Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 548 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606917--9592-9606929- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 548. Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. „Sie sind ein Jahrtausend alt", meinte jener, „und haben sich wunderbar erhalten." „Aber die Uebersetzung! rief der Oberleutnant. Sie haben uns etwas Goethesches versprochen." „Sehr wohl, ich vergesse es nicht. Ein Freund hat diese Worte übersetzt, und ich habe sie im Gedächtnis: „O öffn' uns das Tor, Da das Tor sich schon schließt Und sich wendet der Tag! Ja, der Tag, Er wendet sich schon. Die Sonne geht nieder. Sie sinkt! O, laß in dein Tor uns einziehn!" „Begreifen Sie die Empfindungen der Gemeinde, für die der heilige Tag nun endet, die Sonne senkt sich, Tempel- und Himmelstore schließen sich bald; begreifen Sie die Wehmut, die in dem sich neigenden Tage und der sinkenden Sonne das Sinnbild des dahinfließenden Lebens sieht und um Einlaß in das Tor der Buße bittet und dereinst in das Tor des Jenseits einziehen will? Ist bei Goethe das Stimmungsbild nicht das gleiche? Gipfel und Wipfel werden stiller, die Vögel schweigen auch schon — bald ruhest auch Du! In diesen tiefempfundenen Beziehungen auf Leben und Lebensschluß liegt ja die ergreifende Wirkung des Goetheschen Liedes." Der Oberleutnant meinte: „Um so etwas zu finden, müssen die den ganzen Versöhnungstag fasten — und es wird wohl das Einzige sein." „O nein", entgegnete jener unerbittlich, „das Gegenstück zur Goetheschen Friedensbitte haben wir in jedem Abendgebet. Hören Sie die Uebersetzung meines Freundes: „O Vater! Laß uns im Frieden schlafen gehn Und weck uns auf zum Leben! Breit über uns die Hülle deines Friedens, Dein Wille walt' und wache über uns! O, breite über uns des Friedens Hülle!" „Ist das nicht auch, wie bei Goethe, Wanderers Nachtlied? Nur daß hier ein kräftiger Lebensgeist nicht „des Treibens müde" ist, sondern den Frieden wünscht, der sich wie eine Wanderhütte über den Schlafenden breiten möge, damit er morgens zu neuem Leben und zu neuem Wandern erwache. Spricht sich nicht hier, wie dort die Friedenssehnsucht aus?" Vetter, Sie haben uns eine wohlverdiente Vorlesung gehalten!" rief die Herrin des Hauses. „Nichts für ungut!" sagte der Oberleutnant, seine Hand hinhaltend. Der Rechtsgelehrte zog aber unfern Freund in eine Ecke, und die beiden sprachen noch lange zusammen. | Nach einem Monat wiederholte sich die Einladung. Gedanke» and Aussprüche berühmter Männer über Inden nnd Indentnm. -Ich halte es für sehr möglich, daß die Juden, vorausgesetzt, daß die Grundlagen ihrer Religion sie nicht verweichlichen, wenn einmal die Gelegenheit günstig sein sollte, — die menschlichen Verhältnisse sind ja dem Wechsel unterworfen — ihr ehemaliges Reich wieder aufrichten werden und Gott sie wieder von neuem erwählen werde. B. Spinoza: Theologisch-politischer Traktat, Kap. 3. Am Anfänge des Jahrhunderts, als die unsere Gegenwart verwirrenden Konflikte unter einer Bildungsschicht begraben schienen, gab Goethe, der mit klarem Jugendblick in die Entwicklung auch der Völkernatur dringende Greis, das wohlbekannte Urteil über das Judentum, dessen prophetischem Schlußsatz sich eine Greisin am Ende des Jahrhunderts überzeugungsvoll anschließt. „Die Juden sind das beharrlichste Volk der Erde; es ist, es war, es wird sein, um den Namen Gottes durch alle Zeiten zu tragen." Wiesbaden, 17. Sept. 1891. Louise von Franyois. * * * Eine Bewegung, welche auf Trug und Ungerechtigkeit sich stützt, dabei den niederen Instinkten Nahrung gibt, ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine desto größere Gefahr, als solche, die selber nicht lügen und selber nicht roh sind, davon ergriffen werden, weil sie bei den anderen begründetes Urteil voraussetzen — und es ist natürlich, daß die Vorurteilslosen endlich beginnen, sich energisch dagegen aufzulehnen. — — Besonders den Müttern kommt es zu, wenn sie bemerken, daß ihre halberwachsenen Söhne Gefahr laufen, von diesem Giftstoffe angesteckt zu werden, sie davor zu schützen; denn keiner Mutter soll es gleichgiltig sein, wenn ihr Kind Gesinnungen nährt und ausdrückt, die auf Grausamkeit und Ungerechtigkeit, auf Hochmut und Dünkel gegründet sind, die das Gemüt zu verrohen und den Geist zu verengen drohen. Bertha von Suttner. * * * Wer wie ich von seiner Jugend an bis ins 83. Lebensjahr Gelegenheit hat, tiefere Blicke in das Familien- und Vereinsleben der Israeliten zu werfen, wird sicher auch erkannt haben, wie sehr die größte Zahl unter ihnen die Gebote: „Liebe Gott über alles, und deinen Nächsten wie dich selbst", zur Richtschnur ihres Lebens gemacht haben. — — Beachten wir dabei wohl, wie oft die Wohlhabenden unter ihnen, ohne zu fragen: „Wer ist mein Nächster?" nicht unterlassen, „Hungrige zu speisen, Durstige zu tränken, Gäste zu beherbergen. Nackte zu kleiden. Kranke zu besuchen, zu Gefangenen zu kommen," und daß der Weltrichter auch zu ihnen bei der allgemeinen Auferstehung-sagen wird: „Wahrlich sage ich euch: Wofern ihr es tatet einem dieser meiner geringsten Brüder, so tatet ihr es mir. Kommt, Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist seit Gründung der Welt!" Wenn nicht ein Vorbild, so sind solche Israeliten doch durch solche Nächstenliebe den Christen wenigstens gleich zu achten. Tr. Heinrich Büttner: Das Urchristentum, Breslau, 1891, S. 141. * * * Lassen Sie mich auch an diesem Orte meine hohe Achtung vor den, dem Judentum eigenen ausgezeichneten Eigenschaften aussprechen, vor jener Energie der individuellen Selbsttätigkeit, welche ihm das Gemeinde- und Genossenschaftswesen ersetzt, vor der Wärme und Tiefe des Familienlebens, die für ihn die germanische Ehe und Geschlechterbildung vertritt, vor dem starken Glauben an den biblischen Jehovah, der ihm an der Stelle des Glaubens an dke Menschheit steht und zuletzt vor der Freiheit von jedem Vorurteil in allen menschlichen Dingen, die freilich eine große Grenze hat, — sowie wir auf das ethische Leben übergehen. Ich sehe diese Grenze allmählich verschwinden. Lorenz von Stein l. c. S. 91.