Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 575 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 41 Israelitische Wochenschrift. Seite 575. „Der Wiener Gemeinderat hat in der Sitzung vom 28. April 1905 beschlossen, daß sämtliche in den städtischen Schlachthäusern zur Tötung kommenden Schlachttiere, bevor ihnen das Blut entzogen wird, durch Stirnschlag vollständig zu betäuben seien. Mit dem Statthaltereierlasse vom 28. Mai 1905. Z III — 1401/3, wurde die Vollziehung dieses Beschlusses, soweit derselbe die nach den Religionsvorschriften der Israeliten vorzunehmenden rituellen Schlachtungen, d. i. das Schächten, betrifft, im Grunde des § 107 des Gemeindestatutes für Wien untersagt. Dem hiegegen von der Gemeinde Wien ergriffenen Rekurse wird im Einvernehmen mit dem Ministerium für Kultus und Unterricht aus den Gründen des in Beschwerde gezogenen Statthaltereierlasses keine Folge gegeben." Das uutt gesellschaftliche Leben der alten Hebräer. Rach S. Munk's Palestine. (Fortsetzung) Bei den Hebräern, wie überhaupt bei den Völkern des Orients, haben die Eigennamen eine Etymologie und einen sehr tiefen Sinn, der gewöhnlich leicht zu verstehen ist. Der Ursprung des Namens sollte gewöhnlich entweder an einen gewiffen Umstand bei der Geburt des Kindes oder an ein Gelübde, welches die Eltern betreffs des Neugeborenen gelobt hatten, oder an eine Hoffnung, die sie an ihn knüpten, mahnen. Auf diese Weise wurde eine große Zahl von Namen gebildet, welche später wiederholt wurden, ohne daß man Acht auf ihren ersten Sinn gab. Häufig haben die Namen einen religiösen Charakter und sind aus verschiedenen Namen mit Gott zusammengesetzt. Man findet diesen Brauch auch bei den Phöniziern, den Syrern, den Arabern und andern Völkern des Orients und des Occidents. Solche sind z. B. die Namen Hanniel (Gnade Gottes) und Azriel (Hilfe Gottes), mit denen übereinstimmend wir bei den Phöniziern finden: Hannibal, Asdrubal, Aehonathan oder Jonathan (von Gott gegeben) entspricht dem Theodore oder dem OieuUonne. Aedidyah gleicht Theophile. Man gab manchmal den jungen Mädchen Namen von Tieren, Pflanzen und anderen Gegenständen, welche Milde und Anmut darstellten, z. B. Rachel (Schaf), Thamar (Palme), Deborah (Biene), Naomi (die Angenehme), Penniah (Perle) usw Wir finden auch oft in der Blbel dieselben Personen durch verschiedene Namen bezeichnet, denn das Kind konnte bei der Geburt zwei Namen erhalten, den einen vom Vater, den anderen von der Mutter; oft wechselte man auch den Namen in gewissen wichtigen Umständen des Lebens. Gewöhnlich nährten die Frauen ihre Kinder selbst und es geschah nur zuweilen bei jungen Prinzen, daß man sie der Sorgfalt einer Amme anvertraute. Man nährte die Kinder bis zum Alter von zwei oder drei Jahren; wenn sie entwöhnt wurden, gab man ein Fest und die frommen Mütter brachten Opfer dar. Während der ersten Jugend wurden die Kinder beiderlei Geschlechts von ihren Müttern erzogen; in den reichen Häusern hielt man ihnen Erzieherinnen. Waren die Knaben soweit herangewachsen, daß sie die Sorgfalt der Frauen entbehren konnten, so übernahm der Vater selbst ihre Erziehung oder gab ihnen auch wohl einen Erzieher, Omen genannt, dem wahrscheinlich die materiellen Sorgen oblagen, während die moralische Erziehung durch den Vater selbst oder durch einen Lehrer geleitet wurde, der oft mit der größten Strenge verfuhr. Wir finden keine Spuren von öffentlichen Schulen bei den Hebräern vor der Verbannung, und wir kennen sehr wenig die Einzelheiten des Unterrichts, den sie ihren Kindern erteilten. Es scheint, als habe man sich begnügt mit dem durch das mosaische Gesetz vorgeschriebenen Unterricht und die Lehren der Moral wurden durch den Vater oder die Mutter vorgetragen in kurzen Sätzen, die sich dem Gedächtnis * leicht eingruben, oder auch unter der Form von Parabeln und j Rätseln. Wenige junge Leuten, besonders die Leviten, später die Propheten, widmen sich etwas ausgebreiteten Studien, welche wir genauer kennen lernen werden, wenn wir von dem intellektuellen Leben der Hebräer sprechen. In dem Maße als die Knaben heranwuchsen, halfen sie ihrem Vater bei den landwirtschaftlichen Arbeiten; man lehrte sie alles, was den Landbau betrifft, und man gewöhnte sie auch an militärische Uebungen. Die jungen Mädchen wurden von der Mutter zu den häuslichen Arbeiten angehalten und lernten die Beschäftigungen kennen, denen sich die Frauen gewöhnlich widmeten und die wir oben besprochen. Sie lebten meistens sehr zurückgezogen; in den weniger hohen Ständen gingen sie zuweilen aus, um die Heerden zu hüten oder Wasser zu holen. Um die Kinder zu verheiraten, wartetete man nur das Alter der Mannbarkeit ab, welches in den südlichen Ländern früh eintritt. Um einige Beispiele davon anzuführen aus der historischen Zeit (denn nach den Traditionen des ersten Buches Moses verheirate man sich in den patriarchalischen Zeiten gewöhnlich sehr spät), brauchen wir uns nur zu erinnern, daß Joram, König von Juda, im vierzigsten Jahre starb und emen Sohn von 23 Jahren hinterließ; Amon hinterließ im vierundzwanzigsten Jahre einen Sohn von 8 Jahren, der seinerseits im vierzehnten Jahre Vater war; Jöjachim hatte zu 30 Jahren einen Sohn von 18 Jahren. Das, was in der königlichen Familie Brauch war, herrschte ohne Zweifel auch, in den andern Klassen der Gesellschaft; denn bei den Hebräern war es nicht Sitte, daß der Vater den Söhnen vor der Heirat zu einer Stellung verhalf; diese blieben vom Vater abhängig bis an dessen Tod. Nach den rabbinischen Ueberlieferungen durften sich die jungen Leute von achtzehn Jahren verheiraten und die jungen Mädchen wurden im Alter von 13 Jahren für fähig zur Heirat erklärt. Selten folgte der junge Mann bei der Wahl seiner künftigen Lebensgefährtin dem Impuls seines Herzens. Es konnte sich zuweilen auf dem Lande zutragen, daß ein junger Hirt mit einer Hirtin eine Bekanntschaft anknüpfte, oder daß ein junges Mädchen, welches Wasser holte, die Blicke eines jungen Bürgers auf sich zog; endlich konnte auf einer Reise oder bei anderer Gelegenheit ein junger Mann diejenige kennen lernen, die er seinen Eltern bezeichnen wollte, wie wir es z. B. bei Simson sehen. Aber dies waren nur seltene Fälle; gewöhnlich wählten die Eltern eine Gattin für ihren Sohn, und oft wurden die Ehen geschlossen, ohne daß die zukünftigen Gatten sich vorher gesehen hatten. Wenn die Eltern oder der Sohn ihre Augen auf eine junge Person geworfen hatten, ging der Vater des jungen Mannes zu den Ellern des jungen Mädchens, um wegen der Heirat anzufragen und mit ihnen über die Ehepakten eins zu werden, besonders was den Mohär oder die Morgengabe der Braut und die Geschenke, welche die letztere erhalten sollte, betraf. Wir haben schon von Mohär gesprochen, welcher nach den Umständen sich änderte. Er konnte in Geld, in Herden, in Gegenständen des Verbrauchs usw. bezahlt werden. Der Prophet Hoschea zeigt uns ein Beispiel, wo ein Mohär mit 15 Seckel Silber und einer gewissen Menge Gerste bezahlt wird. Zuweilen nahm der Vater des jungen Mädchens die Dienste seines zukünftigen Schwiegersohnes als Mohär an; der