Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 544 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 544, Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. mehr daran, selbst Judenkrawalle zu inszenieren und ist seit etwa Jahresfrist darüber empört, wenn ein Judenkrawall von der schwarzen Bande veranstaltet wird. Bekannt sind die öffentlichen Proteste der Arbeiterschaft in Poltawa und Jekaterinoslaw. Die Arbeiter in Samara, wo in zahlreichen Proklamationen für den 5. September ein Judenkrawall verkündigt wurde, haben erklärt, jedem Versuch zur Ruhestörung mit ihren Arbeiterfäusten entgegen zu treten und jeden sich merken zu wollen, der die Juden auch nur mit dem Finger berühren würde. Um dieser Erklärung Nachdruck zu verleihen, versammelten sie sich in einem Wäldchen jenseits der Wolga, um da öffentliche Schießübungen abzuhalten. Die Wirkung war, daß am 5. September die Barfüßler nicht gewagt haben, sich auf der Straße zu zeigen. In Kertsch werden alle diejenigen Ladeninhaber, Hoteliers, Kaufleute und Beamte, die sich während des dreitägigen Krawalls unfair benommen haben, von der gesamten Bevölkerung boykottiert. Am schwersten leidet unter diesem Boykott der dortige Tabaksfabrikant Messaxsudi, ein Karäer, dessen 20jähriges Goldsöhnchen Alexander eine Plündererbande geleitet hat. Alle Hotels, die den Juden in ihrer Not Schutz und Zuflucht versagt hatten, werden vom Publikum gemieden. Ja selbst die Magistratsbeamten, die anläßlich des traurigen Ereignisses ihre judenfeindliche Gesinnung nicht zu unterdrücken vermocht haben, werden von ihren Kollegen derartig behandelt, daß viele von ihnen um ihren Abschied eingekommen sind und die Stadt verlassen haben. Die gesamte russische Intelligenz, die Arbeiter wie der Mittelstand stehen jetzt aktiv auf Seiten der mißhandelten, sich aber heldenmütig wehrenden Juden. Die Regierung ist isoliert, und muß sich mit den Sympathien des Lumpenproletariats begnügen. Die Juden haben durch ihr heldenmütiges Verhalten die gesellschaftliche Gleichberechtigung sich bereits erkämpft, die bürgerliche und die politische werden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ci« großrr rumänischer Jude «brr den größte« Jude« aus Rumänien, Prof. Z. Zchechter über Israel Panischem. Von Rabb. Tr. I. Niemirotver-Jassy. Die Chassidim erobern sich endlich ein Plätzchen in der Wissenschaft des Judentums. Männer, die den Chassidismus genau kennen, die ihm einst in Glaubensglut gehuldigt, ihn nachher in philosophischer Klarheit überwunden und alsdann in wissenschaftlicher Ruhe und Objektivität seinen eigenartigen, wertvollen Inhalt und seine merkwürdige, vielfach abstoßende Form geprüft, haben auf die Höhen und Tiefen, Lichtpunkte und Schattenseiten der chassidäischen Lehre und Praxis hingewiesen, Anerkennung für das Bleibende, Schöpferische und Interesse für das Vergängliche, Verführerische des neuzeitlichen Chassidismus zu erringen gesucht. Man schöpft nicht mehr aus den durch Parteifeindschaft getrübten Quellen, die selbst den Wahrheitsdurst eines Grätz gestillt. Man hört immer mehr auf die Stimme der Gelehrten, die ohne Voreingenommenheit jede mächtige Erscheinung in der Gefühlswelt Israels zu erforschen suchen. Freilich wird der jüdische Schriftsteller, der chassidäische Menschen und Werke, Gedanken und Gefühle, Hoffnungen und Ideale einerseits, Fanatiker und Gewalttaten, Vorurteile und Einbildungen, Illusionen und Idole andererseits lebendig schildert, dem Chassidismus zur Erlangung des vollen Bürgerrechtes im Kulturreich des Judentums mehr beitragen, als der bedächtige Forscher, der nicht nur denkt, sondern auch „zerdenkt", nicht nur ergründet, sondern auch zugrunde richtet. Dem feinsinnigen Dichter des „Chassidimgetto", Peretz, wird es eher gelingen, den Chassidismus als „Baum ewigen Lebens" im Eden der Phantasie zu pflegen, als einem besonnenen Denker, ihn als „Baum der Erkenntnis" im Paradiese der Religionsphilosophie zu kultivieren. Dessen ungeachtet gilt es, den Chassidismus nicht nur poetisch zu verklären, sondern auch wissenschaftlich zu erklären. Wir begrüßten daher die Schriften, die diesen Zweck verfolgen, wie z. B. „Der Chassidismus" von Albert Katz. Heute wollen wir uns jedoch nur mit dem Buche „Die Chassidim von S. Schechter", das von Olga Tausig aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt, im jüdischen Verlag zu Berlin 1904 erschienen, näher befassen. Schechter, der Meister jüdischer Gelehrsamkeit, hat auch die Lehre der Chassidim in den Kreis seines Forschens gezogen, ihren Grundgedanken und ihre Kardinaltugenden lichtvoll M klargelegt, sie als eine anfänglich Gutes wirkende Kraft mit Wärme dargestellt, ihren Verfall durch die Sünden ihrer Träger, durch die Vergehen mancher „Zaddikim" bloßgestellt und neben vielem Schlechten bei den Chassidim „ein warmes Herz, einen begeisterten, aufrichtigen Glauben, eine gewisse Freimütigkeit des Charakters und entgegenkommende Freundlichkeit, die äußerst anziehend wirken", konstatiert. Die Gründlichkeit der Untersuchung und die Lieblichkeit ihrer Form, die maßvolle Beurteilung des Chassidismus, die jenseits von Liebe und Haß auf geheiligtem Boden echter Wissenschaftlichkeit emporsprießt, wirken bestrickend auf den Leser dieser hervorragenden Schrift. Eine kritische Betrachtung der anregungsreichen Studie ergibt jedoch, daß der Verfasser nur die Entstehung des Chassidismus und das Leben seines Begründers erschöpfend behandelt, die spätere Entwicklung der chassidäischen Partei, Sein und Werden der einflußreichen Zaddikim bloß berührt und angedeutet hat. In Wirklichkeit kann man aber über den Gesamtchassidismus erst urteilen, wenn man seine verschiedenartigen Richtungen und ihre hervorragenden Repräsentanten historisch gewürdigt hat. Es gibt einige Dutzend chassidäischer Uebermenschen nnd Ueberm juden, deren Gefühls- und geistige Machtsphäre als Höhepunkte der Chassidim so wichtig sind wie die Eigenart des Israel Baalschem als Anfangspunkt des Chassidismus. Der Beginn des Chassidismus und sein Urheber Israel Baalschem werden von Schechter ausführlich behandelt. Es wird festgestellt, daß die Wiege des Chassidismus an der Moldau stand, daß Baalschem in der jetzigen Bukowina in einem bisher nicht festzustellenden Dorfe, das damals noch zu Rumänien gehörte und von den Autoritäten Ukop genannt wird, geboren wurde. Ich möchte jedoch auf Abner Casvau, Biographie der Rabbiner in Rumänien, in der Zeitung Fraternitate B. I. S. 347 Hinweisen, der meint, daß Baalschems Geburtsort in der Nähe von Piatra liegt. Schechter bringt die Entstehung und erste Entwicklung mit dem geistigen Milieu der rumänischen Juden in Verbindung. Seite 31 führt er aus: „Es ist geschichtlich erwiesen, daß die erste Einwanderung der Juden in Rumänien in sehr früher Zeit geschah, aber bis in ganz jüngst vergangene Zeit finden sich unter den Einwanderern keinerlei Spuren intellektuellen Schaffens, und es gilt als sicher, daß das Studium des Gesetzes fast gänzlich vernachlässigt wurde. In diesen Gebieten geistiger, und vielleicht können wir sogar sagen, geistlicher Finsternis, war es, wo der Chassidismus seinen Aufschwung