Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-10-06 · 40 (6.10.1905) · p. Seite 561

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
40 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 561 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606934--9606-9606943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40. Israelitische Wochenschrift. Seite 561. und Jakob — die Japaner halten die Ahnenverehrung für die Grundlage ihres Glaubens. Die Gottheit wird bei ihnen „der Name" genannt, wie sie bei uns mit „Schem" bezeichnet wird. Wir kennen nichts Schlimmeres, als den Chillul Haschem, nichts Größeres als den Kidusch Haschem. Auch der Japaner sagt: „Wir wollen den Namen nicht herabwürdigen", womit er den Ruf seines Hauses und Volkes meint. Baron Suyematsu in der Independent Review leitet von dieser Auffassung das ganze sittliche Leben mit seinen Jenseitszielen her (wie bei uns Professor Lazarus in seiner Ethik die Heiligung des Gottesnamens zugrunde legt). Nun wissen wir's! Hätte Delitzsch davon eine Ahnung, er könnte vielleicht, da die Assyriologie nun nichts Neues mehr ist, den Versuch machen, Bibel und Talmud, vielleicht sogar den Schulchan Aruch, auf japanische Anregungen zurückzuführen. Aber „es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen", und der wissenschaftlich hochverdiente Orientalist Samuel Dauhr liebt es, so schöne Luftbauten umzustürzen. Nicht nur in babylonischen, auch in südarabischen Inschriften findet man das Wort „Name" statt der Gottheit. Es würde sich hier nur um Erscheinungen handeln, die sich in der gesamten semitischen Welt zeigen und von da aus zu den Japanern gelangt sein können. Also läßt sich von da aus auf die Abstammung der Japaner keine Wette eingehen. Ich habe lange kein größeres Werk geschrieben und möchte herzlich gern für meine Person die Gleichung „Japaner gleich Altisraeliten" in mehreren Bänden (der erste soll auf die Einleitung kommen) durchführen. Möchten Sie nicht so was in Verlag nehmen? Doch ich will Ihnen die Stimmung nicht verderben, damit Sie künftig meine Briefe nicht uneröffnet zurückgehen lassen. Vor kurzem ist hier „der Sturm" durch Mr. Beerbohm Tree zur Aufführung gebracht worden. Miß Nora Kerin spielte in hervorragender Weise die Mirandee. In kurzem wird sie sich mit Mr. Cyril Michael verheiraten. So was kommt öfter vor. Aber die Trauung findet in der Zentralsynagoge, Great Portland Street, W, statt. Jüdische Bühnenkünstlerin, — Synagogentrauung — für deutsche Ohren leider ungewohnte Klänge. — Der Engländer findet darin gar nichts Merkwürdiges. Wir Deutschen, das lerne ich in der Themsestadt mehr und mehr, müssen unsere mittelalterliche Kammerknechtsdemut ablegen und das Hervorkehren des Judentums als etwas Selbstverständliches ansehen. Wenn Sie Anfangs September die hiesigen Zeitungen in die Hand nahmen, fanden Sie überall den Namen der Mademoiselle Marie Mendez da Costa. Mademoiselle, nicht Miß, also eine Sefardin aus Pair. Sie trat am 7. September in einem Queen8 Hall Promenade Concert auf und sang zuerst Gounod's „O ma Cyre immortelle“, dann Godard's „Berceuse de Jallin“. Die ersten Töne zeugten von anfänglicher Befangenheit, aber die Stimme hob sich, und das zweite Stück brachte die Mittel der Sängerin mehr zur Geltung. Ich fürchtete, die hiesigen Zeitungen würden der Jüdin gegenüber eine Voreingenommenheit zeigen — aber ich bin nicht Engländer. „Morning Post", „Times", „Stage", „Daily Graphic" besprachen die Leistung in sachlichster Weise, Alle berührten wohl die ersichtliche Befangenheit am Anfang, hoben aber den künstlerischen Geschmack (artistic taste) der Sängerin hervor. Auf Manche übte schon das erste Lied gerade durch den allmählichen Wechsel der Stimmung einen großen Eindruck aus, sodaß unter Beifallsbezeugungen ein zweites verlangt wurde. Nach dem eigenen Geständnis der Costa hatte die Masse der auf sie gerichteten Gesichter, das Bewußtsein, ihre Zukunft von einem falsch gesungenen Ton abhängig zu sehen, der Umstand, daß sie mit dem Orchester nicht vorher geübt, sie so niedergedrückt, daß es ihr wie ein ^oin^ to die erschien. Die Kehle war ihr zugeschnürt, daß sie nicht eine Note singen konnte. Aber der erste Ton, den sie losließ, setzte sie in Staunen, sie merkte, daß sie wirkte, und so wuchs ihre Stimme. Und so wächst der Umfang meines Briefes. Ich habe mich geistig, körperlich leer geschrieben — die Pflicht der Selbsterhaltung ruft mich zum Mittag, das ich einzunehmen gedenke als yours obediently German. Gkdilnki'il »ild Aussprüche lierühmter Männer nlier Inden und Judentum. Wie widerwillig es auch zugestanden werden mag — der jüdische Geist ist für den wirtschaftlichen Aufschwung des deutschen Volkes von nicht geringem Nutzen, und es mag in Rührigkeit, Ausdauer, scharfsinnigem Erfassen der realen Verhältnisse, davon lernen, um sich mit ihm in Wetteifer zu setzen. In bezug auf Wissenschaft, Philosophie und Künste ist die Bedeutung der Juden in der ganzen christlichen Welt, in der deutschen vor allem, hundertfältig erwiesen. Sie haben auf diesen Gebieten zur Förderung unserer Kultur mächtig beigetragen, sind auf ihnen in unserem Geist und Wesen längst aufgegangen. Die sittlichen Vorzüge und die stillen Tugenden vieler Einzelner von ihnen sind ebenso unbestritten. Die mannigfachen starren Eigenhenheiten werden sich mehr und mehr verlieren und damit auch die Vorurteile des deutschen Volks dagegen, die sich noch aus unglückseligen Traditionen nähren. Schmidt-Weistenfels. * * -i- Die weltgeschichtliche Mission des Judentums hat mit seiner Existenz als Volk ihr Ende erreicht. Eine Nationalität ohne Heimat läßt sich auf die Länge nicht bewahren; sie muß mit der Zeit von dem Volkstum, in dessen Mitte sie existiert, aufgezehrt werden. Wie die französischen, die englischen Juden nichts anderes sein wollen, als Franzosen und Engländer, so kann der deutsche Jude nur in Zukunft als Deutscher fortleben, sei es nun jüdischen oder christlichen Glaubens. Die Basis einer Fortdauer als Nation fehlt dem jüdischen Volke mit der Heimat, und ich sehe für dasselbe keine andere Mission der Zukunft, als in den gebildeten Völkern der Welt aufzugehen als Salz der Erde, dieselben befruchtend durch seine enorme geistige Begabung, seinen Familiensinn, seinen Fleiß, seine Ausdauer und Mäßigkeit. Prof. Friedrich Meyer von Waldeck, 1. c. S. 185. Vgl. auch desselben Autors: Magazin f. d. Kunde des geistigen und sittl. Lebens in Rußland 1853—55; der Paria, 1843, und Russische Erzählungen. -» * * Die infame antisemitische Agitation unserer Tage stützt sich nicht hauptsächlich auf die Verschiedenheit der Glaubenssatzung zwischen Juden und Christen, ihr fehlt selbst jene schwache Entschuldigung, daß sie, wie die mittelalterliche Judenverfolgung, hervorgeruten H durch religiösen Fanatismus. Sie ist ein Produkt der tr xigen, leider die neueste Zeit beherrschenden, selbstsüchtigen, gemeinen Jnteressenpolitik, des sich auf allen Gebieten des staatlichen Lebens breit machenden Konkurrenzneides, und daher doppelt verabscheuungswürdig. Adolf Streckfus;.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.