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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · p. Seite 566

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 566 (sequence 14)
Language
German
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Seite 566. Israelitische Wochenschrift. Nr. 40 Kummer und Sorgen, und dennoch hat er nicht die Hände müde in den Schoß sinken lassen, sondern hat immer wieder frisch zu ringen und zu kämpfen begonnen. Dein Vater hat mit seiner ersten Frau, deiner Mutter, in glücklicher Ehe gelebt. Wie denn anders? Sie soll so schön, so mild und gut gcivesen sein. Aber er konnte sich seines Glückes nicht lange erfreu». Denn deine Mutter wurde bald nach deiner Geburt vom Tode hingerafft. Jahrelang konnte sich dein Vater nicht entschließen, eine andere Lebensgefährtin zu wählen, trotzdem dir, mein Kind, damals die Mutter not tat. Das Geschäft, dem er sich eifrig widmete, blühte auf, aber sein eigenes Lebensglück schien auf immer gebrochen zu sein. Jedoch nach einem zehnjährigen Witwerstande lernte er mich, das damals kaum 20 jährige Mädchen kennen und warb um meine Hand. Ich kämpfte lange mit mir. Denn ich hatte einen andern, einen geistreichen jungen Mann geliebt und war von ihm wieder geliebt worden. Doch waren wir beide arm, er aber verwöhnt, und scheinbar unfähig, sich ohne größere Geldmittel eine Existenz zu schaffen und einen Haushalt zu gründen. So mußte ich von ihm lassen, doch meine Liebe war noch nicht erloschen. Jedoch du weißt, welche Stellung bei uns Juden die alten Mädchen ein-- nehmen, wie hilflos sie dastehen, dem allgemeinen Gespötte preisgegeben. Dieses Los schreckte mich ab. Ich wollte keine alte Jungfer werden und so ward ich die Gattin des viel älteren, jedoch vermögenden Mannes. Ich war gegen ihn aufrichtig und machte ihm aus meiner Liebe kein Hehl, versprach aber, ihm eine treue Gattin, seinem Sohne eine gute Mutter zu werden. „Und du hast auch Wort gehalten, Mutter", unterbrach sie der Sohn. Esther fuhr fort: „Kurz nach unserer Hochzeit traf uns ein harter Schlag. In unserem Hause wurde Feuer angelegt, es brannte samt dem Warenmagazin nieder. Die karge Versicherungssumme, die uns ausgezahlt wurde, reichte kaum hin, die Geschäftsschulden zu bezahlen. Wir waren Bettler. Doch wir rafften uns auf und singen von neuem zu streben an. Wir sind nicht müde geworden, Josef! Doch höre weiter! Auf falsche Gerüchte hin, die in unserer Gegend ausgestreut wurden und die auch in den. Tagesblättern scheinbare Bestätigung fanden, machten wir große, für unsere kaum geordneten Verhältnisse zu große Wolleinkäufe. Doch statt der erwarteten Hausse trat eine Baisse ein. Wir waren abermals ruiniert und entgingen dem drohenden Bankerott nur dadurch, daß wir den ganzen Rest unseres früheren Wohlstandes opferten. So blieb der ehrliche Name deines Vaters unversehrt. Und wieder ließen wir die Hände nicht müde ruhen, und singen rastlos von neuem zu ringen an. Mit welchem Erfolge, weißt du. Warum sollst du, unser Sohn, in so jungen Jahren schon müde sein? Fühlst du dich denn in deiner jetzigen Stellung nicht glücklich?" „Nein, Mutter, denn ich habe mich ihrer unwürdig bewiesen." „Unmöglich, Kind, unmöglich, du sprichst im Fieber." „Nie sprach ich besonnener als jetzt. Ich habe mir eine Amtsverletzung zu Schulden kommen lassen, die zwar von einem irdischen Richter nicht geahndet werden kann, welche aber den innern Richter hier in meiner Brust erweckt hat, und dieser läßt keine Ausflucht gelten, duldet keinen Widerspruch. Der hat mir mit eherner Stimme sein: „Schuldig" zugerufen, und wenn ich freiwillig von meinem Amte zurücktrete, so ist dies die geringste Strafe, die ich mir zuerkennen darf." „Ich verstehe dich nicht, Josef! Du sprichst in Rätseln zu mir. Wenn das Gesetz dir nichts anhaben kann, was hättest du zu fürchten?" „Die Stimme des eigenen Gewissens, Mutter! Jetzt bitte ich dich, quäle mich nicht mehr mit deinen Vorstellungen. Trage ich doch genug an dem einen Fehltritt, der mein ganzes Leben vergiftet, soll ich diese Last noch vermehren, immer anhäufen, bis ich unter dieser unerträglichen Bürde zusammenbreche? Mutter, sei barmherzig, laß ab von mir! „Nicht eher, bis ich alles weiß." „Mutter, weißt du, was es ist, einen Freund zu haben, der unser zweites Ich ist, der unsere Freude mitfühlt, unfern Kummer teilt, unsere Entschlüsse fördert und unterstützt? Ich hatte einen solchen, oder besser gesagt, ich glaubte ihn zu besitzen. Um diesen Freund zu retten, habe ich mich gegen meine Pflicht vergangen." „Fremd war ich mit meiner Gattin nach Wien gekommen, kaum daß wir allmählich einige wenige Bekannte erwarben. In geschäftlichen Kreisen durften wir nicht verkehren, man konnte ja nicht wissen, in wie weit dies meine Stellung zu bedrohen geeignet war. Man sieht den wenigen jüdischen Beamten sehr streng auf die Finger. Der Antisemitismus hat Argusaugen und lauert auf einen, wenn auch lügnerischen Vorwand, um uns kalt zu stellen. Da lernten wir einen Landsmann kennen. Er war bedeutend älter und viel erfahrener als ich. Es war bei Gelegenheit eines Ausfluges ins Gebirge, den ich mit meiner Frau unternahm. Ein furchtbares Wetter brach aus. Wir suchten in einer kleinen Almhütte Schutz davor. Zugleich mit uns war auch der Mann dort eingekehrt, der von da an eine so große Rolle in meinem Leben spielen sollte. Im „wunderschönen Monat Mai" wurden wir förmlich eingeschaeit und mußten drei Tage m einem kleinen Wirtshause verbleiben. Das waren schöne Tage, Mutter, an seiner Seite in seiner steten Gesellschaft. An diese Tage dachte ich auch, als — doch ich will meiner Erzählung nicht vorgreifen. Als wir uns trennten, luden wir ihn zu uns ein, und er folgte der Einladung oft, sehr oft. Ein neues Leben ging mir in der Nähe dieses Mannes auf. Daß er es war, der mir im Einverständnisse mit meiner Frau zur Taufe riet, brauche ich dir, der so klugen Frau nicht erst zu erzählen. Doch glaubte ich immer, dies geschähe aus wahrer Freundschaft für mich und die Meinen, und dankte es ihm. Er selbst war Jude geblieben. Er hatte in Glaubenssachen die gleichen Ansichten wie ich, aber unabhängig, wie er war, hatte er keine Veranlassung, einen Glaubenswechsel vorzunehmen. Bei mir lagen die Sachen anders. Und er blieb bei min, was lag mir an allem andern. Glaubst du, liebe Mutter, ich hätte die Entfernung von Euch, die Trennung von meinem Sohne ertragen können, wenn ich nicht in der Freundschaft dieses begabten Mannes Ersatz gefunden hätte? — Und zu wissen, daß ich nur sein Spielball gewesen bin, daß ihm meine Freundschaft nichts, aber gar nichts galt, daß er mich nur als Werkzeug zur Ausführung einer niedern Rache benützte. Dieser Gedanke ist furchtbar! „Bist du dessen auch sicher, siehst du nicht zu schwarz?" unterbrach ihn die Mutter. „Nein, höre mir weiter zu. Eines Tages kam ich in mein Bureau und nahm die Akten zur Hand. Ein Aktenstück behandelte einen Fall, der mich mit Entsetzen erfüllte. Ein zu mehrjähriger Kerkerhaft verurteilter Einbrecher hatte im Gefängnisse das Geständnis gemacht, daß er vor vielen Jahren das Haus und Magazin eines reichen Juden in Brand gesteckt habe, der ihn niemals beleidigt, der ihn kaum gekannt hatte. Er war dazu von seinem Herrn, bei dem er als Kutscher diente,

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