Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 542 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 542, Israelitische Wochenschrift. Nr. 39. Anspruch nehmen und würde die Resolution zurückziehen. Als ich aber daran dachte, welches Gaukelspiel mit mir da getrieben wurde, als ich des Elends der jüdischen Massen in Rußland und in Galizien gedachte, und des tragischen Problems unserer Wanderer, vor denen alle Zufluchtsorte sich allmählich schließen nud als ich bedachte, wie leidenschaftlich und blutig die Völker um jeden Schritt Landes sich bekämpfen, und wir die Gelegenheit, die sich uns nach 1800 jähriger Gefangenschaft dargeboten hatte, durch friedliche Mittel unseren heimatlosen Wanderern eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu sichern, so leichtsinnig verworfen haben, da empfand ich einen Drang, so schmerzlich es mir war, einem so lieben Freunde solche Dinge sagen zu müssen, gegen Dr. Nordau an das Urteil der Geschichte zu appellieren. Dr. Nordau opferte alles dem Frieden und der Einigkeit des Kongresses. Als Präsident hielt er es für seine Hauptpflicht — (dazu dienten als Veranlassung noch zweifellos die Unordnungen der Nachtsitzung, der er nicht beiwohnte, und die ihm in übertriebener Form geschildert worden) — ganz gleich ob er Recht habe oder nicht. Ob ich aber recht handelte oder nicht, so verriet ich doch unter keinen Umständen mein Mandat zum Kongreß; ich trug schweigend die Schande. Ich teilte nichts davon meinen territorialistischen Freunden mit, damit sie keine Demonstration gegen Nordau veranstalteten, und trotz der allzu eifrigen Einwirkung der englischen Landsmannschaft, nahm ich Abschied von Nordau mit der gleichen Freundschaft wie zuvor. In Wirklichkeit steigerte sich noch diese Freundschaft auf meiner Seite durch das männliche Geständnis von Tr. Nordau zn Herrn R. Brainin, die im hebräischen Journal „Hasman" berichtet wird. Sie haben es zwar sicherlich in der „Jewish Chronicle" gelesen, aber es verdient an dieser Stelle wiederholt zu werden. Herr Brainin schreibt, daß nach Schluß der zweiten Kongreßsitzung — also unmittelbar nach meiner Szene mit Dr. Nordau — er auf ihn zuging und ihm zum Sieg, der mit seiner Hilfe als Präsident erlangt wurde, gratulierte. Mit verstörtem Gesicht und dunkel klingender Stimme antwortete Dr. Nordau: „Wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt." „Wenn Sie so denken" frage ich: „warum machten Sie nicht Ihre Meinung vor dem Kongresse bekannt und warum unterstützten Sie die Annahme der Resolution?" „Mir mangelte es an Kraft und Mut, um meine Ansicht zu verfechten", antwortete Nordau. „Als Kongreß-Präsident mußte ich mich dem Beschlüsse der Mehrheit unterwersen und die Ehre der höchsten zionistischen Institution, des Kongresses, vor der Gewalt der Minorität retten." „Ich übergebe Nordau's Antwort wörtlich," bemerkt Herr Brainin. „Die Worte: wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt — machten auf mich einen erschütternden Eindruck. Ich gab mir alle Mühe, ihn zu überzeugen, daß die Annahme dieser Resolution und die Spaltung, die darauf folgen würde, notwendig wäre, aber es war unmöglich, ihn zu beruhigen. „Wir hoben heute gegen die Nachwelt gesündigt!" Wie Sie daraus ersehen können, differierte das innerste Gefühl Dr. Nordaus von meinem Vorwurf ein wenig. Nur daß dieser Vorwurf anstatt ungerechtfertigt und unaussprechlich zu sein, nur unnötig war, und als ich dieses wirkich tragische Interview las, bereute ich den Ausdruck zum ersten Male. Dir Dm-Dorkrr Dankirrs mld Hm Wittr. Die New-IorkerBankiers, welcheHerrnWitte inPortsmouth auf dessen Wunsch besuchten, haben ihre Ansichten über die Verbesserung der Lage der Juden in Rußland niedergelegt und das Dokument, das von den Herren Jacob H. Schiff, Jsaac Seligmann, Adolf Lewisohn und anderen leitenden jüdischen Bankiers und Geschäftsleuten unterzeichnet ist, Herrn Witte zugesandt: Wir halten es für angebracht, heißt es u. a. in der Schrift, bevor Sie in Ihr Vaterland zurückkehren. Ihnen, wenn auch nur zu besserem Verständnis oder zu leichterer Rückerinnerung, schriftlich einige Erklärungen zu unterbreiten, die wir in der Konferenz abgegeben haben. Wir glauben, daß die Ansicht der russischen Regierung, die russische Judenfrage sei eine rein innere Angelegenheit, die andere Völker und Regierungen nichts angehe, nicht länger aufrecht erhalten werden kann. Wenn eine Regierung durch Ausnahmegesetze oder andere Mittel große Massen ihrer Untertanen zwingt, in andere Länder auszuwandern, um ihre Lage zu verbessern, dann darf das Volk in denjenigen Ländern, die solchen vor Verfolgung und Unterdrückung Flüchtenden Asyl gewähren, mit Fug und Recht die Umstände kritisieren, die eine solche Einwanderung verursacht haben, und kann ebenso mit Recht darauf bestehen, daß diese Zustände in solcher Weise und in solchem Maße verbessert werden, daß die Ursachen der erzwungenen Auswanderung aufhören. Und zwar kann dies geschehen, ohne daß gerechterweise der Vorwurf gemacht werden darf, daß man sich in fremde Angelegenheiten mische. Dies, glauben wir, ist die Haltung des amerikanischen Volkes im allgemeinen. Wir als Juden haben an der Lage der Juden in Rußland noch ein durch die Bande der Abstammung und des Glaubens durchaus gerechtfertigtes, vermehrtes Interesse und halten es daher für unsere einfache Pflicht alles zu tun, was in unserer Macht steht, um eine Besserung herbeizuführen. Wie wir Ihnen in unserer Konferenz erklärten, ist es unsere entschiedene Ueberzeugung, daß nur durch die Gewährung der vollen bürgerlichen Rechte für die jüdischen Untertanen des Zaren gänzlich die Verhältnisse beseitigt werden, die die Ursache so vieler Störungen in Rußland und abfälliger Kritik im Auslande waren. Sie haben uns geantwortet, daß die russischen Juden im allgemeinen zur Ausübung der vollen Bürgerrechte nicht genügend vorbereitet seien, und daß sie bei der Stimmung des russischen Volkes nicht auf gleichem Fuße mit diesem gestellt werden könnten, ohne ernste innere Unruhe hervorzurufen, und Sie meinten, daß es vielleicht ratsam und ausführbar wäre, die bestehenden Ungleichheiten allmählich zu beseitigen und auf diese Weise die eventuelle Gewährung vollständiger bürgerlicher Gleichstellung vorzubereiten. Darauf betonten wir, daß die Million oder noch mehr russischer Juden, die nach den Vereinigten Staaten gekommen sind, gute Bürger geworden sind, trotzdem sie die größte Finsternis mit dem stärksten Tageslicht politischer und bürger-^^ licher Freiheit vertauscht haben, und daß sie sich den Verantwortlichkeiten, die ihnen als Bürger dieser Republik auferlegt worden sind, vollständig gewachsen gezeigt haben. Es ist auch, soweit die moderne Geschichte und die Erfahrung lehren, niemals anders gewesen. Es haben Napoleon im Jahre 1808, Deutschland in einer, etwas späteren Zeit und England sogar zur Zeit Cromwells, ohne daß der Staat Schaden litt, die vollen bürgerlichen Rechte den Juden gewährt, die damals doch unter viel düsteren Verhältnissen lebten, als die, unter welchen sie jetzt in Rußland leben. Wenn es auch wahr sein mag, daß unter einem Teil der russischen Bevölkerung gegen die Juden eine Feindschaft herrscht, für die bis zu einem gewissen Grade die russische Regierung verantwortlich ist, sind wir doch der Ansicht, daß die sofortige bürgerliche Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung nicht mehr Friktionen verursachen würde, als jeder einzige der zu diesem Ziele führenden Schritte. Gerade der von Ihnen gemachte Einwurf scheint uns ein guter Grund zu sein, weswegen die Regelung ein für allemal erfolgen sollte, statt daß man sie sich lange hinziehen und so bei jeder neuen Etappe neue Ruhestörungen Hervorrufen läßt. Die Behauptung, daß in den Reihen derjenigen, die die Autorität der Regierung in Rußland zu untergraben suchen.