Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 495 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 495 „Mein lieber Freund! Mein Mann geht mit dem Plan um, Paul den Großeltern nach Böhmen zur Erziehung zu geben. Natürlich paßt mir das ganz und gar nicht, und ich möchte diese Absicht um alles in der Welt vereiteln. Setzen Sie Ihrer Freundschaft für uns die Krone auf. Sie getreuer Eckart, und sinnen Sie einen Vorwand aus, Hans an der Ausführung dieses Entschlusses zu verhindern. Bitte mich zu erwarten. Ihre Maria Schlesinger." Die Falten auf der Stirne Pichlers vertieften sich nach dem Lesen dieser Zeilen noch mehr. „Teufel," murmelte er, „sollte mein Rachewerk doch nur halb getan sein? Sollte der alte Mann noch etwas behalten dürfen, woran sein Herz hängt? Freilich Esther, — die bleibt ihm auf jeden Fall. Ueber diese habe ich keine Macht. Felsenfest steht die Treue dieses Weibes. Nur mir allein hat sie die Treue gebrochen. Doch soll ihr das Leben an der Seite dieses durch den letzten Schlag niedergeworfenen Greises ver- #bittert werden. Fühlen müssen sie, die elenden Seelenhändler, er und sie, alle beide, die Höllenqualen, welche mein verstörtes, einsames Leben begleiten. Der Knabe sollte i,nen zum Trost werden? Nein, sie sollen ihn nicht haben, so wahr ich Heinrich Pichler heiße! Dre Tür des Salons öffnete sich und die Hausfrau trat ein. Sie trug ein enganliegendes schwarzes Tuchkostüm und ein feines Pelzwerk. In der Hand hielt sie ein kleines Gebetbuch, welches sie im Eintreten auf den Tisch neben das Album legte. „Willkommen, Freund," sagte sie, indem sie dem Gast beide Hände zur Begrüßung reichte, warten Sie schon lange hier? Pichler nahm das eine der mit feinen weißen Handschuhen bekleideten Händchen und führte es an seine Lippen. „Immer reizend, meine Gnädige, immer liebenswürdig," meinte er lächelnd. „Wo sind Sie so früh schon gewesen? „Hat es Ihnen die Minna denn nicht gesagt? In der Kirche war ich. Es ist ja Sonntag, der erste Adventsonntag, da werde ich doch die heilige Messe nicht versäumen." „Ei, wie fromm! An Ihnen, meine Gnädige, entdeckt man immer neue, bezaubernde Eigenschaften. Sie glauben gar M nicht, gnädige Frau, wie gut einer Dame Frömmigkeit zu Gesichte steht; sie hat ungefähr, wenn ich mich so ausdrücken darf, den Erfolg eines kosmetischen Mittels." „Sie Schelm," schmollte Maria, indem sie ihm mit den eben abgezogenen Handschuhen einen leichten Schlag versetzte. „Haben Sie meinen für Sie zurückgelassenen Brief gelesen und ein geeignetes Mittel gesunden, womit wir die Absicht meines Mannes durchkreuzen können?" „Nichts leichter als das. Sie haben das einzige Kind und wollen sich nicht von ihm trennen. Daran kann das Gesetz sowohl als der Herr Gamahl nichts Unrechtes sinden. Das ist das Einfachste." „Nicht so einfach, als Sie annehmen," entgegnete Frau Schlesinger nach einigem Zögern. „Es paßt mir eigentlich nicht recht, daß Paul jetzt bei uns im Hause bleibt." Erstaunt blickte Pichler die Sprechende an. Selbst für ihn, der sich in Freundeskreise ganz offen als Cyniker bekannte, war diese Aeußerung einer Mutter, da es sich um ihr einziges Kind handelte, im höchsten Grade befremdend. „Sie sehen mich erstaunt an, lieber Freund. Ich glaub's wohl, daß Sie mich dieses Geständnisses halber für eine lieblose Mutter halten, welche sich ihres Kindes aus Gott weiß welchen Gründen erledigen will. Leugnen Sie nicht," sagte sie weiter, als Pichler einen Versuch zu sprechen machte, „ich sehe es Ihnen an, daß Sie so über mich denken, aber Sie verkennen mich, Herr Pichler! Es sind die verwickelten Verhältnisse, welche mich zu einer Maßregel bestimmen, die Ihnen und gewiß auch Andern unnatürlich erscheinen wird. Die andern muß ich eben denken und sprechen lassen, was sie mögen; ich kann es nicht hindern. Im Grunde läßt mich das Urteil mir gleichgiltiger Menschen über mich und meine Handlungsweise ganz kalt. Von Ihnen aber möchte ich nicht gerne verkannt werden, umsoweniger als ich neuerdings Ihrer Unterstützung bedarf, und zu diesem Zweck Sie auch zu mir bitten ließ. Wollen Sie also geduldig meine Auseinandersetzung anhören. Durch unsere Taufe haben wir unseren gesellschaftlichen Verkehr gänzlich abg brochen, oder vielmehr, — sprechen wir aufrichtig — ist der Verkehr mit uns abgebrochen worden. Sie sind der einzige Jude, der nach wie vor zu uns hält, der unseren notwendigen Schritt billigte. Der Verlust dieser sogenannten Freundschaften kränkt mich wenig. (Fortsetzung folgt.) lljul Mk., 1.20, 1.40, 1.50, 1,60, 1.70, 1.80, 1.90, 2.— pro Ko. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83 und Spittelmarkt 8—10. A. Macher & Co. Inhaber: August Macher, Steinbildhauer. Westendy Neuer Fürstenbrunner Weg. 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