Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 29 (1905)
- Issue
- No. 17. (1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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67 herzustellen, in geistvoller Weise, und die Verbindung scheint immer richtig. Gerade das macht ihn stutzig. Die Sache ist zu schön, nicht einfach genug. Da er die Gründe der Zusammenstellung in Aboth daraus also nicht erkennen kann, so lassen ihn alle diese Erklärungen unbefriedigt. Das erinnerte mich lebhaft an jene Zeit, in welcher mich gleiche Empfindungen bezüglich der Mischna erfüllten. Wenn ich Dissen’s Pindar las und zugeben mußte, daß die Gesänge des alten Thebaners sich so ungezwungen zu einem schönen Ganzen ordneten; wenn unter Gervinus etwas steifleinener, aber doch gründlicher Darstellung Shakespeare aufhörte, ein zusammenhangsloser Träumer zu sein; wenn ich merkte, daß nur die Verkennung des tiefen Plans und Zusammenhangs Voltaire und Laharpe den größten Unsinn über einen Mann wie Corneille schreiben ließ; wenn ich dann durch Ibn Esra, durch Raschis’ 'למה נסמב Licht über biblische Zusammenhänge erhielt; so glühte in meiner Seele das Gefühl des Schmerzes darüber, daß der Talmud nicht von dieser Seite eine Erklärung finden sollte. Was nützten mir die glänzenden Einzelheiten, wenn das Ganze ordnungslos war oder sein sollte! Nur wer dies Gefühl stürmisch in sich getragen hat, weiß, wie beglückend der Augenblick ist, wo die Himmelsstimme zu rufen sc' eint: Es werde Licht! Im Rabbinen zu Pinne erwacht also die heilsame Dübitatio. Sich selbst hält er für ein kleines Licht. ״Aber kann Gott nicht auch ihn erleuchten? Er hat die Welt mit ihren Rätseln geschaffen — die Thora ist auch eine solche Welt. Der sich nicht auf dem Karmel und Tabor, sondern auf dem niedrigen Sinai offenbart hat, sollte er nicht ein erlösendes Wort in den Mund des Armen und Geringen legen?“ Du hast Recht, bescheidener Rabbi! Deine Zweifel und Fragen, dein erwachendes Selbstbewußtsein ist mehr wert, als die selbstbewußteste Weisheit, die alles versteht und kennt und die Fragen und Antworten der Anderen deshalb für wertlos hält, weil das glühende Bedürfnis nach wahrer Erkenntnis sich noch nicht geregt hat! Drei Jahre hat er das Buch in seinem Herzen getragen, und ״es begann aus seinem Innern emporzublühen!“ Was hat er nun vor allem gefunden? Denn daß ein Mann, der also fragt und sucht, etwas findet, daß er sich nicht mit etwas halbem begnügen wird, ist von vornherein sicher. Sowohl der מדרש שמואל» als der יין לבנון haben sich tüchtig gequält, von Ausspruch zu Ausspruch in Aboth das geistige Band zu suc :en. Wozu das? fragt unser Verfasser. Sehe ich doch den einzelnen Worten an, daß jedes ein Ganzes für sich ist. Gerade die Namen sind das zusammenhaltende Band, nicht der Inhalt der Aussprüche. Diese zeigen uns wohl, welche Ueberlieferungen in sittlicher Beziehung vom Lehrer zum Schüler bis zur Zeit der betreffenden Weisen sich entwickelt haben — wir würden sagen, sie sind ein Spiegelbild der Zeit. Vergleiche doch einmal die Reihenfolge der in Aboth genannten Männer mit dem 4. Abschnitt der maimunischen Vorrede zur Mischnaerklärung, dann wirst du als den Zweck von Aboth die geschichtliche Folge der Lehrer Israels finden Merkwürdig! Das Licht kommt in so vielen Fällen von Maimonides! Es würde einer besonderen eingehenden Dar- Stellung bedürfen, wollte man sich einen Begriff davon machen, in wie vielen Fällen Maimonides der Leiter zur Wahrheit gewesen ist. Nun geht Verfasser daraufhin die einzelnen Abschnitte durch. Zweimal kommt in Aboth I Simon ben Gamaliel vor. Es ist das der Erste aus der Tempelzeit, und der Zweite, der Vater Rabbis. (Ein Irrtum, da Gamaliel daselbst der Jamnenser ist, der den Lehrer verlangt, Zweifel ausscbiießen will, wie jede Willkür beim Verzehnten — ganz seinem Wesen gemäß im Kampf mit Josua.) D;!nn kommt Aboth 21 Rabbi selbst. Wie kommt nun noch einmal Hillel hierher? Es ist das Hillel, der Enkelsohn Rabbis. Aber der nächste Satz ist wieder von Hillel dem Aelteren. Wieso? In der dem Verfasser vorliegenden Fassung las man nicht הוא היה אומר son_ dern nochmals הלל אומר! Der Mann weiß also bereits mit Lesarten umzugehen. Da nämlich Rabbi nun das Zeitalter der Tempelzerstörung berührt, geht er zu Hillel zurück (die Sätze zwischen den Hillelmischnas des ersten und zweiten Abschnitts siDd demnach gewissermaßen ein Einschiebsel), um an ihn Jochanan ben Sakkai mit seinem Schülerkreise anzuknüpfen; als Zeitgenosse wird hier Tarfon genannt, der doch, wie Elieser, Akibas Lehrer gewesen. Akabia, obschon vor der Zerstörung gestorben, kommt als Zeitgenosse Jochanan ben Sakkais hierher (3!), ebenso Chanina Segan Hakohanim und Chanina ben Teradion; R. Simon will er hier als Simon ben Gamaliel den Aelteren ansehen; Chanina ben Chachinai und Chalafthah ben Dossa, noch zur Tempelzeit gehörig, wohl, wie er meint, ein Bruder Chanina ben Dossas. Eleasar ben Juda aus Bertotha, I der Lehrer Simon ben Gamaliels, wie aus Orlah 14 gefolgert wird. Der darauf folgende Jakob kann nicht der Schüler Me'irs, sondern nur der Vater Elieser ben Jacobs sein, wie Tossafoth Jomtob sagt. Daß nun Dostai bar Jannai, ein Schüler Meirs, folgt•, liegt darin, daß dessen Ausspruch wie eine Erklärung der Worte Jacobs aussieht. (Hin und wieder sieht Verfasser also doch geistige Zusammenhänge und zwingt sich nicht, mit seinen Grundsätzen durch die Wand zu gehen.) Mit Chanina ben Dossa geht es wieder zur Reihe der Alten zurück. Wenn nun Dossa ben Horkinaß, nach Maimonides. der Genosse Simons des Gerechten folgt, so erinnert Verfasser doch selbst einem Maimuni gegenüber daran, daß Dossa als Zeitgenossa Akibas hier sehr wohl hergehört. Er war damals schon alt — aber 500 Jahre kann er nicht gelebt haben! Vielleicht hat er, wie Verfasser doch einlenkend meint, Ueberlieferungen von einem gleichnamigen Ahnen erhalten. Nach dem hierher gehörigen Eleasar aus Modin kommt das zweite Tannaitengeschlecht heran, Ismael, Akiba und Eleasar ben Asarja, und der Abschnitt schließt mit ihrem Genossen Eleasar Chasma. (Schluß folgt.) Neue Schriften von Dr. Hoffmann. Das Buch Levitikus, übersetzt und erklärt von Dr. Hoffmann. Erster Halbband. Lev. I—XVII. Berlin. Poppelauer. 1905. VIII und 478 Seiten. 6 Mk. Mechiltha de Rabbi Simon ben Jochai, ein halachischer und hagadischer Midrasch zu Exodus etc. von Dr. Hoffmann. XVI und 180 Seiten. (Der Preis ist nicht angegeben). Frankfurt. Kauffmann. 1905. (Das erste Werk unter Beihilfe, das zweite auf Kosten der jüdisch-literarischen Gesellschaft zu Frankfurt a. M. gedruckt.) Zwei umfangreiche Schriften von Dr. Hoffmann! Und er gehört nicht zu den Vielschreibern. Was wir hier vor uns sehen, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeiten im Forschen und Lehren. Hoffmann hat nicht etwa bis jetzt mit dem Anfang seiner Arbeit gewartet, sondern vor Jahren, beim Auftreten Wellhausens, ist er ihm entgegengetreten, und ״die wichtigsten Instanzen gegen die Graf.-Wellhausensche Hypothese“ vom vorigen Jahr sind die bibelwissenschaftliehe reife Frucht dieser Arbeiten. Hier tritt uns der Erklärer entgegen Aehnlich verhält es sich mit der Mechiltha Simon ben Jocbais, der mit großer Sehnsucht erwarteten Ausgabe dieses alten Midrasch. Zeitlich weit zurück liegt der Jahresbericht mit der ״Einleitung in der halachischen Midraschim“; dann folgten weitere Veröffentlichungen in der Hildesheimer-Festschrift vom Jahre 1890; weiterhin die mit dem Jahresbericht verbundenen ליקוטי בתר ליקוטי• Nun folgt die Arbeit, auf welche Jene Bruchteile mehr oder weniger hinweisen. Gehen zwei solche Werke aus der Hand eines Verfassers hervor, so wird damit dem hin und wieder auftauchenden Irrtum ins Gesicht geschlagen, als wären Bibel und Talmud zwei verschiedene Gebiete. Es läßt sich ungekehrt der Nachweis führen, daß sie einander (im weitesten Sinne genommen) unentbehrlich sind. Wer die Fragen der neuen Bibel wissenschaft kennt, dem wird die Notwendigkeit unzähliger ihm sonst sonderbar vorkommender rabbinischer Deutungen klar, und wer die Grundlage des ganzen rabbinischen Schrifttums, die Deutungen der Ueberlieferung kennt, der kommt wohlvorbereitet an die neueste Bibelforschung heran, indem er klar erkennt, wodurch sie hervorgerufen worden sind. Die in unserer Zeit beliebte Gebietsteilung hat den Blick für das Allgemeine, für den Mittelpunkt eines Wissensgebiets