Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · p. Seite 494

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 494 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9606849--9534-9606863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 494. Israelitische Wochenschrift. Nr. 36. Feuilleton. Die Macht der Liebe« Von Babctte Fried. (Fortsetzung.) „Nicht so ganz. Verstehe mich recht, mein Kind. Die Grundsätze meines Vaters sind nicht die unsern, werden niemals diejenigen Pauls sein. Wären sie die meinen, so wäre ich nimmer vom Judentum abgefallen, wenn du und Freund Pichler mir auch ein Ministerportefeuille in Aussicht gestellt hättet. Für mich war der Konfessionswechsel nur eine leere Formsache. Daß es dies im Grunde nicht ist, habe ich erst später erfahren, viel zu spät, um noch zurücktreten zu können. Ich habe keine Religion abgelegt, da ich ja nach dem landläufigen Gebrauch keine hatte; ich habe keinen Glauben gewechselt, weil ich keinen andern angenommen habe. Mir ist es gleichviel, ob ich die Synagoge oder die Kirche — nicht besuche, ob ich die christlichen oder jüdischen Feste oder Fallen nicht halte. In meinem Herzen lebt ein Gott, wie er in keiner Konfession verehrt wird, der Gott, der unfaßbar ist, und in keiner äußern Form und Gestalt begriffen werden kann. Mit dem Moment, als ich meinem Vater die Erlaubnis abgerungen hatte, statt wie es bestimmt war, nach Breslau in das Rabbinerseminar zu gehen, die Universität zu Wien zu beziehen, um daselbst Jus zu studieren, mit diesem Moment bin ich in andere, freiere Bahnen getreten. Moses und Jesus, Mohamed und Brahma sind mir nur Männer, die unsterblich Großes geleistet, die das Beste ihres Volkes angestrebt, und trotz mancher Uebergriffe, die sie selbst oder ihre Bekenner sich haben zu Schulden kommen lassen, auch wirklich gefördert haben. Aber mich streng nach der Lehre eines dieser großen Männer zu richten, ist mir niemals eingefallen, wird vermutlich auch unserm Sohn nicht einfallen. — Anders mein Vater. Mit der ganzen Kraft seiner Seele wurzelt er in dem Glauben, in dem er geboren und erzogen wurde, hängt er an seinem Volk, welches gleich ihm um dieses Glaubens willen soviel Schmach und Verfolgungen erlitten hat. Zwar wußte er, daß ich schon während meiner Studienzeit mit den Satzungen seiner heiligen Lehre gebrochen habe, daß ich den Sabbat entweihte, daß ich die Speisegesetze nicht befolgte, daß ich die Fasttage nicht hielt. Für all dies fand jedoch sein väterliches Herz und sein gesunder Menschenverstand eine Entschuldigung. Für meinen Uebertritt wird er keine suchen. Habe ich doch nicht nur einen Glauben verleugnet, den ich im Grunde nicht besessen habe, sondern auch meine Nation, die unbestreitbare Rechte an mich besaß, der zu dienen ich meiner Abkunft zufolge berufen war. Diese Feigheit und Felonie vergibt er mir nie und nimmer. Maria! Gönne ihm als Entschädigung für seinen Verlust die Freude, wenigstens das Kind bei sich zu haben. Wer weiß es, ob sein morscher Körper und gequälter Geist den Zeitpunkt erlebt, in welchem Paul sich zu entscheiden hat. Doch genug für heute, ich habe mich etwas aufgeregt. Fahre du mit Paul allein in den Prater, ich muß mich zu Hause erholen. An einem kalten Morgen, Anfangs Dezember, stieg ein älterer Herr mit jüdischem Gesichtsausdruck die teppichbelegte Treppe zur Wohnung des Gerichtsadjunkten Doktor Schlesinger hinauf. Vor der Tür angelangt, drückte er auf den Knopf der elektrischen Leitung, worauf sich an der Türspalte der Kopf Minnas zeigte, des dienenden Geistes, des sogenannten „Mädchens für Alles" im Schlesingerschen Hause. „Ah, der Herr von Pichler! Küß d' Hand gnä' Herr." „Guten Tag, Minna! Ist die Herrschaft zu Hause?" „Bitt schön, na", erwiderte das Mädchen im Wiener Dialekt. „Der Herr Adjunkt is in sei Bureau gangen und die gnä' Frau is in der Meß." „Hat die gnädige Frau nichts für mich zurückgelassen?" „Ei ja wohl! Kommens nur eini, Herr von Pichler." Herr Pichler trat ins Vorzimmer, dessen Tür Minna wieder abschloß. Vom Herdfeuer gerötet, bot diese das Bild blühender, kräftiger Jugend. Pichler konnte sichs nicht versagen, das hübsche Mädchen beim Kinn zu fassen und ihr mit der andern Hand die heißen Wangen zu streicheln. „Wie hübsch Sie heute sind, Minna", sagte er schmunzelnd, „grad zum Anbeißen." „Lassens Jhna den Appetit vergehn, Herr von Pichler, Habens eh schon wenig Zähn, könntens Jhna noch die an mir außabrechen." Pichler ließ sichs an der, vielleicht nicht einmal ernst gemeinten Abweisung genügen, und fragte in seinem gewöhnlichen Ton: „Wann kommt ihre Herrschaft zurück, Minna?" „Der Herr Adjunkt vielleicht erst zu Tisch, aber die gnä' Frau läßt Herrn von Pichler bitten, im Salon auf sie zu warten. Unter dem Album steckt ein Brieferl, das sollend indeß lesen. I muß in mei Küchel gehen, sunst verbrennt mir alles." „Also gehen Sie, Minna, ich treffe schon allein in den Salon. Ist es dort warm?" „Hab doch gnua gheizt heut in der Frua, daß die Kacheln von der Hitz bald z'sprungen wären." Pichler legte im Vorzimmer seinen eleganten Stadtpelz und Zylinderhut ab und begab sich in den behaglich durchwärmten Salon. Pichler stand im Anfang der Fünfziger Jahre; doch sah man seinem Aeßern das Bestreben an jünger zu erscheinen, als er tatsächlich war. Sich unbeachtet wissend, nahm er fast unwillkürlich eine nachlässige Haltung an, und ließ sich wie müde in einem Fauteuil nieder. Seine Züge verloren ihre Glätte und tiefe Falten bildeten sich auf seinem Gesicht. „Laß mal sehen, was sie wieder von mir will. Eigentlich könnte ich mit den Leuten schon abbrechen. Mein Ziel ist erreicht. Ich habe dem Alten den Dolch ins Herz gestoßen. Ich bin gerächt. Der Brand? Pah, das war damals eine Jugendtorheit, eine ungeschickte Spekulation, deren Erfolg in keinem Verhältnis stand zu der Gefahr, der ich mich durch dieses Experiment ausgesetzt hatte. Ich hätte wissen sollen, daß die Juden niemand gänzlich untergehen lassen, der unverschuldet ins Unglück geriet. Seine Freunde haben ihn wieder flott gemacht. Und die vielfachen Manipulationen, die ich nachher an der Börse ins Werk setzte, um ihn zu ruinieren, haben mich selber große Opfer gekostet, er aber ist aus jeder Krise als ehrlicher, geachteter Mann hervorgegangen, und war bei dem allen im Besitz seines Familienglücks geblieben, seines Sohnes und Weibes, des Weibes, das er mir gestohlen hatte. Jetzt erst ist meine Rache gelungen, voll und ganz — er hat seinen Sohn verloren. Es war ein famoser Einfall von mir, unter dem Deckmantel der Freundschaft diese eitle Närrin zu bestimmen, mir in dem Bestreben behilflich zu sein, ihren Mann zur Taufe zu überreden. Ah, wie wohl ist mir, daß ich den Todfeind nun gebrochen weiß, durch mein Hinzutun!" Das Gesicht Pichlers hatte während dieses Gedankenganges einen wahrhaft mephistophelischen Ausdruck angenommen. Jetzt öffnete er den Brief und las:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.