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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · p. Seite 485

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35. Israelitische Wochenschrift. Seite 486. schwinden scheint, gegen einen Geist verteidigt, der sie zu ent- | wellen und uns jeden Anteil an ihr zu rauben sucht? Halten wir es für das Wichtigste, daß die Thora wieder unsere Thora werde, daß die Propheten Israels wieder zu uns gehören sollen, oder lassen wir uns in der Liebe zur Bibel und in den Bemühungen um ihre Geheimnisse von Nichtjuden übertreffen? Genügt es uns, den Talmud volltönend zu nennen und sehen wir es als seine Vertreter ruhig mit an, wie er, abgesehen von einigen immer wieder heruntergebeteten Gemeinplätzen, immer mehr vergessen wird? Setzen wir allen Versuchen zu seiner geschichtlichen Belebung Gleichgiltigkeit, ja, Haß entgegen unv suchen sie mit allerlei schöntönenden Worten zu hindern? So ist der Ernst der Zeit vergebens an uns herangetreten, so zittern wir innerlich vor dem entschiedenen Geltendmachen jüdischen Geistes, desselben Geistes, den wir angeblich vertreten. Alle unsere Bestrebungen haben nur dann einen Wert, wenn, wie in jeder anderen Religion, die Hauptglaubensquellen das erste und letzte sind. Billig abfinden kann man sich nicht mit dieser Forderung, sie kann nur ganz erfüllt werden oder gar nicht. „Ihr werdet einst den Jordan durchschreiten", ruft Moses auch uns zu. Und wenn nun die bessern von uns erwarteten Zeiten werden herangekommen sein? Wird es dann von uns heißen: „Nun sollt Ihr in Sicherheit wohnen?" Werden wir dann gefeit sein gegen alle Wechselfälle des Lebens und der Geschichte, werden dann die Gegner verschwunden sein? „Dann müßt Ihr in dem Lande wohnen, das der Ewige Euch gegeben hat", in dem Bewußtsein, daß das Gebiet des von uns erlangten Glückes sein Eigentum sei, daß nur diese Erkenntnis uns stete Vorsicht gebieten kann. „Er wird Euch Ruhe verschaffen vor den Feinden ringsumher", der Gottesgedanke, der sich nicht mit ein paar sittlichen Redensarten abfindet, sondern dem Glauben an ein wirklich vorhandenes Wesen entspricht. Wenn Gott in uns, nicht als abgeblaßtes Denkergebilde, lebendig wird, dann werden wir seine Forderungen gern im Leben anwenden und so zur Beseitigung aller Anklagen gelangen. Nicht durch ein fremdes Gewand, das wir uns und unserem Heiligtum anziehen, nicht durch klägliches Verhüllen unserer Eigenart und unseres Schrifttums, sondern durch unentwegtes, zugleich bescheidenes Hervorkehren dessen, was wir sind, noch mehr dessen, was wir sein sollen. Mögen unsere Großen, unsere Geisteshelden, wenn sie in unsere Mitte treten, nicht uns zu beglücken glauben und uns gegenüber pochen auf ihre Hoheit und Würde oder gar dem Geiste Israels gegenüber auf ihren Geist. Dann erreichen wir das Ziel nicht, dann werden wir jene Großen in besserer Zeit nicht in unserer Mitte sehen, wie sie sich vor Beginn der Anfeindungen auch von uns ferngehalten haben. „Wollt ihr in Sicherheit wohnen, so bringt Eure Opfer nach dem Orte hin, den Gott erwählt hat, seinen Namen dort thronen zu lassen." Der Einzelne soll also auf den Mittelpunkt des Glaubens und der Gesamtheit blicken. Seine persönliche Ehre, seine Neigungen, seine Sonderzwecke, seine Augenblickslaunen haben zurückzutreten — denn ein Altar blüht ihm opferheischend an heiliger Stätte entgegen. Nicht an den Genuß, vielmehr an das Opfer mahnt der Altar. Wer imstande ist, heimlich über den Gedanken des Opfers zu spotten oder wer sein Verweilen in Israel selbst schon als großes Opfer ansieht, der ist zum Kampfe für Israel ungeeignet. Was ist das für eine Stätte, wo Gott seinen Namen thronen läßt? War es der Tempel Zions von Holz oder Stein? Ja, sobald der Geist darin wohnte; war der verschwunden, so sank Tempel und Reich, selbst das Allerheiligste — nur der Inhalt der Bundeslade, Tafeln und Thorabuch blieben, und mit ihnen der Eifer, sie zu erkennen, die Treue, welche Tausende für sie sterben ließ. Der Geist hat Israel erhalten und kann es nur weiter. Was wir auch für Israel tun wollen — hören wir auf, schöpferisch die mündliche und schriftliche Lehre zu durchforschen, so verschwinden wir. Unsere geschichtlichen Blütezeiten waren zugleich die Zeiten großer Geisteshelden, deren höchstes Ziel (haben wir nicht Maimonides und Raschi gefeiert?) Thora und Talmud waren; darum waren sie nicht geringere Denker. Wer von diesem Bewußtsein erfüllt ist, der wird diese unsere Geistesgüter zum Mittelpunkt seines Strebens machen. Werden wir keine Empfänglichkeit finden? Wir sagen das wohl. Haben wir es schon versucht? Wem es vergönnt war, dies vertrauensvoll zu erproben, der weiß, daß die Volksseele Israels sich freudig dem Strahl der Belehrung zuwendet, daß keine Richtung, keine Entfernung von derselben ihr die Liebe zur Thora hat rauben können. Fort mit der Halbheit, der Mattherzigkeit! Auf zur Tat! Nicht zur scheinbaren, sondern zur wirklichen! An Gott glauben, heißt an die Wirkung seines Wortes, heißt an Israel glauben. Ohne diese Losung wären die Großen der Vorzeit nichts gewesen — geschweige denn wir Kleinen! Mit diesem Geiste können und müssen wir auch Liebe zu unserer Gesamtheit gewinnen; dieser Geist wird uns auch keineswegs dem Boden unseres Erdenwirkens entziehen. Wohl aber werden wir in ihm „die Ruhe" selbst in den Stürmen des Lebens, „das Erbe" finden, das uns nicht mehr verloren gehen darf, so wird Israel, so wird aber auch die Thora durch unser Wirken (aber nicht ohne dies!) „in Sicherheit wohnen!" Uelm die Rechtsstellung der |iii>ili1ini Gemeinden in Prentzen (Fortsetzung.) II. Was die höhere Stufe des Gemeindeorganismus betrifft, so ist zu unterscheiden zwischen dem Vertretungskörper, also der Synode und dem Verwaltangsrat. In dem Verwaltungsrat, der die kleinere Mitgliederzahl erhält, wird naturgemäß das Verhältnis der Geistlichen zu den Laien sich etwas zugunsten der ersteren verschieben müssen, weil sonst der Körper zu groß wird. Ich denke mir also ungefähr, daß wir in den Verwaltungsräten, also im Provinzialsynagogenrat und im Obersynagogenrat, eine Beteiligung der Rabbiner zu einem Drittel vor uns haben werden, während 2/3 Laien berufen werden, und daß in den Synoden den Geistlichen etwa bis x/5 der Sitze einzuräumen sein wird, sowie wir z. B. in der Landessynode Badens 5 Geistliche und 20 oder jetzt 21 Laien haben. Nun sehen wir, nachdem wir das zweite Problem erörtert haben, die Sache schon etwas greifbarer vor uns: Wir haben in der Gemeinde, dem Rabbinatsverbande, den Ortssynagogenrat, Ortsverwaltungsrat, in welchem mit beschließender Stimme der Rabbiner in religiöse Angelegenheiten eintritt, und wir haben einen Vertretungskörper, der aus Wahlen hervorgeht; über diese Wahlen werde ich später, bei Erörterung des vierten Problems noch etwas zu sagen haben. Wir haben dann eine höhere Stufe, die Provinzialstufe, und hier den Provinzialsynagogenrat, in welchem Laien und Geistliche vereinigt sind, und zwar wird.

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