Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- Seite 528 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 628. Israelitische Wochenschrift. Nr. 38. Majestät an den verstorbenen Dr. Herzl akzeptieren, oder indem Sie sich eine andere Landkouzession sichern, die für ein erfolgreiches Projekt jüdischer Kolonisation sich besser eignen würde. Hierin haben Sie meiner Ansicht nach Recht. In der Tat war ich nnmer für eine Annahme des Angebots und habe es für einen höchst unglücklichen Umstand gehalten, daß die Zionisten ihre in Aussicht gestellte Annahme desselben an Bedingungen knüpften, welche zu einer Spaltung unserer Gemeinschaft in dieser Hinsicht führten. Solange diese Bedingungen darauf berechnet waren, eine Art von Getto oder „Eingeborenen-Reservation" aus der in \ Vorschlag gebrachten Kolonie zu machen; solange sie die Wiederbelebung einer veralteten Staatsform und die Krystallisierung sogenannter nationaler Gewohnheiten und Lebensweisen anstrebten, welche nicht essentiell jüdisch sinb und welche in der Praxis nicht dem jüdischen Volke zugute zu halten wären; solange ferner das Resultat aller Wahrscheinlichkeit nach das Fortbestehen der Fremdlingsstellung unserer Kolonisten in ihrem Adoptivlande war, konnte ich nicht anders, als dasselbe bekämpfen. Sie haben nnch jetzt über Ihre Ansicht, die Sie über diese Bedingungen hegen, beruhigt, und obgleich ich hinsichtlich des Erfolges nicht so hoffnungsfreudig bin, wie Sie, muß ich doch eingestehen, daß, was die Prinzipien anbelangt, Meinungsverschiedenheiten zwischen uns nicht länger bestehen, und daß wir praktisch eine gemeinsame Basis haben, aus der wir wirken können. Autonomie ist natürlich auch jetzt noch die leitende Idee Ihres Projektes, aber wenn ich Sie recht versiehe, in einer Form, die frei ist von den Gefahren, die ich befürchtete. Sie wünschen etwas vor: den Strömen jüdischer Auswanderer sich zu Nutze zu machen, dre unausgesetzt aus Rußland sich ergießen, und Sie wollen dadurch eine neue „8e1k OovsruinZ" - Kolonie in den weiten, unkultivierten Landstrecken des britisches Reiches gründen. Sie haben den festen Willen, daß eine solche Kolonie alle die Bedingungen politischer Entwicklung erfüllen soll, vermittelst welcher die überseeischen Kolonien bislang zur Selbstverwaltung vorgeschritten sind, und daß sie sich in jeder Hinsicht, politisch sowohl wie munizipal, den vorhandenen Kolonien anpaßt. Eine solche Kolonie würde nur durch das Vorherrschen ihrer jüdischen Bevölkerung politisch-jüdisch sein. Sie würde keine anerkannte Kirche, weder Bevorzugung noch Benachteiligung der Religion wegen kennen, sondern es würde ihr sreistehen, Feiertage anzuordnen oder andere munizipale Einrichtungen zu treffen, weiche den besonderen Verhältnissen ihrer Kolonisten angepaßt sein würden unter Gewährung angemessener Ausnahmen für die Fremden innerhalb ihrer Tore. Nur englische Gesetze sollen anerkannt und nach ihnen Recht gesprochen werden, in allen politischen Angelegenheiten aber soll die weltliche Gewalt die höchste sein. Auf die Sprachenfrage braucht besonderes Gewicht nicht gelegt zu werden — bei den uns in Kanada und der Schweiz gegebenen Beispielen können wir dieff Frage auf sich beruhen lassen. Einem Punkte jedoch legen L>ie große Wichtigkeit bei Sie wünschen, daß von Anfang an das politische oder Gemeinde- Oberhaupt der Kolonie — Administrator, Leutenant-Governor oder Gouverneur, je nach dem — wenn möglich ein Jude sein soll. Hiergegen wüßte ich nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß ein kompetenter und williger Glaubensgenosse im britischen Kolonial- oder indischen Dienst zu finden ist. Ebenso wie wir cs mtt der Oberlehrerschaft einiger unserer Alumnate in den jüdischen Distrikten Londons gemacht haben, können wir es auch mit der Besetzung des Gouverneur-Postens einer Kolonie machen, die sich hauptsächlich aus Juden zusammensetzt. Mit Hilfe einer so organisierten Kolonie hoffen Sie drei Dinge zu erreichen. In erster Linie glauben Sie, eine viel bessere Klasse von Ansiedlern heranziehen zu können, als solche für die sogenannten Almosen-Kolonien geworben werden, oder als die gewöhnlichen Auswanderer, welche sich in den verschiedenen Ländern des Westens verlieren, insofern als die Idee einer jüdischen Kolonie mit Selbstverwaltung wahrscheinlich an höhere Motive appelliert, als diejenigen, welche den gewöhnlichen Auswanderer bewegen. In zweiter Linie glauben Sie, daß eine solche Kolonie schnell eine große Arbeiterbevölkerung heranziehen werde, da sie ja für die Zuflucht Suchenden kein fremdes Land, sondern eine wahre Heimat sein würde, wo man irgend ein anti-jüdisches Vorurteil nicht kennt. Drittens hoffen Sie durch die Kombinierung dieser 2 Klassen von Kolonisten unter der stimulierenden Atmosphäre einer Selbstverwaltung es zu ermöglichen, auf britischer Grundlage eine britische Muster- Kolonie zu schaffen und zu verwalten. Mit allen diesen Zielen kann ich nur sympathisieren. Ich habe bereits gesagt, daß ich in bezug auf den Erfolg nicht so hoffnungsfreudig bin, wie Sie, und wenn wir nicht die Aussicht hätten — die historische Aussicht — aus eine umfangreiche Landkonzession seitens der britischen Negierung, so würde ich vielleicht zu dem Versuche geneigt sein. Ihnen von diesem Projekt abzureden. Doch wir haben diese Aussicht, und ich glaube nicht, daß wir sie und die Verantwortlichkeit, die sie im Gefolge hat, mit gutem Gewissen von der Hand weisen können. Ich bin geneigt, Ihr Projekt für gut zu halten, und gebe ihm den Vorzug vor den bisher üblichen Kolonisations-Projekten, wie sie in Kanada und Argentinien durchgeführt werden, denn bei vorsichtiger Leitung würde dasselbe nicht hinter den besten Zielen jener Projekte zurückstehen, während es seinerseits eine Zukunft eröffnet, die eine Quelle von Glück für viele Tausende von Juden und der Stolz unseres gesamten Volkes sein könnte. Alles hängt in erster Linie davon ab, ob Sie die richtige Klaffe von Auswanderern herbeischaffen können. Wenn Sie dies können — und Sie sagen mir ja, daß Sie von der Möglichkeit überzeugt sind — dann wird alles klebrige nur eine Sache harter Arbeit und intelligenter Leitung sein. Ich bin überzeugt, daß das Projekt in diesem Falle die überreiche Unterstützung der jüdischen Gesamtheit erzwingen wird und daß ausreichende Mittel zu seiner Etablierung und Organisierung erhältlich sein werden. Das fft die Basis, auf der ich bereit bin, mit Ihnen in der Territorial-Organisation zusammen zu arbeiten. Ich befürchte nur, daß infolge des schlechten Zustandes meiner Gesundheit und besonders meiner Augen meine Mitarbeiterschaft nicht weit her sein wird; auf alle Fälle werde ich aber mein Bestes tun. Sie haben vielleicht die Güte, mich wissen zu lassen, ob ich Ihre Ansichten in irgend einem wesentlichen Punkte mißverstanden habe. Stets Ihr aufrichtiger Freund Lucien Wolfs. Union Hotel Frankfurt a. M., den 8. September 1904. Mein lieber Wolfs! Es freut mich außerordentlich, zu vernehmen, daß Sie sich nach reiflicher Erwägung unserer Unterhaltung in Gießbach so herzlich bereit finden, Ihre großen Fähigkeiten mit unserer großen Aufgabe zu verbinden. Wie Sie selbst sagen, bildet die Verschiedenheit unserer Ansicht hinsichtlich der endgiltigen Prinzipien kein Hindernis für ein Zusammenarbeiten in einer Bewegung, welche keine offiziellen Beziehungen zum Zionismus unterhält. Ihre Zustimmung zu dem Prinzip der Selbstverwaltung ist alles, was nötig ist, und ich freue mich, daß ich Sie wenigstens davon überzeugt habe, daß, wenn wir uns anschicken, eine große, auf sich selbst angewiesene Kolonie aufzubauen, die Maßnahme der Autonomie kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist. Ein eigentümlicher Zufall bringt es mit sich, daß aus Lausanne, demselben Orte, aus dem Sie mir schreiben, ein reicher Jude zu mir nach Frankfurt gekommen ist, um sich als Pionier-Gefährte der armen Einwanderer anzubieten, trotz der Mühseligkeiten eines jungfräulichen Territoriums, und er versichert mir, daß es Hunderte von russischen Mittelstands-Familien gäbe, welche früher oder später einer autonomen Niederlassung zustreben würden. Ich verbürge mich persönlich, daß selbst das englische Mittelstand- Element nicht ganz fehlen wird. Mit bezug auf das politische Bild der Kolonie können wir gut und gerne die allgemeine Entwickelung der britischen Kolonien als Vorbild nehmen, insofern eine englische Kolonie sich eines beträchtlichen Spielraumes für nicht-englische innere Gesetzgebung erfreut. So ist z. B. Neuseeland in der Lage gewesen, das Wahlrecht für Frauen einzuführen, das der britischen Konstitution bis jetzt noch fremd ist. Wollen wir hoffen, daß in ähnlicher Weise 1 der Genius unserer Raffe, der einst in der mosaischen Gesetzgebung und in prophetischen Aspirationen zum Ausdruck kam, zu einer führenden Rolle in der Zivilisation und zu soziologischen Fortschritten, wie sie für unsere Zeit geeignet sind, inspiriert werde. Die hebräische Basis, auf welcher die britische Zivilisation sich hauptsächlich bewegt, würde einer Entwickelung unter britischen Auspizien besonders sympathisch sein. Das Guas Ngishu-Plateau, welches den Zionisten angeboten und von ihnen znrückgewiesen wurde, ist jedoch nach der Aussage der zionistischen Kommission nicht das „große und fruchtbare Territorium", für welches die Herren Balfour und Chamberlain es zu halten scheinen. Es scheint eher ein Land zur Exploitation durch ein Viehzucht treibendes Syndikat als für eine ansässige Bevölkerung zu sein. Während ich mit einigen Mitgliedern der jüdischen Kolonisations- Gesellschaft (die mir gegenüber nicht unsympathisch von der