Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (13.10.1905)
- Date
- 1905-10-13
- Page
- Seite 576 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 576 Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. Krieger gab seine Tochter als Preis einer großen Heldentat, wie es Caleb und Saul taten. Hatte das junge Mädchen ältere Brüder, so beteiligten sich diese an dem Heiratshandel ihrer Schwester. Wenn alles bestimmt und geordnet war, verlangte man die Einwilligung des jungen Mädchens, denn das überlieferte Gesetz macht, sich stützend auf das Beispiel Rebekkas, hieraus eine notwendige Bedingung. In den alten Zeiten begnügte man sich mit einem mündlichen Ehekontrakt, der in Gegenwart von Zeugen geschlossen und durch einen Eid bestätigt wurde; der geschriebene und gerichtlich untersiegelte Kontrakt tritt erst in der Zeit der Verbannung auf. Die Verlobung verband die zukünftigen Gatten; aber man gewährte dem 'jungen Mädchen eine gewisse Zeit, um ihre Vorbereitungen zu treffen, ehe sie ihre Hochzeit feierte und bei ihrem Gatten wohnte. An dem bestimmten Hochzeitstage wurde die Braut gebadet, mit wohlriechenden Oelen gesalbt, und geschmückt mit allem was sie Prächtiges an Kleidung und Schmucksachen besaß, auf dem Haupt trug sie einen Kranz; darum wird He auch im Hebräischen Kallah, d. i. Bekränzte, genannt. Umgeben von ihren Eltern und Freundinnen erwartete sie den Untergang der Sonne. Der Bräutigam, gleichfalls geschmückt und bekränzt, umgeben von seinen Gespielen oder Brautführern, begab sich am Abend in das Haus seines Schwiegervaters, um seine junge Gattin zu holen, die das elterliche Haus unter den Segnungen ihrer Eltern verließ. Die jungen Verheirateten, gestellt unter einen Thronhimmel und begleitet von ihren Ellern und Freunden, begaben sich auf den Weg, bei dem Schein der Fackeln und den lärmenden Tönen der Trommeln und anderer Instrumente; alsdann begab man sich singend und die lebhafteste Freude zeigend in das Haus des Bräutigams. Ein fröhliches Fest, von dem Bräutigam oder dessen Eltern zubereilet, erwartete die Hochzeitsleute. Man überließ sich einer lärmenden Freude und wenn wir die talmudischen Überlieferungen auf die alten Hebräer beziehen können, so verschmähten die erntesten Männer nicht, der Braut ihre Komplimente zu machen, indem sie vor ihr tanzten. Man unterhielt sich auch durch Geistes- und Nätselspiele. Es ist nirgends in der Bibel die Rede von einer religiösen Zeremonie bei der Verheiratung; die jungen Leute erhielten, wie cs scheint, den Segen ihrer Väter und die Umstehenden riefen dabei, die Gnade des Himmels für sie an. Nach dem Mahle führte man den Bräutigam in das Hochzeilszimmer, wohin ihm seine junge Gemahlin schon vorangegangen war. Am andern Morgen begannen die Festlichkeiten von neuem und wurden fortgesetzt bis zum siebenten Tage. (Schluß folgt.) Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden nnd Judentum. Als alter Parlamentarier habe ich mich jederzeit zu unserem verfassungsmäßigen Grundsatz bekannt: „Die Freiheit des religiösen Bekenntnisses, der Vereinigung zu Religionsgesellschaften und der gemeinsamen Religionsübung wird gewährleistet. Der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse." Zu diesem Grundsatz der heutigen zivilisierten Nationen bekenne ich mich noch und halte mich verpflichtet, dafür einzutreten, wo er verletzt wird. Seit einem halben Jahrhundert im richterlichen Beruf tätig, halte ich es für meine Pflicht, für das verletzte Recht des schwächeren Teiles einzutreten, sobald ich dazu veranlaßt bin, insbesondere auch in der Presse und im politischen Leben der Wahrheit und dem Recht zur Geltung zu verhelfen gegen vorsätzliche Entstellung und Verleumdung. Als alter Politiker habe ich die Erfahrung gemacht, daß der Appell an den gemeinsamen Sinn der Menge zum Zwecke des Stimmenfangs nur kurzlebige Erfolge erzielt, welche in keinem Verhältnis stehen zu den nachhaltigen Verlusten der Partei, die sich zu solchen Verbrüderungen verleiten läßt Dies sind die Nächstliegenden Gründe, aus denen ich dem Vereine zur Abwehr des Antisemitismus beigetreten bin und darin mitwirke, soweit es meine Kräfte erlauben. Geh. Oberjustizrat Prof. Dr. Rudolph von Gneist in einem Briefe an Dr Hermann Bahr, ä. ä. Berlin, 29. April 1893. * * * Mit wahrer Betrübnis muß es uns erfüllen, wenn heute in manchen Gegenden unseres Vaterlandes die niedrigsten Leidenschaften entfesselt werden gegen deutsche Bürger, welche dem mosaischen Glaubensbekenntnis angehören. Fast . will es scheinen, als ob wir in Deutschland neben gewaltigen nationalen Errungenschaften und großen Kulturfortschritten — auf einem Gebiete Rückschritte zu verzeichnen haben sollten, auf dem Gebiete religiöser Toleranz! — Toleranz ist nicht Gleichgiltigkeit; Toleranz ist nicht Verzicht auf die Selbständigkeit religiöser Ueberzeugung. Aber Achtung vor der religiösen Ueberzeugung Anderer, das ist Toleranz, und gerade derjenige, welcher den eigenen Glauben hochhält, sollte auch an den Glauben des Andern glauben. Baumvach in seiner Ansprache an die in Danzig tagende „Evangelische Vereinigung". * * * Eine Bewegung, welche auf Trug und Ungerechtigkeit sich stützt, dabei den niederen Instinkten Nahrung gibt, ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine desto größere Gefahr als solche, die selber nicht lügen und selber nicht roh sind, davon ergriffen werden, weil sie bei den anderen begründetes Urteil voraussetzen — und es ist natürlich, daß die Vorurteilslosen endlich beginnen, sich energisch dagegen aufzulehnen. Nicht nur die Betroffenen, sondern alle jene, denen das schreiende Unrecht weh tut, das da ihren gleichberechtigten Mitbürgern, ihren gleichgearteten Mitmenschen geschieht, mußten schließlich zu einem lauten Proteste sich aufraffen. — — Besonders den Müttern kommt es zu, wenn sie bemerken, daß ihre halberwachsenen Söhne Gefahr laufen, von diesem Giftstoffe angesteckt zu werden, sie davor zu schützen; denn keiner Mutter soll es gleichgiltig sein, wenn ihr Kind Gesinnungen nährt und ausdrückt, die auf Grausamkeit und Ungerechtigkeit, auf Hochmut und Dünkel gegründet sind, die das Gemüt zu verrohen und den Geist zu verengen drohen. Bertha von Suttner. * * * Ich bin auf einer deutschen Universität sehr viel mit Juden umgegangen und habe dabei beobachtet, daß die jüdischen Studenten die christlichen in jeder Beziehung an Talent, Geist und auch an Innerlichkeit übertrafen. Während die christlichen Studenten ihre Zeit mit Saufen usw. hinbrachten, pflegten ihre jüdischen Kameraden die Musik, Poesie und Philosophie, und ich habe in diesen Kreisen mich stets aufs Geistreichste unterhalten können, während mir die christlichen Kreise so wenig boten, daß ich sie schließlich gar nicht mehr aufsuchte. Unangenehme Seiten des jüdischen Charakters habe ich keine