Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- Seite 472 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 472. Israelitische Wochenschrift. Nr. 34. davon!" Ich fühlte mich sehr gehoben, als ich von dem biederen Sohn Albions erfuhr, wie weit wir es in der Bibelwissenschaft gebracht haben, so daß wir als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens gewiß bald unsere Wellhausen, Gunkel und Steuernagel belehren werden, damit die Bibelkenntnis nicht aus der Welt verschwinde. Glauben Sie nicht, daß ich etwas verraten habe. Denn ich liebe unseren guten Namen zu sehr. C. G. Montefiore mit einem Preise für eine streng biblische Frage! Er macht seinem Namen hier, wie auch sonst überall Ehre. Mein Mann empfahl sich zu seinem Bedauern, denn er hatte mir noch viel zu sagen. Es tat mir leid. Ich hätte gern von ihm noch gehört, wie bei uns in Deutschland jeder reiche Jude ein Montefiore in noch viel höherem Sinne wäre und jährlich mehrere Preise aussetzte; weshalb auch so viele Werke über Bibelwissenschaft allmonatlich bei uns in Deutschland hervortreten. — Am 10. August feierte Mrs. Lionel Lukas ihren 70. Geburtstag. Seit 1862 Witwe, hat sie während ihres ganzen Lebens regen Anteil an vaterländischen und jüdischen Angelegenheiten genommen. Als Vorsitzende des Ladies conjoint visiting Comittee (Bikkur-Cholim-Frauenverein) hat sie für eine entschiedene Durchführung täglicher Krankenbesuche durch dazu angesetzte Pflegerinnen ihre Kraft eingesetzt. Sie baute zu ähnlichen Zwecken und um diese Ziele verfolgen zu können, das Victoria House. Sie weiht ihre Kräfte dem Witwenunterstützungsverein, ist Schatzmeisterin des Frauenwohltätigkeitsvereins für Westend und Ehrenschriftführerin der Jewish Ladies Benevolent Institution. Auch hat sie eingehend mit dem Unterricht und der Ausbildung der jüdischen Jugend sich beschäftigt und gehörte dem Ausschüsse der jüdischen Freischule an. Dabei hält sie fest am alten Judentum und tritt mit ihrem Einfluß dafür in die Schranken, wo man sich Eingriffe erlauben will. Als gute Engländerin will sie doch die heilige Sprache dem Gottesdienst erhalten wissen. Den Bau von Gotteshäusern hat sie mit Opfern unterstützt. Kein Wunder, daß sie sich freute, bei Grundsteinlegungen und Einweihungen zugegen zu sein. Dann sprach sie es auch aus, daß der Sabbatgottesdienst ihr höchstes Glück sei; daß sie sich glücklich schätze, ihren Kindern die Herrlichkeit des Judentums zum Bewußtsein zu bringen, damit sie zu gleicher Zeit dem Judentum und dem Vaterlande ihre Anhänglichkeit beweisen können. Es ist selbstverständlich, daß ihr 70. Geburtstag die Empfindungen weitester Kreise für sie zum Ausdruck kommen ließ. — Der englische Jude weiß denn auch Vaterlandstreue und Judentum unentwegt zum Ausdruck zu bringen. Als ich einem alten Zeitungsleser mein Mißvergnügen über die englisch-französische Annäherung mitteilen wollte, unterbrach er mich lebhaft: „England und Frankreich sind die freiheits- und judenfreundlichsten Staaten Europas. Woher kam eine Zeitlang der Antisemitismus in Frankreich zum Wort? Weil es mit Rußland liebäugelte! Die Liebe ist etwas kühler geworden!" Er verstand meine Empfindungen gar nicht und nahm es mir ernstlich übel, daß ich mich nicht ebenso wie er über die Freundschaftsbezeugungen zwischen Eduard und Loubet freuen konnte. Vaterland und Judentum führt der englische Jude gern vereint im Munde. Das wissen die höchsten Kreise auch. Balfour äußerte kürzlich, seine im Unterhause ausgesprochene Ansicht ergänzend, er bewundere die Juden, verabscheue den Antisemitismus, halte ihn für ein Nebel; man müsse jedem Anwachsen desselben entschieden entgegentreten. Dabei macht sich das russisch-polnische Judentum auch wirtschaftlich geltend. Um ein Fach zu erwähnen — Möbel- und Wohnungsausstattung. Unter 48 045 Engländern dieses Fachs (in England und Wales) gibt es 4615 Ausländer, darunter 3022 Russen und Polen. Diese „Fremden" sind eifrig, lernbegierig, und sie wenden die in der Heimat gewonnenen Fähigkeiten mit aller Kraft an. Um nicht trocken zu schließen, teile ich ihnen noch mit, daß Mr. I. Wolff in der diesjährigen Schwimmzeit von Blackwall nach Gravesend in 5 Stunden 7 Minuten gelangt ist; zweimal hat er den Weg von Dover nach Ramsgate gemacht (26 englische Meilen), von Margate Jetty nach Herne Bap und zurück (29 Meilen). Jedesmal ist beim Abgang eine ungeheure Menge von Zuschauern zugegen! Zurufe erschallen beim Abschied; die Rückkehr wird geduldig abgewartet. Er langt an, seine Gattin ist in der Nähe. Der Wagen, der ihn aufnehmen soll, wartet. Er steigt mit seiner Gattin ein — die Pferde werden von der Volksmaffe ausgespannt. Nun, Sie wünschen, daß ich auch ausspanne, was hiermit gehorsamst geschieht von Ihrem ergebenen . . . German. Hus frankrcicb. Der Wegfall der regierungsseitigen Unterstützungen an die jüdischen Gemeinden ruft schwere Fragen hervor. 1901 gab der Staat 27 375 Franks, 1904 stieg die Summe auf 54 828 Franks. 1903 betrugen die Konsistorialausgaben 185 204 Franks, 1904 dagegen 213 262. 1905 wird die Summe noch bedenklich steigen. Ungefähr ein Drittel scheint der Staat bisher getragen zu haben. Der Ausfall wird zunächst von großherzigen Glaubensgenossen durch Spenden gedeckt. Aber für die Zukunft wird dieser Zustand unhaltbar sein, und es wird sich die Notwendigkeit Herausstellen, die Mehrausgaben in Gestalt der regelmäßigen Umlage den Gemeinden aufzulegen. Zu diesem Zweck wird wohl eine genaue Darlegung der einzelnen Posten notwendig werden, statt des bisherigen allgemeinen Voranschlags von Seiten des Konsistoriums. Stellt sich dann die Notwendigkeit dieser Ausgaben allseitig heraus, dann werden alle jüdischen Gemeinden und, wie man annimmt, auch die von Nichtfranzosen gegründeten Kehiloth dazu beitragen. * * In der Academie des inscriptions et heiles lettres hat Clermont-Ganneau eine wichtige Mitteilung gemacht. Vor etwa zwei Jahrzehnten veröffentlichte ein deutscher Gelehrter zwei große Bruchstücke einer griechischen Inschrift, die in der Nähe von Baalbeck entdeckt worden sind. Aber in ihrer verstümmelten Gestalt blieb die Inschrift den Forschern ein Rätsel. ClermonüGanneau glaubt die Inschrift entziffert zu haben. Es ist ein Erlaß des jüdischen Königs Herodes Agrippa II., der zur Zeit des jüdischen Kriegs auf Roms Seite stand. Es hat sich ein Mann das Priesteramt eigenwillig angemaßt und länger als 40 Jahre Räubereien im Tempel zu Jerusalem ausgeübt, bis er 300 Talente entwendet hatte. Die Inschrift ist eine öffentliche Anklage auf Tempelraub, die den Tod zur Folge hat. Das wird zur allgemeinen Kenntnis gebracht. Der Name des Verbrechers scheint Sampigeramos zu sein. Dann kommt noch der Name Lysanias vor. In den Herrscherfamilien jener Gegenden waren damals solche Namen üblich. So haben wir hier ein Geschichtszeugnis von größter Wichtigkeit vor uns. Man ersieht daraus zum Teil, wie weit die