Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 42 (20.10.1905)
- Date
- 1905-10-20
- Page
- Seite 588 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 588. Israelitische Wochenschrift. Nr. 42. stimmung. Es wird ferner ausnahmslos die Anschauung zum Ausdruck gebracht, daß man das Streoen der Lehrer nach einer Besserstellung vollkommen würdige, daß es aber ganz unverständlich und tief bedauerlich sei, wenn durch den Verband der Lehrervereine künstlich und geflissentlich ein Gegensatz zwischen Rabbinern und Lehrern erzeugt und grundloser Haß gesät werde. Maybaum schlägt zur Erledigung der Vorarbeiten eine Kommission vor. Gewählt werden Kopfstein, Kaatz, Peritz. In bezug auf die Entsendung von Delegierten des R. V. i. D. zur Tagung des Verbandes deutscher Juden wird beschlossen, daß sich Maybaum und Eschelbacher über die Nominierung der Delegierten verständigen sollen. Endlich wird beschlossen, daß die Generalversammlung des Verbandes, die in diesem Jahr aus mehrfachen Gründen nicht mehr stattfinden kann, im nächsten Frühsommer nach Berlin einberufen werde. Werner berichtet zum Schluß über den Kassenbeftand. Die Finanzlage sei sehr ungünstig. Er beantragt, daß die Bezirksverbände die Beiträge ihrer Mitglieder von 3 Mark auf 5 Mark erhöhen sollen, da jetzt die Reisekosten für die Delegierten, wenn mehr als eine Ausschußsitzung im Jahre stattfinde, höher seien als die Gesamtleistung der Bezirksverbände an der Kasse. Der Zentralausschuß stimmt diesem Anträge zu. Die Sitzung wird darauf nach Abstattung des Dankes an den Vorsitzenden um 7'/2 Uhr abends geschlossen. Nkilk Erschwkrimgk« der Emigranten in dm Vereinigten Staaten von Nordamerika. Alljährlich mit dem Eintritt des Herbstes beginnt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika mit großer Pünktlichkeit sich auch der Fremdenhaß zu regen. Den Anstoß dazu gibt der regelmäßig im August erscheinende offizielle Bericht des Commissionen General of Emigration über die Einwanderung im betreffenden Jahre. Solche Berichte wirken auf die „dummen Kerle", von denen es auch in dem freien Amerika eine schwere Menge gibt, wie das rote Tuch. Und wie sollte er auch nicht! Seit einer Reihe von Jahren stellt die Emigration fast alljährlich einen Rekord auf. Im Jahre 1903 stand er auf 857 000, um in diesem Jahre zum ersten Male die erste Million zu überschreiten. Nicht weniger als 1 027 421 Einwanderer haben nämlich vom 1. Juli 1904 bis zum 30. Juni 1905 amerikanischen Boden betreten. Unter diesen nahmen die aus Oesterreich-Ungarn mit 275 693 gegen 177 156 im Vorjahre den ersten Platz ein. Sie schlugen zum ersten Mal die Emigranten aus Italien, die nur 221 478 gegen 193 296 gezählt haben. Aus Rußland kamen 184 997 gegen 145 141 im vorigen Jahre. Eine annähernd gleiche Zahl von Einwanderern nämlich 185 057 gegen 87 730 kam aus England, während die Skandinavier mit 60 625 ungefähr in gleicher Anzahl wie im vorigen Jahre erschienen waren. Obgleich hie Oesterreicher gegen das Vorjahr ein Plus von 98 537, die Italiener von 28 183, die Engländer gar von 97 327 hatten, so richtet sich doch der Zorn der amerikanischen Fremdenhasser nicht etwa gegen die unwissenden Kroaten und Slowaken, nicht gegen die stets zum Dolch greifenden Italiener, sondern gegen die Russen, die gegen das Vorjahr in einer Ueberzahl von 39 856 erschienen waren. Der Grund dafür ist sehr durchsichtig. Wie sein Vetter in England von den Fremden sprach und die Juden meinte, so ärgert sich der Mob in Amerika angeblich über die „Russen", während er in Wirklichkeit an die „Hebrews" denkt. Die weitere Anschwellung der Emigration in diesem Jahr hat dazu geführt, daß die „National Civic Federation", welche eigentlich die Aufgabe hat, zwischen Kapital und Arbeit zu vermitteln, im Dezember dieses Jahres eine Konferenz speziell mit der Tagesordnung, wie die Einwanderung zu verhindern sei, nach Nerv-Park einberufen hat. Einladungen erhielten sämtliche Gouverneure und Bürgermeister, die Arbeiterorganisationen, die religiösen Vereine, sowie die Börsen aller großen Städte. Die Agitation der Fremdenhasser wäre an und für sich noch nicht so gefährlich, wenn das Einwanderungsamt unter Führung des Commissioner-General of Emigration Frank P. Sargent sich nicht den Hetzern angeschlossen hätte. Dieses Einwanderungsamt strebte von jeher nach Machterweiterung, was man ihm ja nicht weiter verübeln darf, jedes staatliche Organ sucht, genau so wie die einzelnen Organe des menschlichen Körpers, sich auf dem ihm zugewiesenen Gebiete zu betätigen. Dieses Einwanderungsamt hat wieder und immer . wieder gegen die Fremden gehetzt und den Kongreß zu stets neuen Erschwerungen der Immigration aufzustacheln gesucht. Ihm allein hat das amerikanische Volk es zu verdanken, daß die Einwanderungsgesetze fast alle 3 Jahr zu ungunsten der Fremden revidiert werden. Auch in diesem Jahr geht die Hetze eigentlich von diesem Amte aus. Nicht genug damit, daß es 11 566 Einwanderungslustige — 1,12% gegen 0,98% im Vorjahre von den Pforten des Paradieses zurückgewiesen hat, W tritt jetzt dieses Amt mit neuen Vorschlägen an den Kongreß hervor, um namentlich die ärmeren und ärmsten unter den Emigranten mehr als bisher zu drücken. Dennoch dürften diese Herren, deren Väter oder Vorväter vielleicht ohne Pfennig in der Tasche als Glücksjäger in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, mit ihren Hetzereien wenig Glück haben. Zwar haben sie nicht nur die gemeinen und niedrigen Instinkte, die in dem Menschen wohnen, auf ihrer Seite, ihnen schließen sich auch die mächtigen Arbeiterorganisationen an, die wähnen, Columbus habe die neue Welt nur für sie und ihre Nachkommen entdeckt. Allein es ist doch dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Es gibt noch im Lande mächtige Faktoren, welche eine rasche Zunahme der Emigration sehr gerne sehen würden. Zu den Schiffahrtsgesellschaften und Eisenbahnkompagnien, die aus der Emigratronsflut gewaltige Einnahmen haben, treten noch die Farmer, die Minen- und Bergwerkbesitzer sowie überhaupt alle diejenigen hinzu, welche Arbeiterhände brauchen. Auch der Staat müßte ein großes Interesse an dem Fremdenzuwachs haben. Das Land besitzt unerschöpfliche Schätze an Holz, Mineralien und Metalle und bedarf zu ihrer Hebung dringend der Arbeiterhände. Abgesehen aber von diesen unterirdischen Schätzen, die noch ihrer Erschließung harren, könnte der Ackerbau allein noch Hunderte von Millionen beschäftigen. Texas allein, das gegenwärtig kaum mehr als 3 Millionen Einwohner zählt, vermag die Gesamtbevölkerung der Vereinigten Staaten in Höhe von ca. 76 Millionen bequem aufzunehmen. Das umfangreiche Kansas besitzt viele Millionen Acres Land, die sofort und ohne alle Vorbereitungen bestellt werden könnten. Am 1. September sind in Texas 6 Millionen Acres Land zum Preise von 1—10 Dollars pro Acre öffentlich versteigert worden. In den 11 Weststaaten leben gegenwärtig etwa 4 Millionen Einwohner, urbares Land besitzen sie dagegen nicht weniger als 768 Millionen Acres, von denen bis jetzt nur ein geringer Teil nämlich 93 Millionen bebaut werden. Der Rest von 675 Millionen wird zum geringen Teil als Weideland benutzt, während gegen 550 Millionen Acres noch völlig brach liegen. Es ist also lächerlich davon zu reden, daß zu viel Menschen in Amerika einwandern und auszurechnen, daß in diesem und vorigen Jahre einige tausend oder gar einige zehntausend Einwanderer mehr ins Land gekommen sind. Obwohl es also stark zu hoffen ist, daß die amerikanischen Fremdenfeinde ihr Ziel nicht so bald erreichen werden, ist andererseits doch die Gefahr für die Emigration nicht zu unter-