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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · p. Seite 501

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 501 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. Israelitische Wochenschrift. Seite 601. zwar nicht sehr umfassende, aber doch lebhaft hervortretende Gegenbewegung bewirkt, die nun ihrerseits, zum Teil wenigstens, ins Extrem gefallen ist und überall eine national-religiöse Besonderheit hervorzuheben sucht, überall eine jüdische Eigenart zu entdecken sucht und dem Rassenantisemitismus damit geradezu in die Hände arbeitet. Diese jüdischen „Nationalen" sind allerdings noch keineswegs identisch mit den Zionisten. Ein Teil von ihnen hat sich sogar direkt gegen den Zionismus erklärt, weil sie sich doch zu sehr als Angehörige ihres Staates fühlen und die Vernunft ihnen sagt, daß die Vergangenheit nicht wieder lebendig gemacht werden kann. Ein anderer Teil aber hat den Uebergang zum Zionismus gefunden, und in ihnen haben wir die Kerntruppe des wissenschaftlichen Zionismus. Zu alledem ist als letztes Moment, das den theoretischen Utopisten größere Massen zugeführt hat, die wirkliche Judennot gekommen, die scheußlichen Verfolgungen und Vertreibungen von Juden in Staaten der Unkultur, in Rußland und Rumänien, welche Tausende von Juden ihres Eigentums beraubt und zur Auswanderung gezwungen haben. Das Zusammenwirken dieser Umstände erklärt es, daß eine Bewegung, die durch die Macht der ihr zugrunde liegenden Ideen sonst niemals eine größere Wirkung hätte ausüben können, doch einen stärkeren Zulauf erhalten hat, wobei freilich die Anhänger verschiedenartige Beweggründe leiteten, und auch über das Ziel die Meinungen keineswegs übereinstimmten. In dem Maße, wie man der praktischen Verwirklichung näher trat, sind diese Gegensätze schärfer und klarer geworden und haben schließlich auf dem diesjährigen Kongreß zum offenen Bruche geführt. Der ganze Begriff des Zionismus ist ja noch nicht einmal geklärt, obgleich schon über sieben Jahre seit Festlegung des grundlegenden Baseler Programms vergangen sind. Jenes Programm zeigte so recht die ganze Oberflächlichkeit der zionistischen Führer. Die Begründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina wurde als die eigentliche Aufgabe bezeichnet; aber das wie und wann ließ man im Ungewissen, obgleich das doch eigentlich die Hauptsache war. Wer so weitausschauende Ideen verwirklichen will, der muß sich doch über die Art der Ausführung und über die künftige Gestaltung vorher klar sein, will er nicht bte erstrebte neue Ordnung gleich mit der gräßlichsten Unordnung beginnen. Aber nichts von alledem, das überließ man alles dem Zufall. Herzl versuchte sich als Diplomat, die türkische Regierung und die Mächte wollte er für die Zulassung der jüdischen Heimstättengründung in Palästina gewinnen — mit dem vorauszusehenden Mißerfolge, da die Türkei keine Neigung hat, ein Experiment zuzulassen, daß die Gründung eines politisch selbständigen Staates zum Endzweck hat. Die jahrelange Arbeit war also nutzlos, sie hat nur die Fürsorgearbeit für die notleidenden Juden beeinträchtigt. Dieser Mißerfolg brachte einen Keil in die Bewegung. Ein Teil der Zionisten wollte nicht länger nutzlosen Projekten nachjagen, sondern sich erreichbareren zuwenden, und so kam es vor zwei Jahren zu einem Bruch mit dem ursprünglichen Programm: statt an Zion festzuhalten, beschloß man, dem Plan einer Besiedelung von Uganda in Britisch-.Ostafrika näher zu treten und entsandte eine Kommission dorthin, um dies von England angebotene Gebiet auf seine Brauchbarkeit hin untersuchen zu lassen. Aber diese Aenderung des Ziels hat nicht standgehalten. Ihre Gegner agitierten mit unermüdlichem Eifer dagegen, und als in diesem Jahre die endgültige Entscheidung getroffen werden sollte, verwarf die große Mehrheit unter russischer Führung das Uganda-Projekt, nicht so sehr, weil der Bericht der Kommission es ungünstig beurteilte, als weil sie unter allen Umständen an Palästina festhalten will, weil die Phantasie des jüdischen Reiches in den unklaren Köpfen festgewurzelt ist. Die reinen Palästinenser, die Partei der Zione-Zion hat gesiegt. Nur eine Aenderung wurde an dem früheren Programm vorgenommen, man dehnte das künftige Reich auch auf die Nebenländer von Zion aus, und einige Zionisten glauben hier den Weg zu praktischer Verwirklichung gefunden zu haben, indem sie an die Besiedlung einer der Inseln, speziell an das unter englischer Herrschaft stehende Cypern denken. Aber im Ernstfall — selbst wenn diese Hoffnungen sich nicht als trügerisch erweisen sollten — würde es da wohl wieder zu starken Differenzen kommen und viele nicht auf Palästina selbst Verzicht leisten wollen. Die Vertreter des reinen Zionismus haben ja auch immer nur Palästina selbst im Auge, nur daß sie ihr Ziel nicht erst auf diplomatischem Wege, sondern durch eine Art wirtschaftlicher Eroberung zu erreichen gedenken. Dr. Nossig entwickelt das, indem er als Mittel den unablässigen Erwerb geeigneter Ländereien auf Grund von Erforschungsarbeiten und nach einheitlichem Plan empfiehlt, wobei zugleich immer höhere rechtliche Garantien zu erstreben seien. Er möchte für diesen Zweck einen Zusammenschluß aller jüdischen Kolonisationsvereine und Wohlfahrtseinrichtungen haben. Dagegen soll von dem Juden- „Staat" nicht die Rede sein, vorläufig wenigstens. Man soll nicht gleich die politische Autonomie als Ziel hinstellen, sondern sich vorerst auf das Wirtschaftliche beschränken, auf eine wirtschaftliche Durchdringung des Orients, d. h. eine ländliche, städtische und industrielle Kolonisation nach einheitlichem Plan, und die Fragen der politischen Gestaltung als fernes Zukunstsprogramm ansehen und vorläufig unerörtert lassen. Die Erwartung, daß dadurch das Mißtrauen beseitigt wird, dürfte freilich eine trügerische sein. Die politischen Ambitionen sind einmal bekannt, und andere Führer, wie Nordau, halten damit auch gar nicht zurück, sondern stellen unzweideutig die Forderung der politischen Autonomie auf. Hier zeigen sich also bereits starke Gegensätze unter den reinen Zionisten. Noch stärker sind die Trennungspunkte von den anderen, jetzt losgelösten zionistischen Gruppen. Diese Gruppen haben alle das Gemeinsame, daß sie nicht auf eine unbestimmte Zukunft warten, sondern in Anbetracht der Not der Gegenwart recht bald praktische Arbeit sehen möchten. Sie versteifen sich überhaupt nicht mehr auf Palästina, teils weil sie nicht glauben, daß die Türkei in absehbarer Zeit, wenn überhaupt, ihre Zustimmung zu diesem Experiment geben würde, teils weil sie Palästina auch gar nicht für ein günstiges Ansiedlungsgebiet halten. Palästina ist längst nicht mehr das Land, wo Milch und Honig fließt, und die jüdischen Kolonisten, die dort mit den großen früher von Baron Hirsch zur Verfügung gestellten Mitteln angesiedelt worden sind, haben bei allem Fleiß große Mühe, überhaupt ihre Existenz zu fristen. Freilich trägt dazu das türkische Bedrückungssystem bei, unter dem die Besitzer von den Beamten förmlich ausgesaugt werden; aber eine zionistische Massenniederlaffung würde es darin auch bei aller öffentlich-rechtlichen Sicherheit nicht besser, sondern eher noch schlechter haben, wenn man nicht etwa gleich mit dem Versuch einer politischen Eroberung beginnen will. Die jetzigen Kolonisten können wenigstens den Schutz ihres Heimatsstaates beanspruchen, und die deutschen Juden machen mit einigem Erfolge davon Gebrauch. Die künftigen Zionisten, die von der früheren Heimat nichts mehr wissen wollen, wären auf sich selbst angewiesen, das heißt sie wären den türkischen Beamten gegen-

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