Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 546 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 546. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Hör, Gerechter, unser Flehen, neig dich, unser Leid zu schaun. Nur in dir ist Kraft und Hoffnung, ist Ergebung und Vertraun, Deine Huld und Güte heben mehr als Tugend, mehr als Macht, Du bist Herr der Welten, Jahve, ohne dich ist dunkle Nacht. Fürsten werfen ab den Purpur, Asche auf das Haupt zu streun — Hört ihr über Meer und Wüste die Posaune mächtig dräun? Ich auch, Herr, Hab schwer gesündigt, neigte dem Verrate zu. . . Nicht die Hände kann ich heben — aber gnadenreich bist du!" Seufzend sank er nieder. Wolken dichten Rauches sah man ziehn. Kilonimus ben Rabenu neigte still sich über ihn. Griff ans Herz ihm: „Ausgerungen! Heil ihm! Preist der Erde Hort!" Und den unterbrochnen Kadosch setzt der Kantor wieder fort. Während dessen auf dem Schlosse sitzt der Fürst bei Mahl und Fest, Und er kämpft mit seinem Bangen, das ihn heut nicht ruhen läßt. „Nun, mein Rabbi, was beschloß er? Will mir niemand Bote sein? Seid ihr alle stumm geworden? Laßt den Henker mir herein!" „Doch zuvor den Becher höher! Was beklemmt euch, sagt es gleich! Unterm Bildnis der Madonna warum brennt das Licht so bleich? Sieh, wer kommt? Das ist kein Henker, 's ist der Rabbi. . reckt den Stumpf Seiner Hand zum Himmel" ... Nieder fiel der Kurfürst schwer und dumpf. JaroSlav Brchlicky, übersetzt von Fr- Adler. Das liniii.liilii' und gMschilfttichk Leben der alten Hebräer. Nach S. Mnnk's Palestine. (Fortsetzung.) Man kann aus diesen Erzählungen des ersten Buches Moses schließen, daß die Sitten in der Zeit des Niederschreibens dieses Buches dieselben geblieben sind, und daß, wie wir es soeben gesagt, nichts beweist, daß sie seitdem sich geändert hätten. Man hat schon gesehen, daß die Frauen der Hebräer eine große Freiheit genossen, und es ist nicht anzunehmen, daß sie in bezug auf den Schleier die strenge Etikette beobachtet hätten, die die Frauen des Morgenlandes heute beobachten und die mehrere Schriftsteller unrichtiger Weise bis zum hebräischen Altertum hinaufleiten. Bei den Hebräern bedeckten sich die Frauen und Mädchen wahrscheinlicher Weise mit dem Schleier, wenn sie auf die Straße gingen, und im allgemeinen bei den Veranlassungen, wo ihnen ein Gefühl der Keuschheit eine Pflicht daraus machte, wie es Rebekka tat in dem Augenblick, wo sie zum ersten Mal ihren Verlobten erblickt, aber im Hause und selbst an den Orten, wo öffentliche Versammlungen gehalten wurden, scheuten sie sich nicht, sich vor den Männern freien Antlitzes sehen zu lassen, wie wir z. B. von der Hannah sehen, die, als sie in dem Heiligtum zu Siloh betete, vom Hohenpriester ins Antlitz gesehen werden konnte. Wir wissen weder zu sagen, wie die Form der Schleier gewesen, noch ob es deren mehrere Arten gegeben; das Alte Testament gibt uns wenigstens zwei Worte, die ohne Zweifel den Sinn von Schleier haben, das Wort Ca'if, das man im 1. Mos. findet, und das Wort Baal, dessen sich der Prophet Jesajas bedient. Dies letzte Wort, das auch im Arabischen gebräuchlich ist, ist nur ein modernes Wort, gleichbedeutend mit Caif. Einige andere Worte, denen man den Sinn „Schleier" beigemessen, sind zweifelhaft. Die Männer sowohl als die Frauen verwendeten eine große Sorgfalt auf die Haartracht; die jungen Leute trugen das Haar lang und toupiert und verschnitten es nur selten. Im Hohen Liede wird von „lockigem Haar und schwarz wie der Rabe" gesprochen. Man hatte eine Art Widerwillen gegen Kahlköpfe, die öfters Beschimpfungen ausgesetzt waren. Männer von Würde und überhaupt die Priester beobachteten das friste milieu, indem sie das Haar von Zeit zu Zeit verschnitten; aber das Gesetz verbot, das Haar zu verschneiden auf Art der Araber, die sich den Kopf ringsherum abrasierten und nur auf dem Scheitel Haare ließen. Man mußte die Ecken der Haare wachsen lassen, sowie den Bart, d. h. die Haare, die die Schläfen bedecken und den Teil des Bartes, der sich daran schließt und die Backen bedeckt. Das Verbot des Gesetzgebers erklärt sich äus der Gewohnheit, welche die Araber in dieser Beziehung zu Ehren einer dem Bacchus ähnlichen Gottheit angenommen haben, wie Herodot es erzählt. Der Prophet Jeremias spricht mehrmals von diesen Arabern, die er spottweise „Männer mit abgeschnittenen Haarecken" nennt. Was den Bart betrifft, so betrachtete man ihn als die Zierde des Mannes und man trug ihn lang; der Angriff auf den Bart war die größte Beleidigung, die man einem Hebräer zusügen konnte, und David rächte auf eine schreckliche Weise eine solche seinen Gesandten zugefügte Beleidigung. Man pflegte den Bart ebenso wie das Haupthaar mit wohlriechenden Oelen. Die Frauen verstanden ihr Haar mit Koketterie zu ordnen; der Prophet Jesajas macht Erwähnung von frisiertem Haar und Haarflechten. Die Kämme und Haarnadeln sind in der Bibel nicht erwähnt; es ist davon die Rede in der Mischna, aber es bleibt zweifelhaft, ob man sie bis zu den alten Hebräern hinauf leiten kann. Das Haar war durch ein Band, welches die Stirn einschloß, zurückgehalten, und das die reichen Frauen mit einer Gold- oder Silberplatte bedeckten; der Talmud erwähnt diese Bänder unter dem Namen Totaphoth, der sich im Pentateuch findet, wo er die Thesillim bezeichnet, welche die Männer vor der Stirn tragen, und von denen wir späterhin sprechen werden. Es bleibt uns noch übrig, von den Schmucksachen und einigen anderen Toilettegegenständen, die bei dem einen oder dem anderen Geschlecht gebräuchlich waren, zu reden. Die Männer trugen gewöhnlich keinen anderen Schmuck, als den Siegelring und den Stock; der Ring wurde entweder an einem Finger der rechten Hand, oder mit einer Schnur um den Hals getragen, genannt Pathil. Der Stock, genannt Matte*, war unzweifelhaft mit einem wertvollen Knopf verziert. Herodot berichtet uns, daß bei den Babyloniern ein jeder einen Siegelring und einen Stock trug, welcher letztere mit einer Verzierung am oberen Ende in Form eines Apfels, einer Rose, einer Lilie, eines Adlers oder irgend eines anderen Gegenstandes versehen war. Ferner trug Juda sowohl Ring als Stock und dieser letztere muß ein wertvolles Stück gewesen sein, da ihn Thamar als Unterpfand verlangte. Wir erinnern auch an die Stäbe Moses und Ahrons, die gleichfalls den Namen Matte trugen, während der gewöhnliche Stock, dessen sich die Leute aus dem Volk und die Reisenden bedienten, Makkel oder Misch’eneth (Stütze) heißt. Die Könige und andere Personen von Distinktion trugen öfter goldene Ketten um den Hals und Armbänder; Knaben trugen auch Ohrringe. Die Sitte Amulette zu tragen ist sehr verbreitet im Altertum und ist es noch heute bei den Morgenländern; diese Sitte existierte auch bei den alten Hebräern und wahrscheinlich war es, um diesen Aberglauben zu beseitigen, daß der Gesetzgeber ihnen gebot, auf Stirn und Arm (an Stelle der Amulette) gewisse Inschriften, die Grundgebote des Gesetzes umfassend, zu tragen. Die Kleinodien der Frauen waren ziemlich zahlreich; wenn wir uns eine Frau vorstellen, die vom Kopf bis zu den Füßen mit all den Kleinodien geschmückt ist, welcher die Bibel G