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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-15 · 37 (15.9.1905) · p. Seite 517

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
37 (15.9.1905)
Date
1905-09-15
Page
Seite 517 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 617. älteren Schriften des Talmud bricht die Neigung und Menschlichkeit durch, die das Christentum vorzugsweise zu einer idealen Trostlehre der Bedrückten erhob, aus der es seit mehr als 18 Jahrhunderte seine besten Kräfte geschöpft hat. Jene talmudischen Stellen aber stammen aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft — und es war die läuternde Schule des eigenen Unglücks, die gerecht und weich, die zart und liebevoll gegen anderstimmte. Pcschcl: Völkerkunde. * ± * Aaul Lindau veröffentlichte in der von ihm redigierten Monatsschrift „Nord und Süd" das Tagebuch Lasalles, welches die Aufzeichnungen des späteren Begründers der Sozialdemokratie aus seinen frühesten Jugendjahren enthält. Es heißt darin u. a.: „Heute (2. Februar) soll Barschall begraben werden. Um achteinhalb ging ich mit Mutter hin zu der unglücklichen Witwe. Sie saß still weinend auf dem Sofa. Sehr rührte mich der Anblick Wilhelms, der, die Größe seines Verlustes halb ahnend, sich das Kadisch lernte. Wir gingen in die Stube. Hier war die Leiche des gestorbenen Mannes. Die Kondolierenden sprachen in einzelnen Gruppen von diesem traurigen Todesfall. Der Lehrer führte Wilhelm an die Seite seines Vaters: „Hier siehst du", sagte er leise zu dem weinenden Knaben, „deinen Vater. Du siehst ihn hier nicht wieder. Versprich mir an dieser Stelle, deiner Mutier, die nun auch dein Vater ist, immer ein guter Sohn zu sein und in allem Folge zu leisten". Und der kleine Wilhelm schlug treuherzig in die ihm dargereichte Hand. Mir gingen die Augen über. Ich wendete mich ab. . . . Unterwegs unterhielt ich mich mit Bloch. Er wollte sich ein Air geben und nannte sich einen Atheisten. Als er aber sah, daß ich ganz anderer Meinung war, sattelte er auch um. Wir sprachen viel von Seelenwanderung, von Geiger und dem Judentum, und er wunderte sich, daß ich mich so des jüdischen Glaubens annehme. Der Esel! Als wenn man nicht treife essen und doch ein guter Jude sein könne. Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulwers „Leila", mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schaffst nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volk machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der Juden, mit den Waffen in der Hand, sie selbständig zu machen." * * * Mag man doch über Mythisches und Historisches in der Bibel denken wie man will, immer wird man bei ruhiger Ueberlegung die unermeßliche Bedeutung zugestehen, die dies Buch für die Erziehung des Menschengeschlechts hat. Man lese ohne Vorurteil die Geschichten und Gebote, die Lieder und Weissagungen des Alten Testaments und man wird überwältigt werden von der großartigen Einfachheit des israelitischen Glaubens, von der tiefen Wahrheit des mosaischen Sittengesetzes. Es ist ein einziger Grundton, der durch die Bücher des Alten Bundes geht: „Fürchte Gott und halte seine Gebote, denn das gehört allen Menschen zu". Die Bewahrung des reinen Gottesdienstes war die Aufgabe des israelitischen Volkes. Die Bedeutung der althebräischen Bücher für die Menschheit hat den Vergleich mit den Griechen wahrlich nicht zu scheuen. — — Ohne allen Vergleich am wichtigsten unter den fremden Einflüffen, die das deutsche Volk erfahren hat, ist der von den Semiten ausgegangene. Rttd. von Raumer: Vom deutschen Geist. Liternrst'Hes. Der neue Jahrgang (5666 rm 1905/06) des von der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" herausgegebenen „Kalender für Israeliten" ist soeben erschienen. Auch dieser Jahrgang weist wesentliche Verbesserungen und Ergänzungen auf. Dem kalendarischen Teile wurde die größte Sorgfalt gewidmet und im schematischen Teile war man bemüht, die möglichste Vollständigkeit und Aktualität der Daten, betreffend die österreichisch-ungarischen Kultusgemeinden, ihre Vorstände, Funktionäre und rituellen Institutionen, zu erreichen. Ebenso wurde auch diesmal dem jüdischen Vereinswesen die größte Aufmerksamkeit zugewendet. Das Verzeichnis aller in Oesterreich erscheinenden jüdischen Zeitungen wurde vervollständigt. Der literarische Teil bringt eine interessante Studie über den Zusammenhang der jüdischen Monatsnamen mit religiösen Vorstellungen aus der Feder des ausgezeichneten Talmudkenners Leopold Mandl, ferner eine spannende Erzählung aus dem jüdischen Auswandererelend von Julius Uprimny Die handliche Form und die elegante Ausstaltung des Kalmders werden auch diesmal gewiß volle Anererkennung finden. Der billige Preis (K. 1,60) ermöglicht auch den Unbemittelten die Anschaffung. — Raschi aus Trotzes. Aus Orientalistenkreisen wird geschrieben: Der 800jährige Todestag des Bibelkommentators Salomo b. Jsac, genannt Raschi aus Troyes, hat in diesen Tagen in den verschiedensten literarischen Kreisen lehrreiche Erinnerungen an den Einfluß dieses Gelehrten auf die Schriftexegese hervorgerufen. Denn die Kenntnis dieses Kommentars war in früheren Jahrhunderten sehr verbreitet. Außer Lyra, von dessen Einfluß auf Luther der bekannte Satz: „81 L^ra non cantasset, Lutheras non saltasset“ zeugt, den Buxtorfen, Breithaupt, der eine lateinische Uebersetzung des ganzen Kommentars verfaßte, sind es auch Gelehrte m unserer Zeit, die gern aus diesen Kommentar zurückgreifen. Allerdings hat der Text im Laufe der Zeiten viel von seiner Originalität durch Interpolationen und sogenannte Verschlimmerung eingebüßt Es war daher ein verdienstliches Unternehmen des Professors Dr. A. Berliner, der vor vierzig Jahren aus Grund von Handschriften und seltenen Editionen eine kritische Ausgabe des Kommentars zum Pentateuch herstellte, die allgemeine Anerkennung und eine so rasche Verbreitung fand, daß schon nach wenigen Jahren das Werk ganz vergriffen war Die Staatsregierung förderte mehrere Male durch Subventionen und Empfehlungen die fortgesetzten Studien des Verfassers, als deren Resultat jetzt die zweite Auflage des Kommentars bedeutend vermehrt und verbessert zu bezeichnen ist. Sie ist in diesen Tagen in splendider Ausstattung bei I. Kauffmann in Frankfurt am Main (Preis 10 Mark) erschienen und wird somit einem vielfach gefühlten Bedürfnisse dienen. Der Verfasser hat nach vierzig Jahren die Freude, auf Grund langjährigen Forschungen seine Mühen, den ursprünglichen Text, wie er aus der Feder Raschis hervorgegangen, möglichst zu konstruieren, aufs herrlichste belohnt zu sehen. Das altsranzösische Glossar, das als Anhang beigegeben ist, bietet eine besondere Bereicherung dieses Sprachgntes, das der Verfasser philologisch zu bearbeiten verstand, und zugleich für die Exegese Raschis zu verwerten nicht unterließ. _ Die Politik. Konfessionelle Verträglichkeit auf den italienischen Mniversitäten. In einem höchst lesenswerten Feuilleton „Ueber die medizinischen Studien und die ärztliche Praxis in Italien" (Deutsche medizinische Wochenschrift 24. 8. 1905) teilt Prof. Carrara in Turin unter anderm auch Nachstehendes mit: „Einen großen Vorzug der italienischen Universitäten bildet ihre Toleranz in religiöser Beziehung. Bei uns bestehen keinerlei konfessionelle Vorurteile; der Antisemitismus ist unbekannt. Zahlreiche der bewährtesten Professoren, Fakultätspräsiden und zuweilen auch Rektoren sind Juden, ohne daß das jemals zu Unzuträglichkeiten Anlaß gegeben hätte. Diese Toleranz bringt es mit sich, daß den Studenten schon beim Eintrit in die Universität Aufklärung und Gedankenfreiheit in prakischer Gestalt entgegentritt, wodurch zweifellos ein gesunder Einfluß auf ihre Entwicklung ausgeübt wird." -i- * *

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