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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · p. Seite 502

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 502 (sequence 6)
Language
German
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Seite 502. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. über schutzlos und würden unter solchen Verhältnissen wohl nie auf einen grünen Zweig kommen. Der in Basel unterlegene Teil der Zionisten rechnet daher auch gar nicht mit der palästinensischen Ansiedlung. Die Territorialisten und politischen Zionisten wollen überhaupt nur irgend ein Territorium haben, auf dem sie möglichst bald eine Massenansiedlung vornehmen und sogleich die politische Autonomie erhalten können. Sie halten zunächst am Uganda-Projekt fest, und es kann sein, daß dort demnächst ein ernster Besiedlungsversuch gemacht wird. Zangwill, der Führer der Territorialisten, der eigentliche Vater des Uganda-Projektes, trägt sich tatsächlich mit der Absicht, den Plan selbst zu verwirklichen, so wenig verlockend auch die afrikanischen Gebiete sein mögen. Eine Sonderstellung nehmen schließlich die sozialistischen Zionisten ein. Für sie ist der Zionismus nur das Mittel zum Zweck eines sozialistischen Gemeinwesens, sie wollen eine rein sozialistisch organisierte Besiedlung, wofür natürlich Palästina am wenigsten zu haben ist. Die Divergenz der Anschauungen läßt schon zur Genüge erkennen, wie weit der Zionismus von der Verwirklichung des Planes entfernt ist, das Judentum wieder zu einer Gemeinschaft zusammenzubringen. Selbst wenn es gelänge, die sonstigen Widerstände zu überwinden, so würde diese neue Volksgründung von vornherein den Samen der größten Zwietracht in sich tragen, sie würde mit Gegensätzen beginnen, größer, als sie sich in irgend einem Volke im Laufe der Zeit entwickeln, Gegensätzen, für welche bei einander innerlich wie äußerlich so fremden Elementen jede Vermittlung fehlen würde. Die zionistische Phantasterei zeigt sich so recht darin, daß ihre Vertreter gar nicht einmal eine bestimmte Antwort zu geben wissen, wie weit denn eigentlich de: Kreis der Berechtigten für den zionistischen Staat zu ziehen ist. Die Zionisten akzeptieren ja die Rassentheorie der Antisemiten, sie reklamieren jede Person jüdischer Herkunft als Angehörigen des jüdischen Volkes und sprechen ihm damit jedes andere Volkstum ab. ' Nun ist aber tatsächlich der einzige wirkliche Zusammenhang der Juden heutzutage nur religiöser Natur, eine andere Gemeinschaft ist nur in der Idee vorhanden. Im Gegensatz dazu müßten nach der zionistischen Grundauffassung, die von dem religiösen Standpunkt des einzelnen ganz absehen will, sogar diejenigen jüdischen Abkömmlinge für den zionistischen Zukunftsstaat mit in Anspruch genommen werden, welche sich längst vom Judentum losgesagt haben. Das heißt mit anderen Worten, es soll künstlich ein Volkstum wieder ins Leben gerufen werden, das längst erstorben ist. Das jüdische Volk ist gewesen, heute hat es keine Existenzbedingungen mehr, und die große Mehrheit der Juden will daher auch mit vollem Rechte von den Neubelebungsversuchen nichts wissen. Das, was jetzt als Judentum sich in den verschiedenen Ländern befindet, ist kein jüdisches Volkstum, sondern hat sich dem Volkstum der Aufenthaltsstaaten vollständig angepaßt. Es ist von einander genau so verschieden, wie es die Völker selbst sind. Der deutsche, der russische, der englische, der französische Jude haben mit einander nichts gemeinsam als die Ueberlieferung, sie sind kulturell und in ihrer nationalen Anschauung himmelweit von einander geschieden. Darüber darf auch nicht das Zusammengehen der Juden zur Unterstützung verfolgter Glaubensgenossen hinwegtäuschen. Wenn man alle diese Dinge unbefangen prüft, so muß man sagen, dje Verwirklichung des zionistischen Staates wäre das größte Unglück für das Judentum. Es ist ein Unsinn, wenn behauptet wird, erst ein solcher Staat werde die Judenfeindschaft beseitigen und den Juden aller Länder einen starken Rückhalt geben. Das Gegenteil würde der Fall sein. Sehen wir selbst davon ab, daß ein solcher neuer Staat in dem Augenblick, wo er die politische Selbständigkeit, die erste Voraussetzung eines Wirkens nach außen, erstreben wollte, das Mißtrauen und den Widerstand aller Mächte Hervorrufen würde, so kann man sich doch nicht verhehlen, daß ein solcher Staat mit einem Schlage alle Erfolge des jüdischen Emanzipationskampfes in den zivilisierten Staaten vernichten würde. Die Juden würden da Fremde werden, wo sie bisher Bürger waren und sich mit Stolz als Angehörige der Nation fühlten. Und dabei ist es doch ein Wahnwitz, zu glauben, daß aus den Staaten der bürgerlichen Gleichberechtigung die Juden in den Zionistenstaat strömen würden. Das fiele ihnen gar nicht ein, und es würde auch ein unerträgliches Durcheinander werden, wenn ein so buntes Volksgemisch einen gemeinsamen staatlichen Aufbau versuchen würde. Zu den Volksverschiedenheiten kommen da noch die religiösen Differenzen, die im Judentum außerordentlich groß sind. Losgelöst von jeder staatlichen Einwirkung treten sie weniger schroff hervor; aber tatsächlich besteht zwischen den Orthodoxen und den freier Gesinnten eine unüberbrückbare Kluft. In einem jüdischen Staat, der auf alle Fälle einen religiösen Grundcharakter haben würde, gäben diese Gegensätze die allerbittersten Streitigkeiten, vielleicht das abschreckendste Beispiel eines religiösen Staates. An alle diese Wirkungen denken die Zionisten nicht, weder die Führer noch die Mitläufer. Sie verwechseln ihre Zwecke mit den Wohltätigkeitsbestrebungen, deren Ziel lediglich die Abstellung wirklich vorhandener Not ist, die Unterbringung und Versorgung der zur Wanderung gezwungenen Juden ohne irgend welche politischen Nebenabsichten. Diese Bestrebungen in den Zionismus aufgehen zu lassen, hieße sie ihrer eigentlichen Bestimmung entziehen und würde sie da diskreditieren, wo sie bisher bereitwilligst Förderung fanden. Das wäre die allergrößte Gefahr; denn damit würde die Förderung der ernsthaften Kolonisation, die Ansiedlung der jüdischen Auswanderungsmassen in geeigneten Gebieten in Frage gestellt, die eines der wichtigsten Probleme der nächsten Zeit ist. Heller die Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Prensten (Fortsetzung.) So sind wir mit dem dritten Problem zu Ende. Die Sache hat schon ihre ziemlich feststehenden, d. h. also für diesen meinen Vortrag feststehenden Organisationsformen angenommen. Wir haben an der Spitze den Landessynagogenrat. bestehend aus einem Kommissarius des Ministers, aus einem von der Synode gewählten und vom Könige bestätigten Vorsitzenden mit Rechtsbildung, möglicherweise aus einem zweiten Juristen, der von der Synode gewählt wird, dann bestehend aus einer Reihe von Rabbinern; es wird naturgemäß ein Teil der Rabbiner aus der Landeshauptstadt genommen werden müssen, ebenso wie ein Teil der Laien aus der Landeshauptstadt genommen werden muß, weil ein beschränkter Teil des Kollegiums stets anwesend sein muß, um laufende Verwaltungsgeschäfte zu erledigen, — und aus weiteren Rabbinern und Laien, die von der Landessynode gewählt werden. Dann die Landessynode selbst, die, wie ich meine, einzig von den Provinzialsynoden gewählt wird. Bei der Provinzialstufe ein Kommissarius des Oberpräsidenten, eine Anzahl Rabbiner, darunter der Rabbiner der Provinzialhauptstadt, und eine Anzahl von Laienmitgliedern; ebenso die Provinzialsynode, gewählt von den Organen der einzelnen Gemeinden.

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