Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 488. Israelitische Wochenschrift. Nr. 35. Mission zu erfüllen halte, es ist ein Rätsel, wie es deren ja so viele gibt in dem wunderbaren Werdegange, den das Judentum im Laufe der Jahrtausende genommen hat. Viel hat sicherlich der Umstand dazu beigetragen, daß die Gesetzeskundigen im jüdischen Volke, die ja stets unter ihren Glaubensgenossen eine maßgebende Stellung einnahmen, vielfach die Heilkunde als Brotstudium getrieben haben, weil sie für die Auslegung der Gesetze und den Uüterricht darin lange Zeit hindurch nicht besoldet wurden. Dabei sind sie wohl immer mehr zu der Einsicht gelangt, wie sehr sie als Aerzte den Schlüssel in Händen hatten für die Herzen derjenigen, welche die Geschicke der Juden beeinflußten, und wie sie dadurch nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, sondern vor allem zugunsten ihrer Stammesbrüder wirken konnten. Freilich, wenn auch die Heilkunde schon seit uralten Zeilen unter den Juden gepflegt wurde, so deutet doch nichts darauf hin, daß der Stand der Heilkünstler in der Jugendzeit des israelitischen Staatslebens irgend welche Vorrechte unter den übrigen genossen hat. Bekanntlich war die ärztliche Wissenschaft in den Kreisen der Leviten heimisch, vielleicht, weil der Opferdienst, den sie zu verrichten hatten, sie mit dem Bau des tierischen Organismus bekannt machte und ihnen analoge Schlüsse nahe legte auf den Menschen und seine innere Körperbeschaffenheit. Allein, das Ansehen der Leviten unter den übrigen Stämmen war nicht sehr groß, da sie größtenteils arm und ohne Landbesitz waren und ihre Einkünfte lediglich in dem Zehnten und den sonstigen Beiträgen für den Kultus bestanden, welche die übrigen Stämme zu leisten hatten. Dazu kam, daß der Aberglaube, der durch Jahrhunderte die Gemüter der Juden in den alten Zeiten beherrschte, viele Krankheiten auf die Einwirkung schädlicher Dämonen und sonstiger zauberischer Einflüsse zurückführte, so daß man, anstatt zur Beseitigung von hartnäckigen Lähmungen, von Aussatz, von anhaltenden Blutungen usw. den Rat des Arztes zu suchen, sich lieber an die Dämonenbeschwörer wandte, deren es besonders unter den Essäern viele gab, damit sie nach den Vorschriften des Salomonischen Geheimbuches (Sefer Refuöt) die bösen Geister austreiben und dadurch das Uebel beseitigen sollten. Natürlich wurde dadurch die Achtung vor dem ärztlichen Stande bei der Menge nicht gerade gehoben. Sodann gab es damals unter den frommen Israeliten viele, welche die Heilkunst verschmähten und als ein sündiges Tun betrachteten, weil die körperlichen Leiden nur durch Gebet zu Gott abgewendet werden sollten. Jesua Sirach war es unter anderen, der demgegenüber, freilich mit wenig Erfolg, betonte, daß die Aerzte und ihre Mittel notwendig und daß auch sie von Gott zu diesem Zwecke geschaffen seien. Allmählich jedoch hat die Heilkunde mit fortschreitender Erkenntnis auch bei den Gesetzeslehrern Pflege gefunden, und diese, welche die Geister ihres Volkes beherrschten, haben denn auch die ärztliche Wissenschaft im Laufe der Zeiten auf eine höhere Stufe der Anerkennung und der Wirksamkeit gebracht. Das schildert uns nun der Autor in 12 Kapiteln, von den ersten Anfängen unserer Geschichte an bis auf die Neuzeit und faßt schließlich die Ergebnisse seiner Studien in folgendem Resümee zusammen: Wenn wir die Summe dessen ziehen, was die jüdischen Aerzte für ihr Volk geleistet, und wie sie das Judentum in seiner äußern und innern Entwicklung beeinflußt haben, so kann die medizinische Kunst, die ja an sich in ihrer Ausbildung und Pflege auf wirklich wissenschaftlicher Grundlage den Juden soviel zu verdanken hat, mit Stolz und Genugtuung auf dasjenige blicken, was ihre Söhne auch auf andern Gebieten des Lebens Hervorragendes geschaffen und gewirkt haben. Sie haben in ihrer überwiegenden Mehrzahl stets hervorgeleuchtet als Vorbilder rein menschlicher Tugenden und Vorzüge, sie haben ihre Glaubensbrüder auf die Wege des Guten und Schönen geleitet, und wo sie eine größere Macht und bedeutenderen Einfluß in Händen hatten (als Leibärzte, als Staatsmänner und Ratgeber der Könige und der Großen) haben sie diesen in selbstloser Weise dazu gebraucht, um ihre Stammesbrüder zu beschützen und zu verteidigen, um sie auf eine höhere Stufe der Kultur und der Gesittung zu heben, um die Talente zu unterstützen und Dichtkunst und Wissenschaften zu fördern und zu begünstigen. , Sie haben als Rabbiner und Kanzelredner religiösen Sinn zu wecken gesucht und nicht nur auf die Ausübung der Religionsvorschriften seitens ihrer Gemeinden, sondern auch auf die Betätigung der menschlichen und bürgerlichen Pflichten und Aufgaben hingearbeiter. Die Bibelauslegung und das Talmudstudium haben sie mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit betrieben und waren tätig bei dem Ausbau und bei der Vervollkommnung der jüdischen Zivilgesetzgebung. Sie haben Uebersetzungen wissenschaftlicher Werke aus fremden Sprachen ins Hebräische oder aus diesem in die Landessprache bewerkstelligt und verbreitet und haben sich ausgezeichnet in der hebräischen Sprachkunde und Literatur. Ihre astronomischen Kenntnisse haben sie zur Einrichtung von Festkalendern benutzt. Als Geschichtsschreiber suchten sie darzulegen, daß nicht der Zufall in der Weltgeschichte sein Spiel treibe, sondern daß eine höhere Hand das jüdische Volk durch Leid und Trübsal geleitet hat, damit es nicht Nachlasse in der Erfüllung der heiligen Aufgabe, Träger einer wahren Gotteserkenntnis, einer reinen und lautern Gesinnung und Gesittung zu sein.. Die vielfachen feindseligen Angriffe gegen das Judentum und besonders gegen den Talmud haben sie mit Nachdruck und Eifer abgewehrt und haben ihrerseits die schwachen Punkte des Christentums gegenüber den unangreifbar festen Religionslehren des Judentums aufgedeckt und beleuchtet. Ja, sie haben sogar die Qualen der Tortur und den Tod des Scheiterhaufens mutig und standhast erlitten, als Märtyrer für ihre Ueberzeugung und für die heilige Sache des jüdischen Glaubens. Sie waren Philosophen und haben als solche die Probleme der Metaphysik von verschiedenen Standpunkten aus zu lösen gesucht. Sie haben insbesondere Betrachtungen angestellt über das Verhältnis des Juden zu seinem Schöpfer, über die Bedeutung der Religionspflichten, über den Wert der philosophischen Spekulation und ihre Beziehungen zum Judentum. Alsdann suchten sie die Ergebnisse des philosophischen Denkens mit dem Lehrinhalte des Judentums in Einklang zu bringen und haben mit dem klaren Lichte der Naturwissenschaften hineingeleuchtet in alle Winkel und Ecken des Glaubensgebäudes, welches die Väter des Judentums errichtet hatten, haben den Schutt und den Moder, welcher sich im Laufe der Zeiten angesammelt hatte, hervorgezogen und haben versucht, überall die alte Reinheit und den früheren Glanz wiederherzustellen und den frischen Luftzug, der in den Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschungen atmet, durch jene Räume hindurch zu führen, in denen soviel lauteres Gold ewiger, unverbrüchlicher Wahrheiten aufbewahrt ist Endlich haben sie als Dichter den Versbau ausgebildet und einen wohlklingenden Reim geschaffen und haben in nationalreligiösen Dichtungen Israel und seine Heiligtümer, seine Vergangenheit und Zukunft besungen und die hohen Aufgaben desselben verklärt und gepriesen. Sie haben nicht nur die Liturgie durch schwungvolle, innig-tiefe poetische Schöpfungen