Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 36 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606866--9540-9606869- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zeitschrift für die Gesilmtiiltereffm des Judentums. Webst öern Weiblcrlt: Jüdisches Littevcckuvbt'crtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Werlin ü., gtofc-Stenge 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3 — Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Wrrmnrer 36. KerNn, 8. September 1903. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Straste 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische LitteratnrblattNr. 17. Inhalt. Artikel: Friede. — Der Zionismus. Von Alexander Giesen. — Ueber die Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Preußen. (Fortsetzung.) — Der biblische Geschichtsunterricht — Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Judentum. — Politik: Ein nettes Stückchen Ostmarkenpolitik. — Abenteuer eines Antisemitenhäuptlings. — Aus Homel. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Die Macht der Liebe. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) — Inserate. friede! Die Friedensbotschaft, die aus dem Westen überraschend nach Europa herübertönte, hat vielfache Freude und Zustimmung gefunden. Im ersten Augenblick waren die zahlreichen Russenfeinde vielleicht verstimmt über die Nachgibigkeit der Japaner; sie fürchteten, daß in Rußland das Selbstbewußtsein infolgedessen wieder überhand nehmen würde, und das Einzige, was der unglückliche Krieg der stolzen Zarenherrschaft gebracht hat, Selbsterkenntnis und Einkehr in sich selbst, könnte dadurch verloren gehen. Aber von Stunde zu Stunde sah man immer mehr ein, daß die klugen Japaner, wie sehr auch die Friedenssehnsucht bei ihnen vorhanden gewesen, eingeheimst haben, was ihnen nur der Krieg an Früchten bieten konnte, daß sie nur das aufgegeben haben, was sie infolge der Mittellosigkeit Rußlands doch nicht hätten eintreiben können. Vielleicht war es auch gut, dem russischen Koloß zum Schluß eine kleine Genugtuung zu lassen, so daß Japans Stellung bei den Friedensverhandlungen die des edelmütigen, zugunsten des Friedens auf hohe Ansprüche verzichtenden Siegers war. Wenn irgendje, so hat sich hier ein Gottesgericht vollzogen. Nicht allein über die Vergewaltigungen, die den Juden zuteil geworden sind, sondern über gewisse neue Anschaungen, die man dem Geist der Bibel, dem der Religion und damit der Grundlage des Judentums entgegengesetzt hat. Das Recht des Stärkeren hat ohne alle neuere Wissenschaft von jeher geherrscht. Die freie Persönlichkeit hat, wenn sie dem Gesetz und der staatlichen Ahndung sich entziehen konnte, zu allen Zeiten ohne Rücksicht den eigenen Leidenschaften und dem eigenen Vorteil gefröhnt. Wer sich nicht halten konnte, mußte verschwinden, und konnte nur dann auf Rücksicht von seiten des Stärkeren rechnen, wenn es sich mit dessen Vorteil vertrug. Aber in neuerer Zeit hat man diese Tatsachen mit wissenschaftlichen Mäntelchen verbrämt und eine Lehre menschheitlicher Veredelung durch Ausschaltung der Schwachen und Unglücklichen daraus gemacht. Die Unterordnung unter ein Sittengesetz, die Betonung der Menschlichkeit und Duldung, die Rücksicht gegen den Fremdling, gegen den Schwächeren, hat man nicht als das Mittel ^ur Verjüngung der Menschheit angesehen, sondern als Reste einer alten Lehre der Schwachheit, welche vor der besseren Einsicht einer „kräftig zugreifenden", einer „gesund ichsüchtigen" Neuzeit verschwinden würden. Hatte man bisher nur verschämt seine Selbsucht wirken lassen, zum mindesten mit der Redensart des Edeln und Guten spielen müssen, so durfte man jetzt offen darüber spotten. Nicht nur der Unglaube, nein! auch die Selbstsucht mußte eine Gottheit mit ihren Forderungen als unnötiges Hemmnis betrachten, Redlichkeit, Wahrheit, Selbstbezwingung, Selbstopferung, Kampf für das Gute (diese Grundsätze des biblischen Geistes) mußten als Torheit erscheinen, und nicht nur Moses, Amos, Jesaia, sondern auch edle Geister wie Schiller (das hat der 100jährige Todestag zur Genüge gezeigt) mußten als Träumer erscheinen und im besten Fall die zweite Stelle einnehmen. Was hat dieser Krieg gezeigt? Auf der einen Seite war scheinbar die Riesenmacht da, die jeder besseren Einsicht unzugänglich blieb: „Weshalb die Schwachen, die Juden, schonen, wenn es unser Vorteil ist, die Volkswut auf sie zu lenken?" Allerdings gehören die Tage von Kischinew, über die man sich leider später nach den neuen Greueln kaum mehr gewundert hat, ins Mittelalter. „Aber was heißt Mittelalter, was Neuzeit? Sind das nicht leere Redensarten? Die Bitten der Armen, der Arbeiter, anhören, wäre eine Pflicht der Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit zugleich. Wer hindert uns aber, mit Flintenkugeln Antwort zu geben, wenn unser Vorteil eine weitere Verschweigung der Tatsachen erheischt? Bestechlichkeit vernichtet den Staat und seine Kräfte. Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Und wenn schon? Was ist uns Staat, was ist uns Vaterland, wenn wir nur unsere Schiffe mit gesunden