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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-20 · 42 (20.10.1905) · p. Seite 589

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
42 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 589 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42. Israelitische Wochenschrift. Seite 689. schätzen. Wo die niedrigsten Instinkts zu sprechen beginnen und das Tier im Menschen zum Vorschein kommt, wo Schlagwörter wie „Patriotismus und Nationalität" in Anwendung kommen, lassen alle menschliche Berechnungen im Stich, namentlich aber versagen alle Vernunftsgründe, wenn es sich um Juden handelt und der Antisemitismus sein Recht verlangt. Wir sind überzeugt, daß die antiallienistische Bewegung in Amerika niemals eine solche Höhe erreichen würde, wenn es sich allein um Slaven und Italiener und nicht auch um Juden handeln würde. Immer vom neuen wird in der gelben Presse dem Pöbel vorgerechnet, daß wieder so und soviel Rusien mehr eingewandert sind. Diese Rusien, die den Sabbat heilig halten, keinen Sport treiben, nicht gleich zu Messer und Dolch greifen, fleißig und nüchtern sind und so wenig Schnaps trinken, sind der Menge in allen Ländern wenig kongenial und so unsympathisch, daß ihr bloßes Erscheinen in erheblicher Anzahl genügt, um ein großes Geschrei über Fremdeneinwanderung zu verursachen. Allerdings wird den Juden in Amerika nicht ganz mit Unrecht der Vorwurf gemacht, daß sie zum größten Teil in bte Oststaaten einwandern und sich meistens in den direkt am Meere liegenden Hafenstädten niederlasien. Diese Städte sind nun überfüllt und es herrschen in ihnen alle mit dem Großstadtleben unzertrennlich verknüpften sozialen Uebel, von denen man vor etwa 30 Jahren in Amerika nichts gewußt hat. Die Arbeiterlöhne sinken, die Mietspreise steigen und all dieses ruft nicht ganz unberechtigte Mißstimmung hervor. Allein solche Erscheinungen sind nur vorübergehender Natur. Die jüdischen Emigranten, welche meistens mit ihren Familien wandern, haben nicht die Mittel, um gleich nach ihrer Landung sofort weiter ins Innere des Landes zu reisen. Sie sind auch sprachunkundig und fürchten, tiefer in ein Land zu dringen, dessen Bevölkerung ihnen fremd und dessen Sprache ihnen unbekannt ist. Sie bleiben daher am Landungsfleck kleben, wo sie wenigstens Glaubensgenossen und ihre Sprache sprechende Landsleute vorfinden. Das Uebel ist aber keineswegs von langer Dauer. Nachdem sie einige Jahre auf ihrem ersten Landungsplatz geblieben sind, mit der Sprache und den Sitten der neuen Heimat sich vertraut gemacht haben und überhaupt zu etwas Geld gekommen sind, kurz nachdem sie, um das New-Yorker Jargon zu reden, „sich ausgegreent haben", erheben sie sich von ihrem Platz, um weiter westwärts zu ziehen. Daß dieses der Fall ist, beweist folgende Tabelle. Von den eingewanderten Juden haben sich niedergelassen in: 1898/99 New York. . . 26 286 - 70,2 pCt. Massachusetts . 2 650 --- 7,05 „ Pennsylvanien . 3 668 ---- 9,8 „ 1900/01 New York . . . 39 516 68 „ Massachusetts . 3 606 6.20 „ Pennsylvanien . 6 218 — 10,7 „ 1902/03 New York . . . 50 945 66,68 „ Massachusetts . 4130 — 6,41 „ Pennsylvanien . 8 206 - 10,76 „ 1899/90 43 653 ----- 71,84 pCt. 3 821 — 6,28 „ 5 304 8,72 „ 1901/02 39 520 68,5 „ 3 570 6,18 „ 6 938 10,29 „ 1903/04 68 693 64,66 „ 6 229 6,86 „ 11691 11 Mit Ausnahme von Pennsylvanien, wohin die Emigration noch immer zunimmt und gegen das Jahr 1900 um 2,38 % angestiegen ist, ist in den andern beiden jüdischen Hauptemigrationsplätzen eine Abnahme der jüdischen Emigration unverkennbar. In Massachusetts ging sie von 7,05 % im Jahre 1898 auf 5,86 °/0 im Jahre 1904, in New York, wo im Jahre 1900 die Emigration 71,84 °/0 betragen hat, langsam auf 64,66 % zurück. Eine solche konsequente Abnahme der Emigranten beweist, daß das New Yorker Getto bereits im Jahre 1900 völlig saturiert war. Hand in Hand mit der Abnahme der Einwanderung muß nämlich eine starke Auswanderung der Juden aus New York vor sich gehen. Nur dadurch, daß die „ausgegreenten" Juden weiter westwärts wandern und überall neue jüdische Zentren gründend, ihre Freunde und Angehörige nicht mehr nach New York rufen, war es möglich, daß mit dem Jahre 1901 beginnend, also in den letzten 4 Jahren, in diese Stadt 10 367 Juden weniger eingewandert sind, als nach dem Stand der Emigration im Jahre I960 zu erwarten war. Der Zudrang zu den östlichen Staaten und die Gründung von gewaltigen Gettos war nichts als eine vorübergehende in den ökonomischen Verhältnissen der Juden begründete Erscheinung. Unseren Glaubensgenossen liegt wirklich nichts daran, um jeden Preis große' Gettos zu gründen. Wenn die ökonomischen Verhältnisse es gestatten, werden die Gettos von New York, Philadelphia und Boston weit ihre Tore aufmachen, um ihre Insassen, auch ohne Zutun von außen und ohne Begründung von Removal Offices, nach dem Westen in die Freiheit hinauszulassen. Das 7' and gesellschaftliche Leben der alten Hebräer. Nach S. Munks Palestine. (Schluß.) Nachdem wir den Freuden und Festen der hebräischen Familien beigewohnt haben, wollen wir sie auch betrachten in den Momenten der Trauer und Betrübnis. Bei den Hebräern, wie bei allen alten Völkern, waren die Zeichen der Trauer nicht weniger energisch als die der Freude. Bei den freudigen Ereignissen sangen sie, tanzten, schmückten sich, umkränzten sich das Haupt und überließen sich der Freude bei einer guten Mahlzeit; in der Betrübnis stießen sie klägliches Geschrei aus, warfen sich zur Erde, zerrissen ihre Kleider, fasteten und streuten Staub oder Asche auf ihre Häupter. David blieb während der Krankheit seines Kmdes auf der Erde liegen und verweigerte Nahrung zu sich zu nehmen; als Thamar von Amnon beschimpft wurde, bedeckte sie seinen Kopf mit Asche, zerriß sein Gewand, trug die Hand auf dem Kopfe und ging schreiend davon; Hiob saß in seinem Unglück auf Asche und die Freunde, welche ihn trösten wollten, weinten und seufzten laut und setzten sich zu ihm auf die Erde, während sieben Tage und sieben Nächte. Man brach aus in den lebhaftesten Schmerz, wenn der Tod ein Glied der Familie berührte; besonders die Frauen überließen sich zügellos den lärmendsten Klagen und stießen Seufzer aus, die man von ferne hören konnte. Mitten im Geschrei und Klagen machte man die Vorbereitungen zum Begräbnis, welches man als eine heilige Pflicht ansah und das die nächsten Verwandten übernahmen. Selbst die Priester, mit Ausnahme des Hohenpriesters, durften diese Pflicht erfüllen, obgleich es ihnen sonst verboten war, sich durch die Berührung eines Leichnams zu verunreinigen. Man betrachtete es als einen schrecklichen Fluch, des Begräbnisses beraubt zu sein. Uebrigens giebt uns die Bibel kaum einige Anzeichen über die bei der Zurüstung des Begräbnisses befolgten Gebräuche und können wir nur einige Anmerkungen des neuen Testaments benutzen; doch ist es zweifelhaft, ob man diese Gebräuche bis zu den Zeiten der alten Hebräer zurückführen kann. 0995

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