Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 547 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 647. Erwähnung tut, so bemerken wir folgende Gegenstände: Ohri ringe in verschiedenen Formen; man nennt sie Nezem (wahrscheinlich hängende, denn die Nasenringe trugen denselben Namen) oder Aghil (runde) oder Netiphoth (Tropfen oder Perlen). Vielleicht bestanden die Ohrringe zu gleicher Zeit aus mehreren Stücken, auf die sich diese verschiedenen Namen beziehen. Nasenringe, Nezem genannt; noch heute tragen die orientalischen Frauen diesen Schmuck, der auf der einen Seite der Nase hängt, die man zu diesem Zweck durchsticht, wie die Ohren. Der Ring, aus Elphenbein oder Metall, und öfter mit kostbaren Steinen verziert, hat 2 oder 3 Zoll Durchmesser und hängt über den Mund. Eliezar gab der Rebekka einen solchen Ring von Gold, der ein Beka oder einen halben Schekel wog. In den Sprichwörtern vergleicht man die Schönheit einer geistlosen Frau mit einem goldnen Ring an die Schnauze einer Sau gehängt. Halsbänder oder vielmehr Ketten, genannt Rabid, waren oft doppelt oder dreifach und bestanden zum Teil aus Goldfäden, zum Teil aus kostbaren Steinen oder Perlen. An einigen Ketten waren verschiedene Zierraten von Gold, sowie kleine Sonnen oder Halbmonde (Saharönim), Amulette von Gold oder Talismane (Lehaschin), vielleicht die Gestalt einer Schlange habend, und auf denen magische Sprüche oder Worte aus dem Gesetz Moses eingraviert waren; endlich auch Riechfläschchen (Lotte-Nepheseh), die man im Busen verbarg oder welche bis auf den Gürtel hingen. Einige Male bemerkte man auch eine goldene Kette, die an dem Kopfputz befestigt war. Armbänder, genannt E^’Ada oder Camid; da man diese beiden Wörter eines neben dem anderen findet, können sie nicht vollständig gleichbedeutend sein. Das erstere scheint im Zusammenhang mit dem arabischen Wort Said (Arm) zu stehen und bezeichnet ohne Zweifel einen Ring, der den Arm nah am Ellbogen umschloß, wie wir es ausdrücklich in der Bibel lesen, während der Camid sich nah um die Hand schloß. Diese beiden Arten Armspangen waren also Ringe, teils von Gold, von Silber oder Elfenbein; die Armspangen, die der Diener Abrahams der Rebekka gab, wogen nach 1. Mos. zehn Schekel Goldes. Aber außer den Ringen finden wir auch Armbänder in Form von Ketten (Scheboth) erwähnt, oder aus Goldfäden gefertigt. Ringe (d^abaath), die man an den Fingern beider Hände trug. Fußringe, wie man deren bei den Griechen und Römern hatte, und die man noch bei den arabischen Frauen sieht, welche sie Khalkhal nennen. Wir müssen noch der Charitim erwähnen (Säcke oder Taschen), von welchen Jesajas unter den Toilettegegenständen der Frauen berichtet, und die wir später als Geldbörsen wiederfinden. Die Beutel, welche die Damen in Toilette am Gürtel tragen, waren wahrscheinlich von schönem Stoffe und mit Stickereien geziert, wenn man darnach urteilen soll, was der moderne Orient uns Analoges bietet; die Etymologie des Wortes Charit oder Kharit scheint die konische Form anzudeuten. Man findet keine Spur von Schnupftüchern, und zweifelsohne wußten die Frauen der Hebräer deren zu entbehren so gut wie die der Griechen und Römer; die Sudaria (Schweißtücher) der Römerfehlen gleichfalls im alten Testament und der Talmud kennt sie nur unter dem lateinischen Namen. Ein Gkskllschastsnbend. (Schluß.) „Es ist keine Fahne mehr. Kaum ein Wort, das sie von sich werfen. Sie verlassen Nichts und finden nichts Neues — sie werden Nichts anderes, als sie schon vorher gewesen sind — " I In diesem Augenblicke wurden sie unterbrochen. Unter der Führung einer jungen munteren Nichte der Hausherrin drängte sich mutwillig ein Schwarm in das Nebenzimmer. „Du böse Tante! Hast mein Spiel nicht einmal bewundert!" Sie verzog den Mund zu einer anmutigen Schmollgebärde. „Das macht der neue Vetter!" rief eine andere Stimme. „Er entzieht uns die Krone des Festes!" „Und entzieht sich dem Feste," rief ein Anderer. „Aber merkt nur," meinte die junge Nichte forschend, „Ihr seht ja so eifrig aus und scheint sehr ernst mit einander verhandelt zu haben. Darf man wissen, um was es sich gehandelt hat?" „Welch' unberufene Neugierde!" Die gewandte Weltdame stand einen Augenblick verlegen da. Ihr Mann hatte den jungen Verwandten durchaus nicht entbehren wollen — sie hätte ihn nicht eingeladen. Nun saß er beim Skat, und sie —, Aber schnell faßte sie sich. „Wir sprachen über die beiden Goethe'schen Lieder, die Sie vorher so seelenvoll vorgetragen, (die Sängerin verneigte sich dankbar) und wir fragten uns, ob es in irgend einer Literatur ähnliche Perlen des Gefühls gibt, wie durch Goethe in der deutschen." „Vielleicht in der hebräischen?" fragte der Oberleutnant, um den jungen Fremden etwas zu necken. „In der Tat," sagte dieser ruhig, „da finden sie sich." Die Herrin des Hauses stand blutübergossen da; die Gesellschaft stand erwartungsvoll umher, wie dieses Wortgefecht wohl enden würde, als der Oberleutnant schnell entschlossen hinzufügte: „Dann singen Sie uns auch so etwas Jüdisch-Goethe'sches vor!" „Ich bin bereit," sagte der junge Mann, ohne mit der Miene zu zucken. Es wurde immer ergötzlicher. Einige dienstbereite Seelen wollten das Gespräch auf etwas Anderes lenken — aber ein junger Rechtsgelehrter, der früher evangelischer Theologe gewesen war, rief ganz ernsthaft: „Ach, singen Sie! Ich hätte für mein Leben gern einmal ein hebräisches Lied gehört!" Das war kein Spott, das war die ernste Wißbegier des einstigen Gottesgelehrten. „Welches Mißgeschick!" dachte die Dame des Hauses, die sich nun ins Unvermeidliche fügen mußte. Der Rechtsgelehrte drängte immer ungestümer, der Oberleutnant in seiner Weise auch — der junge Gast gab nach. Schweigend, erwartungsvoll stand der bunte Kreis umher. „Ich singe Ihnen einen Abendgesang aus dem Schlußgottesdienste des Versöhnungstages," sagte der Entsetzliche, der in diesem Kreise nun noch den heiligsten Tag des Jahres erwähnen mußte! Und er sang, mit kräftiger, wohllautender Stimme, mit tiefer Erregung und Innigkeit zwei kurze Sätze. — Der altbekannte Synagogenton schreckte die alten Herren vom Skat herbei, erschrocken, erschüttert hörten sie die wohlbekannten Klänge, ohne zu wissen, wie diese Töne, die sie einst im Innersten bewegt, hier in dieser nichts weniger als bußfertigen Gesellschaft zum Vortrage gekommen sein können. „Ein schöner Bariton", sagte die Herrin des Hauses, als der Sänger geendet. „Eigenartig, nie gehört!" rief der Rechtsgelehrte. „Dieser Gesang bleibt mir unvergeßlich! Sind das überlieferte Weisen?"