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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · p. Seite 504

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 504 (sequence 13)
Language
German
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Seite 504 Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. Drr biblische Gkschichtsnnterricht. Im „Tag" war ein Artikel gegen den biblischen Geschichtsunterricht erschienen. Darauf wurde nun von zwei verschiedenen Seiten in der gleichen Zeitschrift das Folgende erwidert: I. Also der biblische Geschichtsunterricht ist eine Einführung in die Greuelgeschichte altjüdischer Kulturzustände. „Tag" Nr. 411! Das ist denn doch eine arge Verzerrung! Freilich finden sich in der Bibel Erzählungen von Bruder- und Feindesmord, von Trug und Hinterlist. Wollte man aber deshalb die biblische Geschichte aus dem Unterricht verbannen, so müßte man jegliche Welt- und Volksgeschichte ebenso verwerfen, denn in der Geschichte jedes Volkes und auch der großen National- Helden gibt es dunkle Flecken, unerfreuliche Partien. Sie können sachlich nicht fehlen, sonst würde die Geschichte unwahr, denn ohne Fehler und Verirrungen ist weder Volk noch Einzelmensch, und sie dürfen formell nicht fehlen, weil eben durch den Schatten das Lichtvolle sich um so deutlicher abhebt und im Kampf mit dem Bösen der Sieg des Guten, die ringende Läuterung glänzender in Erscheinung tritt und dem sittlichen Bewußtsein aufleuchtet. Die Sagen klassischen Altertums, die Sophokles und Aeschylus ihren Tragödien zugrunde legten, die Stoffe, aus denen Shakespeare seine Dramen schuf, wirken läuternd und erziehend auch im Jugendunterricht, trotz der Greuel und Mordszenen. Und mit den biblischen Geschichten sollte es anders sein? Der biblische Geschichtsunterricht bietet aber der Volksschule ein Bildungselement, das sie recht eigentlich an die Seite des höheren, Wissenschaft! chen Unterrichts rückt und dessen sie ohne diesen Unterrichtszweig entbehren würde: die Einführung in ein fremdes Volkstum. Und gerade die jüdische Geschichte verdient wegen der eigenartigen Stellung dieses Volkes im Altertum wie in der Neuzeit diese Einführung. Was alles man zugunsten der klassischen Studien für den höheren Unterricht anzuführen pflegt, das gilt in ungleich stärkerem Grad für die biblische Geschichte im gesamten Schulunterricht. Unsere eigene Entwicklung in Denken und Fühlen, in Kunst und Literatur ist aufs stärkste beeinflußt durch die Bibel, und beim Besuch von Kirchen und Bildergalerien habe ich schon oft bedauert, daß unser Bibelunterricht nicht ein gehender war. Die Geschichte >.on Kain und Abel soll man nicht erzählen können! Und warum nicht? Weil das entsetzliche Ereignis so „brutal und anschaulich" geschildert ist! Eben das ist der Vorzug der Bibel, die einfache von allem Beiwerk losgelöste, wenn man so sagen will, brutale und anschauliche Schilderung. Das ist der Vorzug einfacher Kulturverhältnisse und naiver Volksepik. Nichts ist verkehrter, als diese Erzählungen sentimental mildern, reflektierend umformen zu wollen. Gerade durch ihre brutale Plastik wirken sie. Und wirkt sie nicht sittlich läuternd, die Erzählung von Kain und Abel? Was ist das Motiv dieses Brudermordes? Der Neid, der blasse Neid! Findet der sich heute nicht mehr, entzweit er heute nicht mehr Freunde und Verwandte, ist er nicht auch heute noch die Ursache mancher Verbrechen? An der Erzählung von Kain und Abel lernt das Kind in einfachster Form, ohne viel Räsonnement die schrecklichen Folgen des Neides, und wer weiß, wie viele Millionen im Laufe der zwei, drei Jahrtausende jüdischer und christlicher Erziehungsgeschichte an dieser „brutalen" Erzählung einen innerlichen Abscheu vor dem Neid gefaßt haben! Und eine solche Erzählung soll nun auf einmal für den Jugendunterricht verpönt sein? Sogar die Erzählung vom Simson soll ausgeschieden und durch Themen, wie unter anderen das Jmpfgesetz, Tierschutzverein, Verein gegen Bettelei ersetzt werden! Gerade diese Zusammenstellung zeigt den Vorzug typischer Gestalten und Vorgänge vergangener Jahrhunderte. Sie sind dem Kampf der Gegenwart entrückt, stehen nicht im aktuellen Widerstreit der Meinungen. Der Zusammenhang mit dem Leben der Gegenwart kann trotzdem gewahrt werden. In diesem Betracht treibt der biblische Geschichtsunterricht in einfachster Form etwas Großartiges, was man sonst dem Mittel- und Hochschulunterricht Vorbehalten glaubt, er treibt Quellenkunde und wahrlich zu nichts Geringem, Quellenkunde zur Geistes- und Kulturgeschichte. Man braucht diesen Gedanken nicht in seiner ganzen Bedeutung zu entfalten, es genügt, ihn anzudeuten, und man wird über den geistigen und sittlichen Wert des biblischen Geschichtsunterrichts denn doch anders urteilen, als es mitunter leichthin geschieht; etwaige Mißstände in Größe und Auswahl des Stoffes sind Fragen für sich, die die Sache als solche nicht treffen. _ I. Seidenberger. Gedanken and Austzrnche berühmter Männer iilirr Juden und Judentum. Ich schmolle oft mit den Engländern, eben weil sie so groß sind und doch zuweilen wieder so klein. Heute aber, als ich das Zeitungsblatt aus der Hand legte, fühlte ich mich von inniger, ungeteilter Verehrung für sie durchdrungen. Diese Emanzipation der Juden, deren ich eben erwähnte, ist wahrlich ein ernstes und glorreiches Zeichen des Fortschritts ihrer geistigen Kultur und wird für sie selbst zur Milderung und Aufklärung ihrer Religionsbegriffe die wohltätigsten Folgen haben; denn ein Schritt im Guten führt eben so sicher zum Besseren, als umgekehrt das Böse „immer Böseres muß gebären." Heil Dir also, edles Volk, daß uns in so vielem schon vorleuchtete, und nun auch die Axt an jene stupide Barbarei gelegt hat, mit der wir im ganzen Europa so lange Zeit, zu unserer ewigen Schmach, eine zahlreiche Klasse unserer Mitmenschen verfolgten und erst selbst verderbten, um sie nachher dieser Verderbnis wegen anklagen zu können. Es ist ein schöner, endlicher Sieg der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, der Welt zum Beispiel aufgestellt und wir wollen gern einen Schleier darüber decken, welche Tendenzen zu derselben Zeit bei uns in dieser Hinsicht laut wurden. Ich weiß nicht, wie andere darüber denken, aber was mich betrifft, so kann ich wohl sagen, daß, seit ich zu Verstände gekommen bin, ich nie einem gebildeten Juden begegnete, ohne mich gewissermaßen vor ihm zu schämen, indem ich lebhaft fühlte, daß wir nicht zur Verachtung seiner Glaubensgenossen, wohl aber er zur Verachtung der unsrigen ein Recht haben. Es wird dabei nun auch nicht bleiben. Die heutige Zeit mit all ihren Mängeln und Geburtsschmerzen tritt dennoch schnell ein gehässiges Vorurteil in den Staub, und wenn sie auch durch ungeschickte Auffassung nur wieder eine momentan erfolgreiche Reaktion bewirkt, auch oft selbst das kleine Kind mit dem Bade verschütten will, so muß sie, nach dem göttlichen Gesetz, am letzten Ende doch unfehlbar dahin kommen, wohin sie steuert — zum Reiche der Vernunft. Fürst Hermann von Piickler-Muskau: „Tutti Frutti" Band l. S. 22t ff. * * *

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