Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 474 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 474. Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. gemeinde darauf gegründet, daß dieselbe als Unternehmer des rituellen Schlachtens anzusehen ist. Damit ist aber die Anmeldepflicht noch nicht begründet Denn nur jeder „Unternehmer eines oersicherungspflichtigen Betriebs" ist nach § 56 GUG. zur Anmeldung verpflichtet. Ein versicherungspflichtiger Betrieb ist aber nach § 1 GUG nur ein Gewerbebetrieb, hier der Betrieb eines Fleischereigewerbes, das ist ein gewerblich betriebenes Fleischereigeschäft. Von einer Religionsgesellschaft, welche kulturelle Einrichtungeu zur Erfüllung religiöser Vorschriften schafft, wie hier die Anstellung ' eines Kultusbeamten zum rituellen Schlachten, kann unmöglich gesagt werden, daß sie damit ein Gewerbe betreibt. Dies ist aber nach Wortlaut und Tendenz des GUG. die unbedingte Voraussetzung der Anmeldepflicht. Dieser unseres Erachtens durchschlagende Grund in unserer Beschwerde ist in dem Bescheide vom 11. Juni 1905 einer Erörterung nicht unterzogen. Daß der Beamte bei Vornahme des rituellen Schlachtens sich gefährden kann, ist nach dem Gesetze nicht von Belang. Das GUG. will sich nicht auf alle gefährlichen Maßnahmen erstrecken, sondern nur auf solche, die innerhalb eines Gewerbebetriebs Vorkommen können. Es widerstrebt unserem religiösen Empfinden, daß wir infolge von Kultuseinrichtungen, die vom Religionsgesetz vorgeschrieben sind, als Unternehmer von Gewerben charakterisiert werden sollen, während sprachlich, ökonomisch und gesetzgeberisch nur ein auf Erwerb gerichtetes Unternehmen als Gewerbe bezeichnet werden kann. Konsequenterweise müßte man auch die katholischen und evangelischen Religionsgesellschaften für verpflichtet erachten, z. B. ihre Leichenträger zur Unfallversicherung anzumelden als Unternehmer eines Fuhrwerksbetriebs (§ 1 Nr. 4). Für etwaige Unfälle des betreffenden Kultusbeamten sorgen wir ausreichend allein. Wir haben übrigens kein Recht, jemandem das rituelle Schlachten zu untersagen. Hiernach ersuchen wir ergebenst: Diesen prinzipiellen Fall einer erneuten Prüfung zu unterziehen und eine Entscheidung in diesseitigem Sinne zu treffen." Ein Bescheid hierauf ist bis jetzt noch nicht eingegangen. Hrdankkli und Ausssilüche limilmiti'r Männer über Inden und Judentum. Das Leben hat mich mehrfach in engere Beziehung zu „Juden" gebracht, die ich nach ihrer Charakter- und Gemütsbildung den edelsten mir bekannt gewordenen Menschen beizählen muß, und schamerrötend würde ich nicht wagen können, ihnen ins Gesicht zu sehen, wenn ich mich im Sinne des Antisemitismus über ihre Stammesart als solche ausspräche. — Wilhelm Jensen. * * * Ob Jude oder Christ — Die Wahrheit liegt inmitten: Der beste Mensch, er ist Erkennbar an den Sitten. Mar: Kretzer. * * * Unter allen den Irrungen des neunzehnten Jahrhunderts erscheint der Antisemitismus als die widerwärtigste. Robert Keil. * * * Für mich ist „Antisemit" und „Ungebildeter" ein Wort. Joseph Freiherr von Doblhoff. -i- * * Die jüdische Religion ist ein alter Stamm, und die beiden Zweige, die er getrieben, der Muhamedanismus und das Christentum, erstrecken sich über die ganze Erde. Oder sie ist vielmehr eine Mutter, welche zwei Töchter geboren, die ihr tausend Wunden geschlagen haben; denn die nächstverwandten Religionen sind die bittersten Feindinnen. Aber wie übel sie auch von ihnen behandelt worden, wird sie doch nicht müde, sich zu rühmen, daß sie sie zur Welt gebracht hat. Sie bedient sich der einen wie der anderen, um die ganze Welt zu umfassen, während andererseits ihr ehrwürdiges Alter alle Zeiten umfaßt. Montesquieu: Persische Briefe. 60. Brief. -i- * * Weil ich ein Christ bin, und für die erste Pflicht erachte, mit aller Macht am Christentum festzuhalten, würde ich die Erziehung oder Bevormundung meiner Kinder niemals einem Juden überlassen. Dagegen könnte ich sehr wohl einen gebildeten, edlen Juden als Freund hochschätzen, und ihm, soweit die Glaubensfrage unberührt bliebe, in allen übrigen Angelegenheiten des Gewissens wie der bürgerlichen Ehre vollste Bruderstellung einräumen. Wollte man diesen persönlichen Standpunkt erweitern und seine Konsequenzen auf das Staatswesen ausdehnen, so würde sich daraus wahrscheinlich die richtige Stellungnahme zur Judenfrage ergeben. — — Prinz Emil zu Schoenaich-Earolath. * * * Das Schreckgespenst einer Hegemonie des semitischen Kapitals, wie dasselbe sich in der nervösen Phantasie antisemitischer Hellseher manifestiert, kann nur dann eine reale und wirklich bedrohliche Form annehmen, wenn man sich christlicherseits konsequent dagegen verschließt, aus dem glänzenden Beispiel, das uns die Semiten auf merkantilem und kommerziellem Territorium bis jetzt geben, Kapital für sich zu schlagen. Alexander, Freiherr von Pawell-Rammingen. * * * Meines Erachtens liegt der Schwerpunkt der ganzen Frage gar nicht im religiösen Gebiet, sondern in dem instinktiven Haß der Unbefähigten gegen die Befähigten, der Armen gegen die Reichen, der Behäbigen gegen die Rührigen, * * * Mir ist es unbegreiflich, wie Judentum und Antisemitismus noch offene „Fragen" sein sollen. Wie sehr ich das Ehrenwerte und Tüchtige im Judentum zu schätzen weiß, habe ich an anderer Stelle — durch die Gestalt des Jsachar in dem Schauspiel Lanzelot — bereits dargelegt. Und so wiederhole ich auch, daß ich den Antisemitismus für etwas nur abgeschmacktes und törichtes halte-. Otto Roquette. * * Ich werde nervös, wenn ich nur das Wort „Antisemitismus" höre. Eine solche Quantität Menschendummheit und Menschenniedrigkeit in einem Begriff eingeschlossen, raubt mir momentan die Fassung und ich zittre vor Erregung. Die Ruhe kommt mir erst wieder, wenn ich mir klar mache, daß wir es mit der pöbelhaften Ausschreitung einer absterbenden Menschheitsperiode zu tun haben. Karl Henckell. * * * Ich erkläre mir die jetzige Steigerung der Judenhetze durch das den meisten Menschen angeborene Bedürfnis, Jemanden zu hassen und zu verfolgen. Und die Juden eignen sich so vortrefflich dazu! — — Wenn gewisse Juden persönlich schädlich sind, sollen dafür nicht die schädlichen als schädliche, sondern alle Juden als Juden büßen! Prof. Dr. I. Baudouin de Courtenay.