I $ant. * * * Ich habe jüngst Gelegenheit gehabt, den Ursprung, den Charakter und die Ziele der sogenannten antisemitischen Bewegung zu beobachten — eine Bewegung, deren dunkler Geist des Fanatismus und der Verfolgung die menschliche Erleuchtung des neunzehnten Jahrhunderts beschimpft, die sich an das dümmste Vorurteil und die blindeste Leidenschaft wendet, deren Ungerechtigkeit jeden Sinn für Billigkeit und Anstand beleidigt und deren Feigheit — denn Feigheit ist ein wesentliches Element in dem Versuch, die mitstrebenden Kräfte einer handvoll Leute zu unterdrücken — deren Feigheit, sage ich, die Verachtung jedes sich selbst achtenden Menschen Hervorrufen sollte. Senator Karl Schurz bei der Einweihung des Montefiore-Home in Newyork. Literarisches. „Mutterschutz". Zeitschrift zur Reform der sexuellen Ethik- Herausgegeben von Dr phil. Helene Stöcker, Berlin. Wilmersdorf. Preis: halbjährlich (6 Hefte) Mk. 3,—; Einzelheft Mk. —,60. Frankfurt a. M. I D. Sauerländers Verlag. Soeben ist das erste Heft dieser neuen, außerordentlich interessanten Monatsschrift erschienen Sie zählt zu ihren Mitarbeitern eine Reihe unserer ersten Schriftsteller. Diese Zeitschrift stellt sich die Aufgabe, die Probleme der Liebe, der Ehe, der Freundschaft, der Elternschaft, der Prostitu'ion, sowie alle damit zusammenhängenden Fragen der Moral und des gesamten sexuellen Lebens nach der philosophischen, historischen, juristischen, medizinischen, sozialen und ethischen Seite zu erörtern. So soll sie der Mittelpunkt werden für alle Bestrebungen, die eine Reform unserer heutigen konventionellen Anschauungen auf diesem Gebiete zum Ziel haben; sie soll den Kampf gegen veraltete, unhaltbar gewordene Meinungen und Institutionen führen. Das erste Heft enthält u. a. Beiträge von Prof. Dr. Bruno Meyer: „Psychologie der Geschlechtsmoral", Dr. med. Iwan Bloch: „Liebe und Kultur", Dr. phil. Helene Stöcker: „Zur Reform der sexuellen Ethik". Bei dem großen Interesse, das sich ans allen gebildeten Kreisen kundgegeben hat, läßt sich ein einflußreiches Wirken der Zeitschrift in dem von ihr erstrebten Sinne erwarten. Meyers Grosses Konversations-Lexikon. Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich neubearbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148 oöü Artikel und Verweisungen auf über 18 240 Seiten Text mit mehr als I I 000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und ans über 1100 Jllnstrationstafeln (darunter etwa 190 Farbendrncktafeln und 300 selbständige Kartenbeilagen) sowie 130 Txtbeilrgen. 20 Bände in Haltileder gebunden zu je IO Mark oder in Prachtband zu je 12 Mark. (Verlag des Bibl ographischen Instituts in Leipzig und Wien). Von Meyers Großem Konversations-Lexikon ist soeben der XI. Band erschienen. Textlich und in der illustrativen Ausstattung reiht er sich würdig an seine Vorgänger an. Wiederum sind es eine Reihe in sich abgeschlossener -onderartike', teilweise mit vorzüglichen Karten versehen, die als Monographien sehr dem Studium empfohlen werden können. Namentlich die Artikel über „Korea" und „Kongostaat" führen uns in Gebiete, über die in unfern landläufigen Lehrmitteln noch sehr spärliche Daten zu finden sind, die aber bei der derzeitigen europäischen Politik mehr Beachtung verdienen Auch der Artikel „Kleinasien" wird für die Orientierung über die Verhältnisse des Landes, das die von Deutschland gegründete Anatolische Bahn durchzieht, vielfach benutzt werden, während der Artikel „Kolonien" mit seinen trefflichen Karten von der Expansion der europäischen Mächte im Ausland eine ganz ausgezeichnete Uebersicht gibt. Die Artikel „Korsika" „Kolumbien", „Kordilleren", „Kotschinchina", „Kreta", „Kroatien"