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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-08 · 36 (8.9.1905) · p. Seite 500

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
36 (8.9.1905)
Date
1905-09-08
Page
Seite 500 (sequence 4)
Language
German
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Seite 500 Israelitische Wochenschrift. Nr. 36 Gliedern dem Feinde übergeben und damit unser Leben retten können?" Der Erfolg dieses Krieges ist demnach eine Ehrenrettung der alten sinaitischen und prophetischen Wahrheiten, wodurch Staaten erhalten werden sollten. Genau gegen die gleichen Schattenseiten tritt die Thora, treten die Propheten Israels auf, stellen sich auf einer Seite jeder Zersetzung der staatserhaltenden Kräfte entgegen, zeigen aber auf der anderen Seite, daß mit diesen Eigenschaften Juda und Jerusalem sich nicht halten können. Unterordnung unter ein Ganzes, Opfermut, Selbstverleugnung gaben dem kleinen Japan die Macht, wahrhafte Vaterlandsliebe gab ihm im Augenblick der Siegesfreude die Mäßigung, auf den Schein zu verzichten und das Wesen zu retten; das Wesen, worauf der überwundene Feind nie geachtet, während ihm der Schein immer das Hauptmittel seines Wirkens gewesen war. Was wird der Friede dem aus tausend inneren Wunden blutenden Rußland bringen? Der Widerstand gegen die Staatsgewalt wird mit Truppenmacht beseitigt werden. Nicht nur die Zukunft unserer vielgeprüften Glaubensbrüder, auch das Mitleid mit dem russischen Nachbarvolk, in dem so hohe Fähigkeiten leider ungeweckt schlummern, legt uns die Frage nahe, was dann folgen wird? Zieht Rußland die rechten Lehren aus seinen Mißerfolgen, so geht es ohne Zweifel einer großen Zukunft entgegen und darf die Niederlage als Wohltat begrüßen. Geschieht das Gegenteil, so ist die Macht der Wahrheit so groß geworden, daß sie sich trotz aller Hemmnisse Bahn brechen wird. Das ist aber für alle Zeiten Israels Stellung, daß der Sieg des Guten und der Wahrheit allein seine Sicherheit ausmacht und daß es nur eines zu fürchten hat: Die Kräftigung der Lügenmächte. Seien wir aber gerecht und stimmen wir nicht in die Mißachtung ein, der die Duma vielfach begegnet. Sei ihre Macht groß oder klein — das, was bisher nur auf Umwegen den Weg zur Staatsgewalt finden konnte, wird nun an einer gesetzlich berechtigten Stätte ausgesprochen werden und von Männern, die bisher schon bewiesen haben, was sie im Dienst der von ihnen erkannten Wahrheiten vermögen. Und wäre es nur ein Schein des Rechts, mit dem sie auftreten — bisher hatten sie nichts derartiges und sind soweit gelangt. Nun werden sich mit Recht die vielen guten Kräfte jenes Reichs um sie scharen, und, wenn auch langsam, das Gute wird sich entwickeln. Die Mißstände werden vor einer berechtigten öffentlichen Meinung nach und nach sich verlieren. Nach und nach! Das Volllicht, wenn es zu schnell kommt, blendet. Das schwache Auge muß sich langsam an den Strahl gewöhnen. Je stetiger die Entwicklung fortschreitet, je weniger unvermutete Sprünge sie macht, desto dauernder sind ihre Folgen und desto mehr kommt sie allen zugute. Wir dürfen mit Recht uns der Hoffnung hingeben, daß auch die Juden Rußlands mit der Zeit ihren Platz an der Sonne gewinnen werden. Der Zionismus. (Das freie Wort.) Von Alexander Giesen (Frankfurt a. M.). In der Zeit der wissenschaftlichen Ausgrabungen, in der man sich bemüht, ganze Stätten des Altertums wieder aufzudecken, ist zur Abwechslung der Versuch einer politischen Ausgrabung unternommen worden, diesmal jedoch nicht zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern mit einer ganz dem Gegenwartsstaat gewidmeten staatspolitischen Tendenz. Ein vor zwei Jahrtausenden zerfallenes Reich, das Reich Zion, den alten jüdischen Staat in Palästina möchte man allen Ernstes wieder Herstellen, die in alle Winde zerstreuten Glieder des früheren jüdischen Volksstammes wieder zu einer politischen Gemeinschaft, zu einem neuen jüdischen Volke sammeln, ungeachtet der Entfremdung der einzelnen Teile und der sprachlichen und kulturellen Verschiedenheiten. Als die Idee zuerst auftauchte, da klang es so ungefähr, wie wenn jemand versicherte, er wolle einer Mumie Leben einflößen. Dennoch hat sie unbestreitbar an Anhang gewonnen, und wenn sie auch letzten Endes sich als Utopie erweisen muß, hat man sich wegen der durch sie eventuell bedingten politischen Konstellationen doch ernstlich mit ihr beschäftigen müssen, obgleich die Führer dieser Bewegung sich mehr als Idealdenn als Realpolitiker erwiesen haben. Ein Messias ist unter ihnen nicht erstanden. Der einzige von überragenderer Erscheinung, aber auch kein Mann von gewaltiger Kraft, Herzl, ist dahingegangen, nachdem seine Hoffnungen, auf diplomatischem Wege zu einem praktischen Ergebnis zu gelangen, fehlgeschlagen waren, und nachdem schon zu seiner Zeit der politische Ehrgeiz einzelner und die grundsätzliche Verschiedenheit in den Anschauungen zu schroffsten Gegensätzen geführt hatten. Diese Gegensätze haben sich seitdem weiter verschärft und sind auf dem diesjährigen Baseler Zionistenkongreß so heftig aufeinandergeprallt, daß statt einer Zionistengruppe jetzt ihrer drei vorhanden sind. Das gibt ein schlechtes Prognostikon für die jüdische Volkseinigung, von der übrigens die Mehrzahl der Juden, vor allem die in Deutschland mchts wissen wollen. Vielleicht teilen sich bei weiteren Spaltungen die Zionisten noch in 12 Stämme, die dann aber wohl am wenigsten Autorität besitzen werden, um als anerkannte Vertreter eines jüdischen Staates zu gelten. Daß überhaupt der Zionismus viele Anhänger gefunden hat, ist nicht bloß aus seiner Grundidee zu erklären, die ohne besondere Begleitumstände schwerlich einer größeren Anzahl von Leuten plausibel gemacht worden wäre. Vor allem kommt da in Betracht, daß wir in einer Zeit der stärkeren Betonung des Nationalismus leben. Dieser Nationalismus hat, wie in einer Art epidemischer Ansteckung, auf einen, wenn auch nur kleinen Kreis von Juden eingewirkt zur Wiedererweckung eines nationalen Judentums, die von der Erinnerung an die alten jüdischen Ueberlieferungen von selbst zu der Idee des jüdischen Staats hinüberleitete. Das ist psychologisch leicht zu erklären, wenn man hinzuhält, daß gerade die ersten Verkündiger der zionistischen Idee und dann die Führer der Bewegung Leute von leicht entflammbarem Gemüt waren, Impressionisten, die sich nicht mit realen Alltagsdingen aufhielten und sich über die entgegenstehenden Schwierigkeiten leichten Herzens hinwegsetzten. Ihnen kamen dann andere Dinge zu Hilfe: die antisemitische Bewegung, die selbst in den sogenannten Kulturstaaten zu argen Ausschreitungen und zur bewußten, fortgesetzten Nichtachtung der gesetzlichen Gleichberechtigung geführt hat — Preußen-Deutschland bietet dafür ein unrühmliches Beispiel. Kaum weniger schlimm wirkt bet gesellschaftliche Antisemitismus, der wiederum vornehmlich von gewissen amtlichen Kreisen gefördert wird, aber auch in solchen Schichten grassiert, die mit Vorliebe auf freie Gesinnung Anspruch erheben; so steckt in der neuen akademischen Freiheitsbewegung, trotz der Proklamierung des Kampfes gegen die konfessionelle Absonderung, doch noch ein gut Teil konfessioneller Engherzigkeit. Diese Dinge haben in jüdischen Kreisen eme

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