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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · p. Seite 545

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 545 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 846. nahm und seine ersten Erfolge errang/' „Abgesehen von dem Genie seines Begründers verdankt der Chassidismus sein rapides Wachstum der, im Vergleich mit der intellektuellen Fruchtbarkeit anderer Gegenden, in denen Juden eng beisammen wohnten, überaus großen Geistesarmut dieser Distrikte. Die rumänischen Juden standen bis zu einem gewissen Grade unter der Geistesherrschaft der Rabbiner von Polen." — Männern ihrer Eigenart mögen sie allerdings in geistlichen Angelegenheiten recht gute Führer gewesen sein, ihren rumänischen Brüdern aber waren sie nicht von Nutzen, denn diesen blieb die Religion im Gewände der Kasuistik unerkennbar fremd. Es war daher auch nicht zu verwundern, daß eine Auflehnung gegen das Uebermaß des Jntellektuellismus ausbrach und sich besonders in den Gebieten entwickelte, in denen die Bevölkerung ihrer Veranlagung nach unfähig war, die Wonnen des Argumentierens zu schätzen. Das Feld war bereit, und als die Zeit sich erfüllte, kam der Säer in der Person des Baalschem." Wenn auch der Bestätigung dieser Meinung Schechters die Feststellung, welchen Gegenden die meisten Jünger des Baalschem und Apostel des Chassidismus entstammten, vorangehen müßte, so wird man ihr die Berechtigung nicht absprechen können. Allerdings geht aus den Geschichtsstudien Asesamintele Evreilos din Moldova vvn Dr. E. Schwarzfeld im Annuar V III. Ochire asupra istoria Evreilos din Romanica von Moses Schwarzfeld Annuar X. hervor, daß es mit der jüdischen Kultur der rumänischen Juden gar nicht so arg bestellt war, aber im Verhältnis zur polnischen Ueberkultur des Rabbinismus besaß die rumänische Judenheit jener Tage nur wenig vom populistischen Jntellektuellismus und war daher — Baalschem-reif. Am meisten fesselt es uns aber in Schechters Buch, wie er, der große rumänische Jude, den Werdegang des größten rumänischen Juden, des Baalschem, nach Geschichte und Sage schildert. var neujaf>r$gebet. Legende. Rabbi Amnon kam zu Gaste oft zu Mainz' erlauchtem Herrn, Saß mit ihm beim Schachspiel häufig, doch bei Trank und Speis nicht gern: Immer fand er eine Ausflucht, eilte in sein stilles Haus: Einmal nun hat ers vergessen und viel Unheil wuchs ihm draus. Auf dem Grund des Bechers schlummert Satan seit der Welt Beginn, Beugt den Stamm des festen Willens und macht schlaff granitnen Sinn, Hüllt in Schleier die Erwägung und das Urteil in sein Netz, Läßt den seichten Toren glauben, Weisheit wäre sein Geschwätz. Eins nun sprach der Kurfürst: Rabbi, der Gelehrten Perle du. Mein und dein Gott weiß, ich ziehe gern dich meinen Gästen zu, Einst ist schade nur, dein Glaube ist die Schranke unheilvoll. Hindert, daß nicht, wie ich wollte, ich dich Bruder nennen soll. Zwischen deinem Gott und meinem ist der Unterschied nicht groß, Drum erwäge meinen Ratschlag, dir in Güte sag ichs bloß; Sag dich los von deinem Gott, mir zu lieb — und den Pokal Hob er hoch, — du willst nicht? Seis drum! Ueberleg dirs nur einmal; Bist du in der Tat ein Weiser, dann erkennst du bald genug. Wo das Licht und wo das Dunkel, wo die Wahrheit, wo der Lug!" Amnon griff nur still zum Becher, sprach mit tiefer Bangigkeit: „Herr, ich will es überlegen, gib mir nur drei Tage Zeit!" O, drei trübe Tage warens und die Nächte bang und schwer, Ruhlos warf auf seinem Lager sich der Rabbi hin und her. Gib dem Teufel einen Finger und die Hand hat er erfaßt — Und wie aufgescheuchte Rehe fliehn die Stunden hin in Hast. Vor sich klaffen einen Abgrund sah der Rabbi, tief und weit. Drüben thronte ernst Jehovah mit der Engel Herrlichkeit: Jahve zürnend, und die Engel stießen mit bewehrter Hand Mit dem gellen Ruf „Verräter" ihn hinunter von der Wand. Nur ein Schritt, nur überlegen — mehr gefordert war ja kaum. Noch kann er zurück — vergebens! Dem Verrat schon gab er Raum. Und er zeigt sich nicht bei Hofe, flieht, bevor genaht der Tag, An dem vierten Tage hörte er allwärts Lärm und Trommelschlag. So verkünden läßt der Kurfürst; „Meine Milde ist vorbei. Um ist deine Frist, laß hören, Rabbi, was die Antwort sei. Durch des Herolds Mund dir sag ich: Wer dir Luft und Brot gewährt. Dessen Gott sollst du gehorchen und nur einer sei geehrt." Bald gefesselt vor dem Fürsten stand der Rabbi: „Treff mich Tod! Dir zu oienen, ward ich sündig, frevelte auf dein Gebot. Den Verrat nur zu bedenken, heißt auch den Verrat schon tun. Je, ich Hab mein Wort gebrochen. Tu sein Werk der Henker nun". „Nicht mein Geist und nicht mein Wille, meine Zunge fehlte hier. Sieh, ich spreche selbst mein Urteil: ausgerissen sei sie mir. Ich bin Jahves treuer Diener, meine Zunge sei verdammt. Gib die Zange, an ihr selber übe ich des Henkers Amt". Fort schob stumm der Fürst das Schachbrett, dran der Rabbi häufig saß, Uebers Antlitz flog der Hohn ihm, wie die Schlange schleicht durchs Gras; „Deine Zunge, sagst du, Rabbi? Nein, die Füße tragen Schuld; Denn du kamst nicht nach drei Tagen. Doch du merkst es bald, Geduld!" „Auf die Folter mit dem Rabbi! Schwörst du ab den Glauben?" — „Nein!" „Abhaun laß ich dir die Glieder!" — „Herr, das schafft mir keine Pein!" „Nun, wir werden sehn." Dem Häscher winkt er ... und was dann geschehn. Drüber läßt des Mitleids Schleier sanft das Lied herniedergehn. Neujahr wars Die Synagoge von der Beter Menge schwoll. Und den Kadosch grad beginnen wollt der Kantor andachtsvoll. Da Geräusch am Eingang — düstrer brannte rings der Lichter Schein — Auf der Bahre tief in Ohnmacht — brachte Amnon man herein. Neben ihm im Korb die Glieder, dran das rote Blut noch klebt. Stellt man zum Altar, 's ist stille. In dem ernsten Dunkel hebt Laut der Kantor seine Stimme. Horch, da in des Kadosch Klang Von dem Fuß- und Händelosen jetzt ein Laut herüberdrang! „Halte!" rief er, und der Beter schwieg, im weiten Tempel still. „Hört mich, dessen letzter Atem seinen Schöpfer preisen will. Jsak sah in seinem Hause Weihrauch ziehn und Götzen stehn. Und er blendete die Augen, nicht des Herren Schimpf zu sehn. Und ich sag: der Neujahrstag ist dem Allgericht geweiht. Schon erdröhnen die Posaunen. Du mein Gott sei benedeit! Viermal, eh das Jahr sich wendet, richtest du, o Herr, die Welt, Furchtbar ist dein Spruch, doch größer ist die Milde, die uns hält. Bis in alle Ewigkeiten herrschest du. Erhabner, nur Raum und Zeit umspannt deine Auge, Trieb und Kraft ist deine Spur, Deine Hände ohne Ende schützen alles, übers Meer Mitten durch den Sturm zieht leuchtend deiner Engel Schar einher. Offen ist das Buch der Rechnung, alle Namen stehn darin. Jeder Traum und Zug der Seele ist enthüllt, wann und wohin; Gleich wie Wogen angezogen kommt der Völker bang Geschlecht Und du richtest, teilst und schlichtest und du wägst die Schuld gerecht. Ohne Ende deine Tage, deine Jahre uferlos. Deiner Macht und Größe Fülle ist für jede Zahl zu groß. Ein Geheimnis ist dein Name, ahnungsvoll vor seinem Klang Zittern Cherubim und halten Sterne ein in ihrem Gang. Von dem Schmettern der Posaunen bebt der Erde tieffter Kern, Und des Meeres dunkles Raunen grüßt in Ehrfurcht dich als Herrn. In dem Staube, Schmach zum Raube, liegt vor dir der Götzen Zahl, Segen fluten wird den Guten, und den Bösen wird die Qual.

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