Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 489 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 36. Israelitische Wochenschrift. Seite 489. bereichert, sondern auch mit dem Stachel der Satire des Judentums äußere und innere Feinde bekämpft und verfolgt. Wo viel Licht ist, ist auch Schatten. Daher ist es denn auch nicht zu verwundern, daß auch Aerzte aufgetreten sind, deren Einfluß auf das jüdische Volk und das Judentum weniger günstig gewesen ist. Es hat Männer unter ihnen gegeben, die der Mystik und vor allem der Kabbala mit ihren verderblichen Auswüchsen Vorschub geleistet und dadurch zur Verdunkelung des Judentums beigetragen haben. Zweifler und Wühler unter ihnen haben den Bau des Ueberkommenen zu erschüttern gesucht, haben skeptische Meinungen ausgesprochen selbst über die Bibel und die Art, wie sie entstanden ist und haben nicht nur vielfach zum Abfall vom Judentum Veranlassung gegeben, sondern sind selber von ihm abtrünnig geworden und haben den Glauben und das Volk, in dem sie ausgewachsen waren, angegriffen und Verleumdet. Andererseits aber hat es auch nicht an solchen gefehlt, welche durch ein zu zähes Festhalten am Alten und Nebensächlichen und durch ihren Widerstand gegen eine Versöhnung des Judentums mit der Philosophie und den modernen Wissenschaften die geistige Läuterung desselben aufgehalten und die äußere Befreiung der Juden verzögert haben. Allein, die Aerzte, welche in dieser Weise dem Judentum und ihrem Volke geschadet haben, sind doch nur vereinzelt und haben keinen nachhaltigen Einfluß auszuüben vermocht. Was dagegen jene für ihre Glaubensgenossen geleistet und errungen haben, das hat ihnen in der Geschichte ihres Volkes ein Denkmal gesetzt, dauernder als Erz und Stein. Mögen die Jünger der Heilwissenschaft auch in der Jetztzeit, wo die Sonne der Humanität und Gedankenfreiheit ihre belebenden Strahlen in früher nie geahnter Weise auch auf Judas Söhne ergießt, niemals aushören, die nationalen Erinnerungen zu bewahren und zu pflegen und das Banner jüdischer Treue und jüdischen Glaubensmutes hoch zu halten, zu beschützen und zu verteidigen. Gedanken und AusWchk lirniliwtiT Mi,„er über Inden und Judentum. Es ist unbestreitbar, daß in jüdischen Kreisen vielfach eine gewisse Sucht nach schnellem Reichtum, ein gewisses nervöses Andrängen nach äußeren Ehrenstellen sich geltend macht, daß sie sich zusammendrängen in den großen Städten, daß sie einen Zusammenhang, ein gegenseitiges Abschließen in gewissen Kreisen aufrecht erhallen, welches sie uns fremder stellt. Es ist vollkommen richtig, daß damit in gewissen jüdischen Kreisen Charakterzüge aufrecht erhalten bleiben und fortgepslanzt werden, die uns subjektiv nicht angenehm und die objektiv durchaus nicht lobenswert sind. Allein, wir fragen diesen Anklagen gegenüber: verlangt man denn Wunder vom Himmel? Wie, wir sollen die Juden mehr als ein Jahrtausend geknechtet, mit Füßen getreten, wir sollen sie nach Bedarf totgeschlagen, wir sollen sie ausgestoßen haben aus unserer nationalen Gemeinschaft, aus unserer Ehegemeinschaft, wir sollen sie gezwungen haben, gewisse bürgerliche Erwerbszweige ganz ausschließlich zu betreiben — und dieser mehr als tausendjährigen Vergangenheit gegenüber will man die Forderung aufstellen, daß die Rückwirkung derselben mit einem Schlag beseitigt sei! Eine derartige Anforderung geht schlechterdings gegen die Natur der Sache. Kennen wir nicht die Lage der Griechen im Orient, bte Geschichte der Fanar in Konstantinopel, wissen wir nicht, daß nicht etwa die Herrscher und Unterdrücker derselben, daß objektive Beobachter dieser griechischen Rasse genau die nämlichen Untugenden, genau die nämlichen Mißstände und Aergernisse, Wort für Wort, Zug um Zug nachsagen, die heute gewissen Kreisen der jüdischen Gesellschaft nachgesagt werden? Vor allen Dingen, es verstößt dies gegen jede Billigkeit. Und weil diese Anforderungen und leidenschaftlichen Angriffe gegen jede Billigkeit und gegen die Natur der Sache verstoßen, darum konnte die (antisemitische) Bewegung nicht auf dem Punkt festgehalten werden, der voraussetzt, als ob es sich um eine Bewegung gegen Mißstände und Aergernisse, die hier oder dort im Judentum hervortreten, handele, sondern die Bewegung hat sich ganz einfach und rund gegen das Judentum als solches gerichtet,-sie ist rund und voll übergeleitet in die Frage der Rasse. Dies ist nach meiner Ueberzeugung die aufreizendste, die tiefgreifendste, — ich scheue mich keinen Augenblick, zu sagen, die perfideste Wendung, die diese Sache annehmen konnte. — — Aber sie ist meiner festen Ueberzeugung nach geradezu ein Schlag ins Gesicht gegen das oberste und vornehmste, gegen das königliche Gebot des Christentums, — jenes Gebot, dessen Anwendung auf die vorliegende Frage jedem schlichten Verstand und jedem einfachen Herzen zweifellos ist — das Gebot, welches lautet: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Reichstagsabg. Prof. Tr. Albert Hänel am 20. November 1880 im Preußischen Abgeordnetenhause. * * * Das älteste kosmopolitische Volk der Erde ist das hebräische. Seine rätselhafte Tat lange vor Sokrates, Seneca und Epictet, vor Alexander, Paulus und Marc Aurel, war die Entdeckung der Einheit des physischen und moralischen Kosmos, mit einem Wort der Monotheismus. Die mosaische Genesis hat den höchsten metaphysischen Begriff vom Menschen aufgestellt, nämlich, daß er das Ebenbild Gottes oder der Sohn Gottes sei. Alle Menschen haben demnach, der jüdischen Schöpfungsmythe gemäß, an dieser Ebenbildlichkeit Teil, und daraus fließt die Anerkennung der Menschenwürde überhaupt, wie der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Nachkommen Adams. — Die Mission des Judentums war es, den Schatz der reinen theistischen Vorstellungen zu sammeln und in seiner Bundeslade zu hüten, um ihn dann der Menschheit zu überliefern. — Das tragische Schicksal der Juden, in der Zerstreuung unter allen Völkern der Erde ewig fortzudauern, ist so beispiellos, daß es der christlichen Sage als die Wirkung des göttlichen Fluches erschien. Die Anhänger des Moses überlebten, leidend aber nicht handelnd, die Wandlungen der Geschichte, die furchtbaren Katastrophen der Jahrhunderte. Sie vermochten das nicht aus der Kraft der Rasse, sondern aus der Energie ihres keine Assimilierung duldenden Glaubens. Dieser machte den Verlust des Vaterlandes erträglich, wenn er dasselbe auch nicht ersetzen konnte, und niemals auf Erden ist ein stärkeres Zeugnis von der Echtheit religiöser Urkunden gegeben worden. Ferdinand Gregorovins. * * * Die herrlichste Frucht des Judentums ist die stets opferwillige Wohltätigkeit. Nie, nie haben sie ihre Hand verschlossen, nie die Gabe geschmälert, nie uns es entgelten lassen, was wir ihnen angetan, meine jüdischen Freunde, wenn ich für humane Zwecke Beiträge sammelte. Und ich gewann die Ueberzeugung, daß das Gebot des göttlichen Meisters von ihnen im schönsten und reinsten Sinne befolgt wurde, das Gebot, das da lautet: „Segnet die, die euch fluchen, tuet Gutes denen, die euch verfolgen". Dieses Gebot aber ist christlich,