Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 37 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 513 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 37. Israelitische Wochenschrift. Seite 613 Leben einer Organisation, die auf ein langes Leben zurückblickt — daß die Dinge nicht unter den Tisch gefallen sind und nicht unter den Tisch fallen werden. Daß die Frage des allerregsten Interesses würdig ist, darüber sind wir uns ja schon lange einig gewesen, als Sie auf dem achten Gemeindetage den Beschluß gefaßt haben, und auch damals ist schon aus Süddeutschland von dem Herrn Rabbiner Dr. Kroner, dem Mitglied des Oberkirchenrats ausgesprochen worden, wie sehr es gerade auch in Süddeutschland freudig begrüßt wird, daß jetzt auch die norddeutschen und preußischen Juden dazu kommen: es geht nicht mit der Zerrissenheit, es muß zu einer Gesamtorganisation kommen. In der Tat, wer es mit dem Judentum, seiner inneren Macht und seiner äußeren Stellung gut meint, der kann sich nicht anders entscheiden. Aber freilich, so viele Vorteile, so viele Stärkung der Kraft sie uns bringen wird, das werden Sie auch aus meinem Vortrage ersehen haben, ohne Opfer geht es dabei nicht ab. Die Einigung der Glieder in eine Gesamtorganisation bringt mit Notwendigkeit Opfer mit sich, nicht bloß in finanzieller Beziehung, so daß die großen Gemeinden damit, daß sie ihre überschüssigen Säfte in die Kanäle des Gesamtkörpers leiten, auch die kleineren unterstützen, davon würde ich vor einem Kreise von Juden nicht besonders sprechen: daß die Juden zu finanziellen Opfern für die Gesamtheit und für die bedürftigen Glieder der Gesamtheit jederzeit bereit sind, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. Aber es fordert eine Gesamtorganisation auch Opfer an der ungezügelten Selbständigkeit, welche bisher die Teile gehabt haben. Ohne diese Opfer geht es nicht ab, die einzelnen Teile, die Gemeinden, müssen Opfer in ihrer Autonomie bringen, und die Gesamtheit muß Opfer gegenüber dem Staate bringen. Diese Opfer werden wir als Preis zahlen müssen für die staatliche Stütze, die wir erhalten. Das ist nun freilich ein Punkt, bei welchem mancher Zweifel und mancher Zwiespalt in der Brust sich regt, und deshalb gestatten Sie mir, mit dem Wunsche zu schließen, daß, so wie das Judentum sich stets zu finanziellen Opfern bereit finden läßt für seine schwächeren Glieder, man auch an das Judentum in Preußen nicht vergeblich appellieren muß, daß man seine Opferfreudigkeit, seinen Opfermut nicht vergeblich anrufen wird, wenn es gilt, Opfer an der bisherigen Selbständigkeit, Opfer an der bisherigen Autonomie der Gesamtheit zu bringen. Der biblische Geschichtsunterricht. Im „Tag" war ein Artikel gegen den biblischen Geschichtsunterricht erschienen. Darauf wurde nun von zwei verschiedenen Seiten in der gleichen Zeitschrift das Folgende erwidert: II. Die Ausführungen des Herrn Scharrelmann in Nr. 411 des „Tags" zu obigem Thema fordern zu lebhaftem Widerspruch heraus. Verfasser geht von dem Satz aus, die Religion könne überhaupt nicht „unterrichtet" werden; der Lehrer könne immer nur bis an die Schwelle des Allerheiligsten hinführen, die Türe dazu müsse sich aber jeder selbst auftun. Letzteres ist unzweifelhaft richtig. Denn der Glaube ist eine persönliche Angelegenheit jedes einzelnen. Niemand kann für einen anderen glauben; das muß jeder für sich selbst lernen. Aber ich kann als Religionslehrer doch wohl noch mehr tun, als meine Schüler nur bis zur Schwelle des Allerheiligsten geleiten. Ich kann in ihnen die Sehnsucht nach dem, was hinter dieser Schwelle liegt, erwecken, ich kann ihnen die Hand auf die Klinke legen und ihnen Mut und Freudigkeit einhauchen. daß sie es wagen, den entscheidenden Schritt ins Allerheiligste selbst zu tun. Die Voraussetzung dafür ist freilich, daß ich selbst diesen Schritt getan habe und weiß, was hinter jener Tür zu finden ist. Es ist gerade das Großartige an der Bibel, daß sie uns nicht schemenhafte, idealisierte Gestalten vor die Augen stellt, sondern wirkliche Menschen von Fleisch und Blut mit allen Fehlern und Schwächen, aber auch mit allen Vorzügen solcher. Gerade der Realismus der Bibel im edelsten Sinne des Wortes macht diese zum vorzüglichsten Anschauungsmittel für religiöse Wahrheiten. Und gerade die Behandlung der biblischen Geschichten entspricht der Pestalozzischen Forderung: „Von der Anschauung zum Begriff." Ich kenne kein besseres Anschauungsmaterial für religiöse Wahrheiten als gerade die biblischen Geschichten. Es ist auch nicht zutreffend, daß jene Gestalten der Bibel unserem modernen Empfinden zu fern stehen. Das Zeitgeschichtliche an ihnen ist nebensächlich, das Allgemeinmenschliche an ihnen die Hauptsache. Je mehr man sich in das Denken, Fühlen und Wollen dieser Persönlichkeiten hineinversetzt, desto mehr kommt man zur Erkenntnis, daß jene Gestalten einer längst vergangenen Zeit sich ihrem Kern nach gar nicht vom modernen Menschen unterscheiden. Der Mensch ist trotz aller verfeinerten Kultur seinem innersten Wesen nach immer derselbe geblieben: immer dieselbe Ohnmacht gegenüber dem gewollten Guten, immer dieselbe Schuld, immer derselbe „Flu y der bösen Tat, die fortzeugend Böses muß gebären", immer dieselbe Erlösungsbedürftigkeit und Erlösungsfähigkeit. Wenn der Herr Verfasser als Ersatz für die biblischen Geschichten Themata wie Krankenpflege, Sanitätswagen, Tierschutz, Jmpfgesetz usw. vorschlägt, so sind das doch Dinge, die teils ganz an der Peripherie des religiösen Gebietes liegen, teils auch außerhalb desselben, jedenfalls aber das Zentrum desselben gar nicht tangieren. Alle diese Dinge eignen sich vorzüglich zur weiteren Illustration für die gewonnenen religiösen Erkenntnisse, aber nicht als Ausgangspunkte für die Gewinnung religiöser Wahrheiten. Nur die Bibel kann diesen Ausgangspunkt abgeben. Wollte man von den Erscheinungen des modernen religiösen Lebens ausgehen, so wäre das gerade so verkehrt, als wenn jemand römisches Recht am modernen Bürgerlichen Gesetzbuch lernen wollte. Der Katechismusunterricht ist in Bremen bereits längst beseitigt. Wenn nun auch der biblische Geschichtsunterricht aufgehoben wird, was bleibt dann noch vom gesamten Religionsunterricht übrig? Im besten Falle ein Räsonnement über ganz allgemeine Themata wie Barmherzigkeit und dergleichen. Ich glaube, daß die meisten Eltern sich für solchen verstümmelten Religionsunterricht bedanken werden Rektor Jung. Das '" und gesellschaftliche lelic» der alten Hebräer. Nach L. Munk's Palestine. A. Wohnungen. Die Patriarchen der Hebräer wohnten in Zelten, die der Form und Einrichtung nach, ohne Zweifel, denen der arabischen Beduinen unserer Tage ähnlich waren. Die Zeltdecken von schwarzem Tuch aus Ziegenhaar finden sich schon in einer Stelle des Hohen Liedes angeführt und gehen zweifelsohne noch weiter zurück. Die Zelte sind gewöhnlich in zwei oder drei Zimmer geteilt, das nach hinten zu ist für die Frauen bestimmt; 0095