Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 39 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 541 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 39. Israelitische Wochenschrift. Seite 641. schickes dich schrecket. Deinem Gotte sollst du dienen, keine Zeitströmung darf von ihm dich treiben. Nur dann hat die Zeit die rechte Richtung, wenn ihr Ziel ist: Gott. * * * Nur der Gottesgeist ist der wahre Zeitgeist. Nur eine Losung gibts, darin die Rettung liegt: der Herr Zebaot ist mit uns, eine Burg ist uns der Gott Jakobs? Hast du des Wortes Wahrheit nicht erfahren? Schau in dein eigen Leben! War Gott nicht bei dir in des Lebens heißen Kämpfen, er dein Schirm und Schild, und in Krankheit und Siechtum dein Heil und deine Heilung, und in Not und Tod dir Hort und Trost? Das Wort verklärt die Vergangenheit, das Wort gewährt eine heilvolle Zukunft. So laß denn. Allgütiger, deine Liebe leuchten über die Beglückten und über die Bedrückten! Du bist unser König, das ist unser Stolz, wir sind dein Volk, das ist unser Sang, du bist unser Vater, das ist unser Ruhm, wir sind deine Kinder, das ist unser Sieg. Bleib auch fürder bei uns mit deiner Gnade. Unser Vater, unser König, erbarme dich über uns und unsere Kinder und unsere Kleinen. Unser Vater, unser König, wehre du von uns ab jedes schwere Verhängnis. Unser Vater, unser König, erhöre uns, hilf uns um deines großen Namens willen. Amen. hinter den Knüffe» des Zioniffenkongreffes. Nach der Spaltung im zionistischen Lager hat Zangwill, der gefeierte englische Dichter, als Ehrenpräsident der neuen territorialistischen Partei es für seine Aufgabe erachtet, mit den großen jüdischen Organisationen in Verbindung zu treten, um mit ihrer Hilfe den verfolgten russischen und rumänischen Glaubensgenossen irgendwo ein Land zur autonomen Ansiedelung von der britischen Regierung zu erlangen. Wie weit die Verhandlungen bis jetzt gediehen sind, läßt sich z. Z. noch nicht überblicken. Dagegen hat Zangwill in dem Bericht an seine Londoner Wähler außerordentlich interessante Enthüllungen ^ber Vorgänge auf dem letzten Zionistenkongreß gemacht. Er hat mitgeteilt, wie die Wahlen zum Kongreß diesmal zustande gekommen sind, mit welchen unlauteren Mitteln in Rußland gearbeitet wurde, wie Delegierte gewählt waren, die noch nicht einmal das vorgeschriebene Alter von 34 Jahren erreicht hatten, ja wie sogar Delegierte auf dem Kongreß anwesend waren aus Städten, in denen es gar keine Juden gibt. Ganz besonders interessant sind die Enthüllungen über seine Stellung zu Aordau. Es heißt da in seinem Bericht: Eine sensationelle Szene jedoch ist wahr, eine Szene, die am nächsten Tage stattfand, und in die ich persönlich verwickelt bin. Ich meine die Szene, in der ich den Präsidenten des Kongresses des Verrats am jüdischen Volke anklagte. Sie werden mich schließlich sicherlich fragen, wieso ich, nach dem Rat, den ich den Territorialisten erteilt hatte, mich zu einem solchen Verstoß gegen jede parlamentarische Gesittung verleiten lassen konnte. Aber es gibt Dinge, die höher stehen als jede parlamentarische Etikette: das Schicksal des jüdischen Volkes ist wichtiger, als die Würde und die Einigkeit des Kongresses. Ich wurde sehr oft wegen dieses, meines Benehmens, heftig angegriffen, und einige meiner englischen Kollegen auf dem Kongreß beeilten sich, Dr. Nordau ihr Bedauern über diese „ungerechtfertigte und unaussprechliche Beleidigung" auszudrücken. Um mich zu verteidigen und zu zeigen, daß diese Anklage nicht so ungerechtfertigt und unaussprechlich war, bin ich gezwungen, etwas zu enthüllen, was zwar letzt kein Geheimnis mehr bleiben wird, da es im Protokoll des Kongresses veröffentlicht sein wird, das aber bis nun dem Publikum unbekannt gewesen ist. Meine Resolution, ein Territorium in Ostafrika zu akzeptieren, sollte von Dr. Nordau unterstützt werden; die Unterschrift des Präsidenten des Kongresses ist auf der formellen Resolution, die dem Präsidium eingereicht wurde, dicht neben der meinigen zu finden. Ich wagte nicht einmal aus eine solche Unterstützung seitens unserer größten zionistischen Persönlichkeit zu hoffen, obgleich Dr. Nordau auf dem 6. Kongreß die Idee eines „Nachtasyls" so gewaltig verfochten hatte. Ich fühlte, daß er in seinem Gesundheitszustand bereits ein großes Opfer gebracht hat, wenn er überhaupt zum Kongreß erschienen ist. Als ich ihm jedoch am Eröffnungstage des Kongresses erzählte, daß ich Morgen eine Resolution einzubringen gedenke, welche dahin geht, daß wir das Artgebot von England annehmen, es aber um ein Land ersuchen, das groß und fruchtbar genug ist für unsere Emigranten, bot sich mir Tr. Nordau sofort an, diese Resolution zu unterstützen: Es war Wahnsinn, fügte er hinzu, das Angebot von England zu verwerfen und er würde niemals dazu beistimmen. Ich war natürlich außer mir vor Freude und bat ihn, niemandem zu erzählen, daß er mich unterstütze: Meine Absicht habe ich offen und laut proklamiert, damit unsere Gegner die Möglichkeit haben, ihre Einwände dagegen vorzubereiten, aber, daß auch der Präsident des Kongresses auf meiner Seite wäre, sagte ich ihm, würde natürlich wie ein Donner drein schlagen. Seine Rede würde, wenn auch nicht ganz den Ausschlag zu unseren Gunsten bewirken, so doch wenigstens den Boden für einen Sieg auf einem zukünftigen Kongreß vorbereiten, und vielleicht sogar die Aenderung der Bankstatuten verhindern, damit diese Institution in ihrer Tätigkeit nicht gelähmt werde. Als der außerordentliche Kongreß eröffnet wurde und die Zeit heranrückte, da ich meine Resolution Vorbringen sollte, begannen zu meinem Erstaunen Dr. Nordau und fast alle anderen, die auf der Plattform waren, und in einem Zustande von schrecklicher Aufregung sich befanden, in mich zu drängen, davon abzustehen. Sie erklärten mir, daß ich vor einer wilden Majorität stehe, und wenn ich daraus beharren wollte, so sei es unmöglich, die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen — es könnten Unruhen ausbrechen, Gewalttaten und sogar Revolverschüsse. Ich antwortete darauf Dr. Nordau, daß er wohl entsagen könnte mich zu unterstützen, wenn er wollte, daß aber nichts auf Erden mich daran verhindern würde, die Tribüne zu besteigen und meine Pflicht zu tun. Ich bestieg die Tribüne und hielt meine Rede — und nichts ereignete sich von alledem, was diese von einer Panik ergriffenen Propheten befürchteten. Im Gegenteil, meine Rede wurde sogar sehr schmeichelhaft ausgenommen. All die wilden Gerüchte, daß ich von der Tribüne heruntergezerrt wurde, sind nichts als journalistische Erfindungen. So begann die große Debatte, die durch das Ausbleiben der bezaubernden Beredsamkeit Dr. Nordaus, leider ohne jeden Glanz war. Aber diese Enthaltung allein würde mich kaum bewegen so schroff gegen einen treuen Freund aufzutreten, an den ich durch das Band gegenseitiger Liebe gefesselt bin. Ich sagte ihm, daß man einem Manne in seinem Gesundheitszustand alles verzeihen müsse. Die Debatten zogen sich durch Freitag hindurch, Samstag Abends und Sonntag früh. Am Nachmittag produzierte unerwarteter Weise das A. C. eine eigene Resolution. Diese Resolution, ein widerspruchsvolles Gemisch Ussischkinscher Ideen mit unglückseligen Resten Greenbergscher Gedanken, enthielt alles, wogegen ich kämpfte; es verwarf jedes Land, das nicht zu den Nachbarländern Palästinas gehört, es empfahl die Aenderung der Bankstatuten, und schloß cko facto die Territorialisten aus dem Zionismus aus. Nun hatte ich aber mit dem Präsidenten abgemacht, daß, im Falle eine solche Resolution vorgebracht werden sollte, ich das Wort zur Tagesordnung erhalten sollte, um dagegen zu sprechen. Ich wollte beweisen, daß es nicht in der Kompetenz des Kongresses stehe, die Tätigkeit unserer Bank auf irgend ein bestimmtes Gebiet zu begrenzen, das sei allein Sache der Aktionäre. Diese Resolution wurde nun, zu meinem weiteren Erstaunen, unter den Auspizien von Dr. Nordau selbst vorgebracht, der sie nicht nur der meinigen, die er ursprünglich selbst Unterzeichnete, vorangehen ließ, sondern mir überhaupt das Wort zur Tagesordnung wie er es versprochen, nicht geben wollte. Die Resolution des A. C. wurde uns aufgedrängt, ohne daß man auch nur ein Wort dagegen sprechen durfte. Als aber schon alles fertig war, und alle Länder mit Ausnahme von Palästina und den Nachbarländern ausgeschlossen waren, erlaubte ruir Dr. Nordau — zugunsten von Ostafrika zu sprechen. Welche Ironie! Unter solchen Umständen, sagte ich, wollte ich nicht die Zeit des Kongresses in