Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · p. Seite 565

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 565 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606934--9610-9606947
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40. Israelitische Wochenschrift. Seite 666. Nicht bloß Ihre Glaubensgenossen, sondern auch alle, denen das Wort Religion kein leerer Schall ist, bringen Ihnen das vollste Vertrauen und die tiefste Ehrerbietung entgegen. Haben Sie sich ja bereits in'der kurzen Zeit Ihrer hohen Wirksamkeit als toleranter, humaner und edler Kirchenfürst gezeigt. Auch wir, die religiösen Vertreter und Leiter der israelitischen Gemeinden der Pfalz, geloben hiermit feierlichst, den Frieden und die Eintracht mit den andersgläubigen Mitbürgern zu predigen und zu lehren, und bringen damit zum Ausdruck eine der erhabensten Lehren des Judentums. Wir erkennen gern das Christentum als eine Religionsmacht an, welche in ihrer Weise, gleich den Lehren des Judentums, die Menschen zur Höhe der Moral und Gesittung zu führen vermag und wohl geeignet ist, zu veranlassen, daß nicht bloß als Idee anerkannt, sondern auch praktisch bewährt werde das herrliche Wort des Propheten Maleachi: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen? Warum wollen wir treulos handeln einer gegen den andern?" So möge denn Gottes reichster Segen Ihnen, hochwürdigster Herr Bischof, zuteil werden während Ihrer ganzen hohen Wirksamkeit zur Freude Ihrer Glaubensgenossen, zum Heile der Menschen, zum Wohle der Pfalz! Gott segne, schütze und erhalte sie! Er erhalte Sie gesund an Geist und Körper, schütze Sie vor Ungemach und Gefahr und segne Sie jetzt und immerdar! Amen." Herr Bischof Dr. Busch erwiderte bewegt, daß er sich herzlich freue, durch eine solche Ansprache begrüßt worden zu sein. Er danke den anwesenden Herren sowie den israelitischen Gemeinden der Pfalz für die Begrüßung und werde nie den Moment vergessen, in dem eine solche Kundgebung des Wohlwollens und der Zuneigung ihm zuteil wurde. Was das angeführte Prophetenwort anlange, so sei auch er von der Wahrheit und Bedeutung desselben tief erfüllt. „Gemeinschaftlich wollen wir arbeiten," so ungefähr lauteten die eigenen Worte des Redners, „an der Bildung und Gesittung des Volkes; gemeinschaftlich wollen wir alle Menschen erziehen für die Ideale des Lebens, und Gott möge uns hierbei mit seiner Kraft beistehen." Mit den besten Wünschen für die Erreichung dieses hohen Zieles schloß unter Händedruck mit nochmaligem Dank an die anwesenden Herren der Herr Bischof seine Gegenrede, deren tiefen und wohltuenden Eindruck Herr Dr. Meyer in einigen Worten der Anerkennung sodann hervorhob, worauf der Herr Bischof die Herren in ein längeres Gespräch zog. Feuilleton. Die Macht der Liebe. Von Babette Fried. t Fortsetzung.) Der Großvater hat in seinem langen Leben viel Trauriges erlebt; er hat viel unverdiente Schmähungen erduldet und erdulden gesehen, darum hüllt er sich fest in den Mantel seiner Nationalität und läßt ihn nicht los, so lange, bis seine Hand einst im Tode ermattet. Ich aber möchte dann. der Erbe dieses Mantels werden, Papa! Der im feurigen Wagen zum Himmel aufsteigende Prophet Elias hat seinem Jünger und Nachfolger Elischa, beim Abschiede seinen Mantel zugeworfen, und beim Anlegen des Mantels überkam den Jünger der Geist der Prophetie und des heiligen Eifers. Ich will ein treuer Nachfolger meines würdigen Großvaters werden, will einst den von ihm zurückgelassenen Mantel um meine Schultern schlingen und für die Rechte meines unterdrückten Volkes einstehen. Dies mein Glaubensbekenntnis." „Gott segne dich, mein Sohn", sprach Pauls Vater gerührt, „auf dein Wege, den du dir erwählt hast. Lasse dich von niemand davon ablenken; denn nur dann, wenn du dir selber treu bleibst, kannst du deinen innern Frieden bewahren, ohne welchen kein wahres Glück hienieden möglich ist. VI. Seit dieser Unterredung, der letzten über dieses Thema, waren zwei Jahre veiflossen. Paul weilte seit mehreren Wochen bei den Großeltern in Böhmen. Er hatte seine medizinischen Studien, denen er mit allem Elfer oblag, unterbrochen, um an das Krankenlager seines Großvaters zu eilen. Daselbst widmete er sich ganz der Pflege des Greises, und bot alles auf, ihn mit seinem Sohne, dem Vater Pauls, zu versöhnen. Doch alles Bemühen erwies sich als ein vergebliches. Zornig flammten die eingefallenen Augen auf und die zitternde Hand streckte sich abwehrend aus, so oft Paul auch nur den Namen des abwesenden Vaters aussprach. Jakob Schlesinger war nicht eigentlich krank, wenigstens fühlte er keinerlei Schmerzen Das hohe Alter war es, nicht aber ein Leiden, welches ihn niederwarf. Er wurde immer schwächer, so daß Paul nach einer Unterredung mit Esther sich entschloß, den Vater herbeizurufen. Dieser war auch alsbald gekommen, wurde aber von Esther, die den Sohn am Bahnhofe erwartet hatte, in ein im rückwärtigen Teile des Hauses gelegenes Zimmer geführt. Dort sollte er verweilen, bis Paul den Alten auf die Anwesenheit des Sohnes vorbereitet und den geeigneten Moment zum Wiedersehen wahrgenoinmen haben würde. „Josef", begann Esther, nachdem sie dem Gaste eine Erfrischung vorgesetzt hatte, „ist es wahr, was ich über dich vernommen habe?" „Was denn, Mutter?" „Daß du in den Ruhestand treten willst; bitte, sag nein, Kind." „Das kann ich nicht, denn es ist mein fester, reiflich überlegter Entschluß, mich zurückzuziehen." „Um Gottes Willen, warum denn eine Stellung aufgeben, welche du mit solch einem Opfer erkauft hast?" „Ich bin müde, Mutter!" Esther betrachtete traurig das schmale Gesicht und die gebeugte Gestalt des einst so stattlichen Sohnes. Dann fuhr sie mit der Hand liebkosend über seine bleichen Wangen. „Nimm nicht alles gleich so tragisch auf, liebes Kind, und rechne mit den Verhältnissen wie sie sind, nicht wie sie sein sollten, oder wie du sie gerne haben möchtest. Du siehst wirklich schlecht aus, Josef, sehr schlecht. Wenn du müde bist, so nimm doch Urlaub. Man kann dir ihn nicht verweigern. Gehe für einige Zeit auf Reisen, unter fremde Menschen, vielleicht kannst du auf diese Weise deine überreizten Nerven beruhigen; oder besser noch, du gehst irgendwohin in die Einsamkeit, fern von dem Trubel der Menschen. Nimm Rosalia mit dir, sollte sie nicht mitgehen wollen, so schicke sie hierher, zu mir. Ich werde ihr eine mütterliche Pflege angedeihen lassen, und dann ist sie in der Nähe Pauls. Der Vater ist a: s Bett gefesselt, er weiß ja nicht, was im Hause vorgeht. Seine Welt ist die Krankenstube." „Nein, Mutter! Dieses alles würde mir nicht helfen; ich bin müde des aussichtslosen Kampfes, der in meinem Innern; wütet." i „Das darfst du nicht, Josef; du hast noch nicht das | Recht, die Waffen niederzulegen. Denke an den alten Mann ' dort drüben, der noch jetzt nicht müde ist und einen erbitterten Kampf mit einem nie besiegten Feinde kämpft — dem Tode. Glaubst du denn, daß nur auf deinem Lebenswege Dornen wachsen, und sein Leben nur über Rosen führte? Da irrst du, mein Sohn! Das Leben deines Vaters war überreich an

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.