Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 531 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606900--9574-9606911- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Israelitische Wochenschrift. Gerte 631. und Feuchtigkeit zu schützen, machten die Frauen einen Luxusgegenstand daraus, der dazu diente, ihre Gestalt mehr zu heben. Außer dem Turban bildete die Filetmütze einen Kopfputz der Frauen, denn diese verstehen die meisten der Kommentatoren unter den Schebisim, von Jesaias erwähnt. Ein wesentlicher Gegenstand der Frauentoilette ist *der Schleier; aber nichts beweist, daß die Frauen bei den Hebräern sich nur bedeckten Antlitzes zeigen durften. Es ist wenigstens sicher, daß in der Zeit der Patriarchen die achtbare Frau ihr Gesicht zeigen konnte, ohne sich etwas zu vergeben, obgleich der Schleier damals einen Teil der Frauenbekleidung ausmachte. Rebekka trug einen Schleier, aber bleibt unbedeckten Antlitzes vor Eliezar, und bedeckt sich nur, als sie Isaak, ihren Verlobten, kommen sieht. Thamar bedeckt sich mit ihrem Schleier, um nicht von Juda ernannt zu werden, aber sobald dieser fort ist, nimmt sie ihren Schleier fort. (Fortsetzung folgt.) Gedanke» »»d Aussprächk lurnljiuta Wimm über Juden und Judentum. Wir leben auf einem unheimlich grollenden Vulkan; alle Mächte einer dämonischen Unterwelt sind in demselben tätig. Wer heute die Gesellschaft durch das Aufwerfen der religiösen und Rassenfrage noch mehr spaltet, der schwächt sie zur Selbsthilfe gegen die hereindrohende Eruption des qualmenden Kraters und tut kein preiswürdiges Werk. Man klagt so oft und mit so gutem Grunde über die unheilvolle Atomisierung der Gesellschaft, wer aber die Judenfrage auf der Tagesordnung erhält, der beteiligt sich an dieser Atomisierung und er hilft die letzten Gruppen zerbröckeln, die bisher der politischen oder sozialen Zersetzung vielleicht noch widerstanden haben. — — Die Art und Weise, wie mancher, der sich für gebildet und im Besitze echt christlicher Nächstenliebe hält, von den Juden im allgemeinen denkt und spricht, schlägt jeder Bildung und jeder christlichen, menschenfreundlichen Gesinnung geradezu ins Angesicht. Wie oft wenden christliche Zungen, wenn sie eine Sache oder eine Person als besonders schmutzig, niedrig und nichtswürdig bezeichnen wollen, das Epitheton „jüdisch" ^an! Stellt man sich mit solcher Gewöhnung nicht auf das Niveau eines korangläubigen Muhamedaners, der jeden Christen einen Giaur nennt? Wie empörend ist der Brauch gewisser Zeitungsberichterstatter, wenn es ein von einem Juden begangenes Verbrechen zu melden gilt, stets auf das Wörtlein „Jude" den Nachdruck zu legen! „Ein hausierender Jude in Oberschlesien hat eine Pferdedecke entwendet;" — pflegt denn derselbe Herr Reporter bei ähnlicher Veranlassung zu sagen: „ein halbierender Christ in Berlin hat gestohlen?" Ist es nicht eine pharisäische Niederträchtigkeit, den Begriff des Diebstahls und des Juden so nahe aneinander zu rücken, daß beim oberflächlichen Leser der Glaube an eine Wechselwirkung, an eine Kausalität erregt werden muß? Was hat die Religion des Verbrechers mit seinem Delikt zu tun? Stellen die Christen nicht ein entsetzlich starkes Kontingent an Sündern wider das Eigentum für die Strafanstalten und Zuchthäuser unseres deutschen Vaterlandes? Eine Zeitung, die sich wiederholt solcher hetzerischen, gemeinen Wendungen, solcher versteckten und dennoch handgreiflichen Verdächtigungen bedient, insultiert das Anstandsgefühl und den guten Geschmack ihrer Leser, und würde das christliche Publikum auf ein so rohes Preßorgan nicht länger abonnieren, so könnte es sehr wohl mit dazu beitragen, daß in unseren Tagesblättern bald ein vornehmerer und menschenwürdigerer Ton Platz griffe, für dessen gegenwärtiges Fehlen gewisse Agitatoren die jüdische Presse allein verantwortlich machen wollen. — <8. tum Amyutor: Eine moderne Abendgesellschaft. * * * Ich glaube, daß der Jude, welcher in den Staatsdienst eintritt und ordentlicher Staatsdiener desselben sein will und sein muß — wenigstens insoweit nicht mehr Jude bleiben kann, als eben die jüdische Religion ihn daran hindern wird. Es ist aber seine Sache und ich habe nicht darüber zu entscheiden, ob er äußerlich noch Jude bleiben will. Der Staat steht so hoch, daß sich die Privatansicht jedes einzelnen Beamten unterordnen muß. — — Ich selbst kenne einen Stabsoffizier in Berlin, der heute noch Jude ist. Können nun die Juden im Militär so hohe Chargen erreichen, so muß ich gestehen, weiß ich mir nicht zu erklären, warum sie im Zivil nicht die gleiche Stellung bekommen sollen. Die Stellungen, welche mit unserer kirchlichen Verfassung Zusammenhängen, werden die Juden selbst nicht übernehmen: obgleich ich garnicht einsehe, warum diejenigen, welche es nur mit den ganz äußeren Verhältnissen selbst in dieser Verwaltung zu tun haben, nicht ebenso gut von Juden als von Christen verwaltet werden können. Denn wenn wir auf diese Sonderung kommen, wenn wir bei Erteilung eines Amtes auf die Motive, aus denen es übernommen worden, auf die Einwirkung, die es gewähren kann, Rücksicht nehmen, wenn wir überhaupt gelten lassen wollen, daß der Jude seine Gewalt als Staatsobrigkeit zugunsten der Juden und zum Schaden der Christen anwenden wird, nun, dann öffnen wir jeder konfessionellen Feindschaft Tor und Tür, dann würde auch bei uns ein Parteikampf beginnen, vor dem wir uns zwar nicht zu fürchten hätten, dann aber nicht mehr gesagt werden könnte, daß es die Ausgabe unseres Staates ist, daß alle Konfessionen und Parteien gleichen Zutritt zum Staatsdienst haben. Ich sehe weder eine Gefahr noch irgend einen anderen Grund, wenn wir die Juden zu allen Staatsdiensten zulassen. — Wir können ihnen Raum geben, daß sie mit uns auf gleichem Felde, mit gleichen Waffen den Kampf bestehen. Graf Tyhrn in der Herrenkurie 1847. Ei« GesklWftsaliklld. Da lag die Karte auf dem Tische. Zierlicher Steindruck — einfache, vornehme Form, ohne Verzierungen und Buchstabenschnörkel. Also heute Abend. „Einen ganzen Abend sich gesellschaftlich zwingen," murmelte er vor sich her — „Vorstellungen, fremde Namen, Verbeugungen, Musikmartern, in einer Ecke der unermüdliche Skat!" — Am liebsten hätte er abgesagt. Aber die Eltern hatten zuhause ihm auf die Seele gebunden, einigermaßen den vornehmen Verwandten näherzutreten. Dazu bot sich ihm heute die unwillkommene Gelegenheit. Er fügte sich in sein Schicksal. — — — Als er abends in die vornehme Straße des Westens einbog, sah er die oberen Räume des Hauses, in dem er vor Kurzem den Antrittsbesuch gemacht hatte, hell erleuchtet; man bewegte sich, wie die Schatten zeigten, hin und her. Er war nicht der Erste. Er ging die rotbelegten Treppen hinauf, die von Topfpflanzen umgeben waren; im Vordeiraum wurden ihm und anderen Ankömmlingen die Oberkleider abgenommen.