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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · p. Seite 471

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
Seite 471 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34 Israelitische Wochenschrift. Seite 471. da scheint mir eine Organisationsform, wie ich sie in meiner praktischen Tätigkeit als Oberratsmitglied in Baden täglich vor mir sehe, eine sehr geeignete zu sein: Wir haben eine Organisation in der Weise, daß in religiösen Angelegenheiten, d. h. in denjenigen Angelegenheiten, in denen die Entscheidung nach dem Religionsgesetz die Entscheidung mit influiert, daß dann der Rabbiner durch den Synagogenrat zu seiner Beratung zugezogen werden muß, und zwar übernimmt er dann bei uns, was ich aber für weniger zweckmäßig halte, den Vorsitz mit einem Stichentscheid. Ich halte das für weniger zweckmäßig, weil es nicht, wie mir scheint, den Verhältnissen einer geordneten Verwaltung entspricht, den Vorsitz in bestimmten Angelegenheiten wechseln zu lassen. Aber ich würde, soweit ich jetzt die Sache sehe, es für richtig halten, eine Form der Organisation in der Gemeinde ganz ähnlich der badischen zu wählen, daß allein der Rabbiner das Recht hat, in allen religiösen Angelegenheiten zu den Beschließungen, zu den Beschlußfassungen des Synagogenrates hinzugezogen zu werden. Geschieht das nicht, so hat er das Recht der Beschwerde an die höhere Behörde. Er hat volles Stimmrecht in diesen Fällen, und wenn gegen ihn beschlossen wird und er glaubt, daß dadurch das Religionsgesetz verletzt ist, so hat er die Möglichkeit, im Wege des Rekurses die höhere und wieder aus Laien und Geistlichen zusammengesetzte Behörde anzugehen. (Fortsetzung folgt.) Das Judentum und das Wesen des Chrißentums. Vergleichende Studien von Rabbiner Dr. Joseph Eschelbacher. Berlin 1905. Das Interesse an religionsgeschichtlichen Problemen ist in unseren Tagen deswegen so rege, weil es einen eigenen, prickelnden Reiz gewährt, die wissenschaftliche Forschung auch auf die Gebiete auszudehnen, die von Alters her den Menschen ehrwürdig und heilig sind. Ueber die Methoden der Bibelwissenschaft läßt sich aber streiten. Gewöhnlich wird in der Wertung des Christentums der Entwicklungsgedanke breit getreten; und die moderne Theologie kalkuliert folgendermaßen: das Judentum ist^aus dem Fetischismus der kanaanäischen Naturreligionen entstanden; Moses hatte bereits „reinere" Begriffe der Gottheit; in den Lehren der Propheten erreicht der alttestamentliche Gottesbegriff seine höchste Vollendung — bis das Christentum als Frucht des ganzen Entwicklungstriebes der Menschheit die Erlösung bringt. Bis zu einem gewissen Grade ist allerdings der Entwicklungsgedanke ein religionsgeschichtliches Postulat. Aber sobald er zur Tyrannis gelangt und Dogma wird, geht er an seiner eigenen Einseitigkeit zugrunde. Auf dem Standpunkt fußend, daß das zeitlich Posteriore stets auch das Bessere und das Wahrere ist, dürfte ein arabischer Mullah durch den Koran sowohl Judentum als Christentum für erledigt erachten, eine Ansicht, die ja in der Tat den Gedankengang Mohammeds bestimmt hat. — Jedoch tut uns die Geschichte nicht den Gefallen, so bequeme Alleen zur Entwicklung zu küren. Ihr Weg beschreibt vielmehr die seltsamsten Kurven, und mehr als einmal hat sich der Spruch Schillers in sein Gegenteil verkehrt: Das Neue stürzte, und altes Leben blühte aus den Ruinen. Besonders hat unter der dogmatisch starren Anwendung des Evolutionsgedankens das Judentum zu leiden, welches von den christlichen Theologen lediglich als eine Vorstufe zum Christentum behandelt und — abgetan wird. Der Unparteiische wird daher gut tun, sich in dieser wichtigen Frage vor jeder Einseitigkeit und althergebrachten Vorurteilen zu hüten; es kann von jedem Wahrheitsfreunde nur mit Genugtuung begrüßt werden, wenn auf die vielen Schriften von christlicher Seite, die das Judentum lediglich unter dem Gesichtswinkel einer minderwertigen Propädeutik des Christentums fassen, — die epochemachende Schrift von A. Harnack macht hiervon keine Ausnahme — auch einmal von jüdischer Seite der Versuch gemacht wird, eine objektive Schilderung des Verhältnisses zwischen Mutter- und Tochterreligion zu entwerfen. — Diesen Versuch hat Eschelbach er mit seinem Werk unternommen. Es gereicht dem Verfasser der Schrift zur Ehre, daß er es sich, unangefochten durch mancherlei Herausforderungen, besonders angelegen sein ließ, jede aggressive Tendenz in seinen Ausführungen zu meiden und in vornehm sachlicher Sprache und maßvoller Polemik seinen Anschauungen Ausdruck zu geben. Daß der Verfasser auf geistreiche Blender, sensationelle Effekthascherei und kühne Paradoxe verzichtet und es vorzieht, durch logische Aneinanderordnung von Tatsachen und Herbeischaffung eines umfangreichen Quellenmaterials zu seinen Schlußfolgerungen zu gelangen, kann nur als ein Vorzug bezeichnet werden. Diese Vorsicht läßt sein Werk nicht „für den Augenblick geboren" erscheinen, sondern sichert ihm einen dauernden Platz, unabhängig von dem Strom der Tendenzschriften, bei denen das Moment der Verblüffung den wissenschaftlichen Ernst ersetzen muß, und für die mit vollstem Recht das Wort geschaffen scheint: „credo quia absurdum". — Aber auch der Laie kann mit Genugtuung den Ausführungen des Verfassers folgen, der in unserer nichts weniger als rücksichtsvollen Zeit von strengem Wahrheitsgefühl geleitet dem persönlichen Charakterbilde Jesu in menschlich schöner Weise Gerechtigkeit widerfahren läßt, und dessen Zeilen den Geist reiner Menschenliebe und einer idealen Weltbetrachtung atmen. E. L. Englische Briefe. Gestern traf ich mit einem Herrn zusammen, der mir sofort den Deutschen ansah. Nach kurzem Gespräch sagte er zu mir: „Da Sie Deutscher und die Deutschen alles Gelehrte sind —ich wollte bescheiden abwinken, er ließ das aber nicht zu. „Die deutschen Juden, sagte er, kennen samt und sonders Talmud und Bibel gewiß besser, als wir." Ich blieb in Schweigen versunken, wie ein russischer Friedensunterhändler, der abwartet. „Nun, so werden Sie mir doch sagen können, was es mit dem Oxforder Preisausschreiben C. G. Montefiores auf sich hat. Er hatte einen Preis auf die beste Arbeit über hebräischbiblische Versarten (Metra) gesetzt und diesen hat" (er zog eine Zeitung aus der Tasche und zeigte sie mir). — Ich vollendete den Satz: „hat ein Mr. Cobb erlangt für seine Schrift a criticism of hebrew metre. (Oxford, Clarendon Preß ) Der Mann fragte mich, ob man Dichter sein müsse, um solche Arbeiten zu machen, wie wir Deutschen ja alle geborene Dichter und Denker seien. Ich mußte ihm klar machen, daß es sich hier um die Verse der alten Propheten und Psalmendichter handelt; ich erzählte ihm von Budde, Ley, Bickel, Müller, besonders auch von Sievers. Er sagte: „Mr. Cobb hat dann eine schwere Arbeit gehabt und seinen Preis wohl verdient. Ja, ja, Deutscher muß man sein. Wenn bei uns englischen Juden einmal eine solche Schrift erscheint — welch Aufsehen, welcher Lärm! Bei euch deutschen Juden erscheinen gewiß täglich solche Schriften, und man hört nichts

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