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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-29 · 39 (29.9.1905) · p. Seite 543

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
39 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 543 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 39 Israelitische Wochenschrift. Gerte 643. sich eine große Zahl Juden befinde, mag vielleicht begründet sein. In der Tat würde es eher überraschen, wenn einige von denen, die so furchtbar unter der Verfolgung und unter Ausnahmegesetzen zu leiden haben, schließlich sich nicht gegen ihre grausamen Unterdrücker aufgelehnt haben würden. Aber es darf bestimmt behauptet werden, daß im ganzen die jüdische Bevölkerung Rußlands die Gesetze befolgt, und es ist kaum zu bezweifeln, daß, wenn sie erst Bürgerrechte mit all den Gelegenheiten, die diese im Gefolge haben, erhalten, die Juden in Rußland ebenso wertvolle Staatsbürger und glühende Patrioten sein werden, wie es die Juden in jedem Lande gewesen sind, das ihnen Bürgerrechte verliehen hat. Die Tatsache wird nicht bestritten werden, daß in den Vereinigten Staaten die Juden begeisterte Amerikaner, in England loyale Engländer, in Frankreich patriotische Franzosen und in Deutschland gute Deutsche geworden sind. Das Volk der Vereinigten Staaten hat, wie Ihnen bekannt sein muß, alles genau verfolgt, was in Rußland in diesem wichtigen Zeitabschnitt seiner Existenz vorgegangen ist. Die Sympathien der Amerikaner haben sich z. Z. von Rußland abgewandt, weil sie, die Freiheit und Gerechtigkeit liebend, entsetzt waren über die Greuel von Kischinew und über die schrecklichen Zustände, die, wenn sie auch schon lange existieren, doch erst jetzt zur vollen Erörterung gekommen sind. Der Einfluß der Juden in den Vereinigten Staaten, besonders der politische, ist bereits von großer Bedeutung und er nimmt noch stetig zu, da er durch die bedeutende Einwanderung russischer Juden immer wieder neue Kräftigung erhält. Kann man erwarten, daß der Einfluß der amerikanischen Juden auf die öffentliche Meinung ausgeübt wird zugunsten des Landes, das ihre Stammesbrüder systematisch erniedrigt und ihnen das Leben fast unerträglich macht? Wie viele Juden auch auswandern mögen, es werden immer Juden in Rußland Zurückbleiben, und so ist es ganz klar, daß die russische Judenfrage in Rußland geregelt werden muß — prompt und gründlich geregelt in dem erleuchteten Geiste, den Ihr kaiserlicher Herr bei so vielen andern Gelegenheiten gezeigt hat. Alsdann wird ein für allemal ein Faktor beseitigt sein, der Rußland daheim und im Auslande schädigt. Wir hoffen daher ernstlich, daß der Meinungsaustausch, der zwischen uns stattgefunden hat, zu derjenigen Lösung führen wird, die, wie wir überzeugt sind. Sie und die besten Geister in Ihrem Vaterlande in Wirklichkeit wünschen. Plebwes Geist. Der tote Herr von Plehwe hat den russischen Juden eine böse Erbschaft hinterlassen. Wie die großen Wohltäter der Menschheit, sterben bekanntlich auch die großen Schurken noch keineswegs in dem Moment, in dem sie ihren Geist aushauchen. Auch Herr von Plehwe, der vor weniger als Jahresfrist durch eine Bombe in die Hölle befördert wurde, ist, trotzdem sein Leib in Stücke zerrissen ward, nicht gestorben und wird in Rußland noch Jahrzehnte fortleben. Plehwes Tätigkeit während seiner zweijährigen Ministerschaft bestand bekanntlich im wesentlichen darin, künstlich Judenkrawalle hervorzurufen. Er mußte zu künstlichen Mitteln greifen, da das russische Volk seit 1881 ganz bedeutende Fortschritte gemacht hat und die Zeiten, wo Judenkrawalle aus eigener Initiative der Bauernmassen entstanden, waren schon längst vorüber, als Herr von Plehwe auf den übrigens keineswegs mehr neuen Gedanken kam, durch die Inszenierung von Judenschlächtereien den Zorn des Volkes von der Regierung auf die Juden abzulenken und letztere gleichzeitig für ihr revolutionäres Treiben zu züchtigen. Bekanntlich wurde der Kischinewer Krawall von Baron Lewendal, welcher zu diesem Zwecke mit großer Vollmacht nach Kischinew entsandt wurde, in monatelangen Minierarbeiten vorbereitet. Wie der Krawall von Kischinew, so ist auch der von Homel ein Kunststück des Herrn von Plehwe gewesen. Gleichzeitig wurde von ihm zum ersten Male der Versuch gemacht, auf Regierungskosten gewerbsmäßige Judenhetzer zu züchten, um so stets Leute zur Hand zu haben, die jedesmal bereit sind, nach Bedarf Judenkrawalle zu inszenieren. Plehwe ist tot. Aber Plehwes Pläne leben weiter und nehmen immer größere Dimensionen an. Aus dem einen Lewendal sind Dutzende, ja Hunderte Lewendals geworden und die kleine Bande um Kruschewan hat sich zu der schwarzen Hundert ausgewachsen. Und während Plehwe in zwei Jahren nur zwei Judenkrawalle veranstaltete, reißen jetzt die Judenmetzeleien gar nicht mehr ab. Auch in einer andern Hinsicht übertreffen Plehwes Schüler den Meister im hohen Grade. Meister Plehwe zeigte noch großen Respekt vor der öffentlichen Meinung, seine Nachfolger aber schämen sich nicht im mindesten mehr und versuchen es nicht einmal mehr, ihre Schandtaten vor der öffentlichen Meinung Europas zu bemänteln. Wie der Umfang hat auch der Zweck der Judenmassakres eine wesentliche Ausdehnung erfahren. Die Vorgänge in Bialystock, Kertsch, Kischinew und Krementschug, von Minsk, Brest-Litownk, Lodz, sowie von den zahlreichen Reservisten-Krawallen gar nicht mehr zu reden, beweisen, daß Plehwes Schüler, nicht mehr die Juden als Blitzableiter für den Zorn des Volkes benutzen wollen, sondern nichts geringeres beabsichtigen, als einfach das jüdische Volk auszurotten. Die Behörden kommen entweder überall zu spät, oder ermuntern die als „schwarze Bande", als „russische Leute" und als „Patrioten" glattweg auftretenden Räuber und Mörder in unverholener Weise. Reicht die schwarze Bande nicht aus, oder wird sie vom Verein zum Selbstschutz irgendwie bedroht, so treten Kosaken auf den Plan, um die sich verteidigenden Juden durch scharfe und volle Salven zu verjagen und diejenigen, die es gewagt haben, den geliebten Patrioten die Haut zu ritzen, zu züchtigen. Endlich wird auch in einer anderen Hinsicht die Plehwesche Politik von seinen Schülern überholt. Kruschewan hat von Plehwe zur Unterhaltung seines ausschließlich auf die Judenhetzen angewiesenen Blattes 20 000 Rbl. erhalten. Der berüchtigte Scharapow aber, welcher die beiden von ihm herausgegebenen Zeitungen ausschließlich mit Angriffen auf Juden füllt, bekommt von der russischen Regierung jährlich 81 0O0 Rbl. Und Suworin? Dieser in Sünde grau gewordene Geschäftsantisemit erhält seit einiger Zeit enorme Summen dafür, daß er die offiziellen Bekanntmachungen der Behörden in seiner „Nowoje Wremja" veröffentlicht. Dasselbe geschieht mit dem getauften Juden Gringmut, dem Erzreaktionär und Herausgeber der „Moskowskija Wjedomosti." Auch die russische Telegraphen-Agentur sendet beständig judenfeindliche Nachrichten in die Welt hinaus, was für uns der beste Beweis ist, daß sie von der russischen Regierung kräftig und mit klingender Münze unterstützt wird. Nicht mehr Kruschewan allein, eine ganze Bande von minderwertigen Subjekten mästet sich auf Kosten der gesamten Steuerzahler und lebt ausschließlich von der Judenhetze. Und dennoch wird die Regierung trotz der russischen Telegraphen-Agentur, trotz Suworin, Gringmut und Kruschewan ihr Spiel verlieren. Das russische Volk ist eben seiner Regierung über den Kopf gewachsen. Es denkt schon lange nicht

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