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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · p. Seite 519

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 519 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 619 so daß zum ersten Male eine Kundgebung sämtlicher deutschen Juden zu erwarten steht. — Der letzte Bericht der Alliance Jsraölite Universelle (Allgemeinen Israelitischen Allianz) für 1904 (Paris, Rue de Trevise) enthält wieder eine Fülle interessanter Mitteilungen. Außer den üblichen statistischen Daten über die von der Allianz im Orient, Marokko usw. unterhaltenen Schulen finden wir in dem Berichte eingehende Darstellungen der Lage der Israeliten in Rußland, Rumänien, Persien und Marokka, wie sie sich im Laufe des vorigen Jahres gestaltet hat. Höchst auffallend sind Maßregeln, die der Senat Finlands gegen die inländischen Juden getroffen hat. Darnach sind die in Finland ansässigen Juden nicht befugt, außerhalb Helsingfors, Wiborg und Aho sich niederzulassen, einschließlich auch eines jeweiligen Aufenthaltes auf dem Lande. Die in Finland wohnhaften Juden dürfen mit auswärtigen Juden keine Heirat schließen und die finländischen Juden dürfen, mit Ausschluß jeder anderen Beschäftigung, nur Lumpen Streichhölzer und alte Kleider verkaufen. Der Erwerb unbeweglicher Güter ist ihnen strengstens untersagt. Die Juden erhalten Aufenthaltspässe nur ans die Dauer von 6 Monaten. Jeder Jude kann nach Begehen eines Verbrechens innerhalb 24 Stunden aus dem Lande ausgewiesen werden. So harte Bestimmungen findet man selbst in den übrigen Teilen Rußlands nicht und sie sind ungeheuerlich in einem Lande, das sich in seinem Freiheitskampfe gegen russische Vergewaltigung so eifrig um die Sympathie des Auslandes bemüht. — Der am 15. Mai 1904 in der Generalversammlung der Allianz erstattete Bericht des Sekretärs enthält eine eingehende und lebhafte Schilderung der Ereignisse des Jahres, soweit sie die Juden in den verschiedenen Ländern und die Tätigkeit der Allianz betreffen. Im Jahre 1903 betrugen die Einnahmen 1440 474 Frs. und die Ausgaben 1 525 003 Frs. — Mit Martin Simvn ist eine der markantesten und verdienstvollsten Persönlichkeiten unserer Gemeindeverwaltung aus dem Leben geschieden. Schon im Alter von 33 Jahren gehört er der Gemeindevertretung an und hat sich besonders um die Ausgestaltung des Armenwesens unserer Gemeinde große Verdienste erworben. Aber auch sonst stand er mitten im jüdischen Leben der Gemeinde Berlin, und an der Gründung und Ausgestaltung vieler wohltätiger Institutionen — wir erinnern u a. an das Genesungsheim Lehnitz — nahm er lebhaften Anteil. Seine Beerdigung fand unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung am letzten Sonntag in Weißensee statt. — Am Sonntag ist hier der Geheime Sanitätsrat Dr Moritz Wiescnthal im 80. Lebensjahre gestorben. Wiesenthal zählt zu den ältesten Mitgliedern der Ärztekammer für Brandenburg-Berlin und wurde von ihr mit dem Amte eines Mitgliedes des Ehrengerichts betraut. Für die Schätzung, in der Wiesenthal bei der Aerzteschaft stand, spricht auch d r Umstand, daß er namens der praktischen Aerzte auch in Ehrenstellen bei den wissenschaftlichen medizinischen Vereinen, vor allem bei dem größten von ihnen, bei der Berliner medizinischen Gesellschaft, entsandt wurde. Wiesenthals Interesse beschränke sich aber durchaus nicht auf den engen Kreis seiner Standesgenossen. Gern lieh er vielmehr auch sein Ansehen und widmete er seine Mitarbeit gemeinnützigen Bestrebungen allgemeiner Art, besonders aber denen des Judentums. So gehörte er zu den Mitbegründern des israelitischen Lehrerinnenheims und war in den letzten Jahren 1. Vorsitzender; er hat dieses Ehrenamt durch seine umfassenden Kenntnisse, seine nie ermüdende Schaffensfreudigkeit unendlich segensreich ausgeübt. Auch in der Gemeinde selbst hat er dem Vorstand als pflichttreues und hochgeschätztes Mitglied angehört und in intereffevoller, tatkräftiger Wirksamkeit die Arbeiten desselben wesentlich gefördert. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Vorstand ist er dem Ehrendienste unserer Gemeinde treu geblieben und hat als Vorstandsmitglied der Alterversorgungsanstalt und des Hospitals seine reiche Erfahrung und wertvolle Kraft für das Wohl dieser Anstalten eingesetzt. — Am vergangenen Montag starb Herr Heinrich Philipp Goldschmidt, der früher lange Jahre hindurch dem Schul- und Talmud-Thora-Vorstand angehörte und sich auch sonst um die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde vielfach verdient gemacht hat. — Auf dem Wege zum Tempel tödlich verunglückt ist kürzlich der 84 Jahre alte Rentner Goldstein aus der Esmarchstraße 26. Herr Goldstein, ein früherer Schuhwarensabrikant, wollte sich zur Synagoge nach der Rykestraße begeben. An der Ecke der Lippehner und Greifswalderstraße kam ihm ein Straßenbahnwagen der Linie Alexanderplatz—Weißensee entgegen; da es schon spät war. wollte Goldstein rasch vor dem Wagen vorübereilen, trotzdem ihn seine Frau, die zurückblieb, warnte. Der Führer, der das Gefahrvolle der Situation sofort übersah, bremste, aber es war zu spät. Der Greis wurde umgestoßen und am Kopfe tödlich verletzt. Das Gebetbuch flog ihm aus der Hand auf den Straßendamm. Bevor noch ein Arzt herbeigeholt werden konnte, war der Verunglückte bereits gestorben. Die Revierpolizei beschlagnahmte die Leiche und ließ sie nach dem Schauhause bringen. Der Straßenbahnwagen wurde ausgesetzt, während der Führer zwecks sofortiger Ermittelungen vorläufig suspendiert wurde. — Das Grundstück Ecke Potsdamrrstr. und Schöneberger Ufer, in dem sich die seit 30 Jahren bestehende Synagoge an der Potsdamer Brücke befindet, geht mit Ende dieses Jahres in andere Hände über. Da hierdurch der fernere Bestand der Synagoge in Frage gestellt war, bildete sich ein Verein mit dem Namen Tiergarten-Synagoge E. V zu dem Zwecke, den dort gepflegten Gottesdienst in den bisherigen oder noch zu erwerbenden Räumen zu erhalten. Durch das Abkommen, .das der Vorstand des Vereins mit dem neuen Eigentümer getroffen, ist der Bestand der Synagoge an der Potsdamer Brücke bis auf weiteres gesichert; als Rabbiner und Prediger wirkt dort seit 11 Jahren Dr. Petuchowski. Meldungen neu eintretender Mitglieder sowie sonstige Zuschriften sind an das Bureau der Tiergarten-Synagoge, Schöneberger User 26, zu richten. — Zum Vereinsvorstand sind gewählt worden die Herren: Rentier Jocob Bamberger, Steglitzerstr. 36, Direktor Isidor Cohn, in Firma Trautwein, Leipzigerstraße 119/120, Fabrikbesitzer Aron Hirsch, Roonstr. l, Bankier May Jaffa, Hausvogteiplatz 11. Schlettstadt. Der von Fegersheim hierher versetzte Rabbiner Uhry wurde am letzten Samstag während des Hauptgottesdienstes in der aus diesem Anlasse festlich geschmückten Synagoge feierlich in sein Amt eingeführt. Die Einführung erfolgte im Aufträge des israelitischen Konsistoriums des Unterelsaß durch den Präsidenten der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde Kaufmann Albert Bloch mit einer entsprechenden Ansprache. Der Rabbiner dankte und hielt darauf seine Antrittspredigt über die Pflichten eines Rabbiners als Seelsorger. Die Feier verlief in erhebender Weise. Leipzig. Synagogen-Jubilänm. Die israelitische Religionsgemeinde wird am nächsten Sonntag den Tag, an dem vor 50 Jahren die Synagoge in Anwesenheit der Spitzen der Behörden und zahlreicher Ehrengäste eingeweiht worden ist, festlich begehen Die Feier wird in einem Festgottesdienst bestehen Wir sind in der Lage, aus Anlaß des Jubiläums folgende historische Notizen zu geben: Der Platz, auf dem die Synagoge steht, ist von der Gemeinde, die sich im Jahre 1837 mit etwa 400 Seelen gebildet hat. einige Jahre darauf für 8612 Taler erworben. Der Bau ist in den Jahren 1854 und 1855 mit einem Kostenaufwand von 36 000 Talern ausgeführt worden. Die Mittel wurden durch Ausgabe von Anteilscheinen aufgebracht, an deren Zeichnung sich auch eine Anzahl Bürger, die nichtmosaischem Glaubensbekenntnis angehörten, beteiligt haben. Alsbald nach der Einweihung nahm König Johann das Gotteshaus in Augenschein und zollte den Vertretern der Gemeinde Anerkennung für den würdigen Bau. Strafzvurg. Am 4. d Mts. fand die Einweihung des neuen Anstaltsgebäudes der israelitischen Kunst- und Gewerbeschule statt. In dem festlich mit Fahnen, Wappen und einer von Blattpflanzen umrahmten Kaiserbüste geschmückten Turnsaale I der Anstalt hatten sich als Ehrengäste die Unterstaatssekretäre Dr. v. Schraut und Dr. Petri, als Vertreter des Staatssekretärs Ministerial-Direktor Mandel, ferner Bezirkspräsident Halm, als Repräsentanten der Stadt die Beigeordneten Hochapfel, Dr. Geissenberger und Dominicus, Reichstags-Abgeordneter Justizrat Dr. Riff, die Gemeinderats-Mitglieder Kommerzienrat S Jacobi und F. Schleiffer re. eingefunden. Außerdem waren die Mitglieder des Verwaltungsrats, das Lehrpersonal, die Schüler und zahlreiche Freunde und Gönner der Anstalt, darunter auch mehrere Damen, anwesend. Der Präsident des israelitischen Konsistoriums für den Unterelsaß, Herr Sanitätsrat Dr. Gustav Levy, hielt die Festrede, um zunächst der Regierung und der Stadt für die bewiesene Sympathie den herzlichsten Dank auszusprechen und sodann die Entwickelung der Anstalt zu schildern. Die ersten Anfänge der israelitischen Kunst- und Gewerbeschule reichen in das Jahr 1819 zurück; 1832 war bereits ein Internat vorhanden, das 1848 in das vom Oberrabbiner Louis Ratisbonne gestiftete Gebäude in der Halbmondgasse verlegt wurde. Der prächtige Neubau solle ein Palast der Arbeit und des Fleißes werden, aus

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