Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 459 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 33 Israelitische Wochenschrift. Gerte 459. Ergebnissen eben über diese kanaanitische Religion vergleicht, mit welcher Israel nach seiner Besitzergreifung des Jordanlandes sich auseinanderzusetzen hatte. Endlich die Ausgrabungen in Palästina selbst im Südwesten des Landes in Tell Hasy, dem alten biblischen Lachis, wo die Trümmer von sieben Städten übereinandergeschichtet, gefunden wurden, in Tell Abuschusche, drei Stunden östlich von Jaffa, dann in der Megiddoebene. Auch sie lehren uns die alte kanaanitische Religion kennen, aber ebenso auch den Unterschied der Religion Israels und ihre Erhabenheit über einen mit grausigen Kinderopfern grauenhaft gezeichneten Kultus. Noch harren weite Gebiete und weite Trümmerfelder der Arbeit des Spatens. Da ist das alte Aramäereich, .in das erst jetzt in Sendschirli der Spaten des Forschers eingedrungen; das Ostjordanland mit den ehemaligen Reichen der Ammoniter, Moabiter und Edomiter; das alte Midianitenreich in der arabischen Halbinsel und schließlich Phönizien. Werden einmal diese Gebiete in Angriff genommen, so werden die Funde ohne Zweifel mit dem neuen Material auch neue Probleme bringen, wie sie die Vorzeit nicht gekannt hat. Braucht aber deshalb der Zusammenhang mit dieser, näherhin mit der Tradition zerrissen zu werden? Beileibe nicht! Etwas anderes ist freilich das Kleben am Buchstaben und etwas anderes der Zusammenhang des Geistes. Treffend schildert eben Göttsberger in der Biblischen Zeitschrift (3. Heft S. 331 [1905] Artikel: „Autour de la question biblique“) das Verhältnis der Bibelwissenschaft mit ihren neueren Aufgaben zur Tradition mit scharfer Spitze gegen einige allzu ängstliche Franzosen: Achtung der Tradition heißt nicht Anhänglichkeit an das Alte. Ueberlieferungsgemäß und kirchlich sind keine identischen Begriffe. . . Die alte Zeit kann nicht schon Fragen gelöst haben, denen erst die Gegenwart ins Auge schaut Aber der Geist der Alten soll in uns fortleben. Die Kirchenväter, die den Platonismus auf kirchlichen Boden verpflanzt, die großen Theologen des Mittelalters, die den Heiden Aristoteles im Prophetenmantel Mohammeds sich zum Lehrer erkoren — hätten sie sich beklagt über „exegese catholico protestante“ angesichts der Forderungen, welche die Kritik an die Gegenwart stellt? Sie hätten sich zweifelsohne mit dem oft wiederholten Scherz getröstet, daß wieder einmal das Gottesvolk sich an den Schätzen der Aegypter bereichern könne. Umm jüdischer Religionslehm Ostpreußens. II. Tag. Der stellvertretende Vorsitzende, Herr Perilz, eröffnet die 10. öffentliche Versammlung des Vereins, indem er die Erschienenen herzlich begrüßt und gleichzeitig sein und aller Bedauern ausspricht über die Ungunst der Verhältnisse, unter denen die diesmalige Versammlung zu leiden hat. Er überreicht den Anwesenden ein vom Vorstande gewidmetes schön ausgeführtes Gedenkblatt, die Arbeitsprogramme enthaltend, die in den Versammlungen während der 10 Jahre absolviert wurden. Herr Kaufmann R. Breslau, Vorstandsmitglied der Tilsiter Gemeinde, nimmt sodann das Wort, um die Versammlung in deren Aufträge zu begrüßen. Nach einem kurzen Dankesworte seitens des Vorsitzenden verbreitet sich letzterer mit einigen allgemeinen Worten über die Zwecke und Ziele unserer Vereinsversammlungen: diese trügen zu unserer Belehrung bei, indem wir zahlreiche und wertvolle Anregungen empfängen; sie böten die Möglichkeit, daß sich die Kollegen freundschaftlich näher treten und sie helfen uns in den Gemeinden Freunde und Förderer für unsere Arbeit zum Heile der jüdischen Schule und des jüdischen Lehrerstandes gewinnen. —! Den Wünschen des Ausschusses des Verbandes der Synagogen- ' gemeinden Ostpreußens verleiht Herr Rabbiner Dr. Ehrlich-Tilsit beredten und herzlichen Ausdruck. U. a. weist er darauf hin, daß gerade heute im Hinblick auf die geistige Strömung das Amt eines Religionslehrers, zumal eines jüdischen, sehr schwierig und Geduld erheischend sei; Vorurteile jeglicher Art und Jndifferentismus seitens der Eltern unfern Arbeiten in der Schule gegenüber seien zu überwinden. Aber andererseits hätte der Stand auch seine Lichtseiten. Auf die Bedeutung des Vereins zur Hebung unseres Standes übergehend, bemerkt Redner, daß er in den 10 Jahren seines Bestehens mehrfache Früchte gezeitigt habe. Dieser Umstand bedinge nach jüdischer Anschauung das Weiterbestehen der Vereinigung, wie dies bei einer ehelichen Verbindung der Fall sei. — Aus Anlaß des 40 jährigen Amtsjubiläums des Vereinsvorsitzenden, Herrn Sturmann, überreicht Redner ein Glückwunschschreiben des Verbands-Ausschusses, welches verlesen wird. Sodann nimmt Herr Rabbiner Dr. Stein-Memel das Wort u seinem Vortrage: „Aus dem Leben unserer Ahnen". In dem ast einstündigen Vortrage behandelte Redner die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts; dem Vortrage lagen folgende Gedanken zugrunde: 1. Beziehungen der Judengemeinden zum Reich (Judenschutz, Steuern), 2. Beziehung zu Rat und Bürgertum (Rechtspflege, Geschäftsbetrieb, Wohnung, Kleidung, Verfolgungen), 3. Innere Verhältnisse der Gemeinden (Organisation, Literatur). Den nach Inhalt und Form ausgezeichneten Ausführungen des Redners war die Versammlung mit regem Interesse gefolgt und gab ihrem Danke lebhaften Ausdruck. Nach einer kurzen Diskussion, an der sich besonders Herr Birnbaum beteiligt, spricht der Vorsitzende dem Redner Dank aus. — Es folgt der Bericht über den Kasseler Lehrerverbandstag, den Herr Perilz in Vertretung des erkrankten Herrn Sturmann erstattet, der als Delegierter an den Verhandlungen persönlich teilgenommen hatte. — An der Hand des offiziellen Protokolls jener Sitzung besprach der Referent die wichtigsten der dort behandelten Verbandsangelegenheiten. Von den im Anschluß an das Referat des Direktor Adler über „das preußische Schulunterhaltungsgesetz und die jüdischen Volksschulen" von der Kasseler Delegierten-Versammlung gefaßten Beschlüssen interessieren uns Ostpreußen, so führt Referent aus, praktisch nur die in Absatz IV, der von der Verpflichtung der öffentlich-rechtlichen Träger der Schullast zur Einrichtung und Unterhaltung eines ordnungsmäßigen Religionsunterrichts auch für Kinder jüdischen Glaubens handelt, wie von staatlicherseits einzurichtenden israelitischen Religionsschulgemeinschaften bei Gemeinden mit einer nur geringen Zahl von jüdischen Kindern. - Die gesetzliche Anerkennung der in Absatz V enthaltenen Forderung, nämlich, daß das Schulunterhaltungsgesetz die Einbeziehung auch der jüdischen Religionsgemeinschaft in seinen Bestimmungen klar zum Ausdruck bringe, müßte notwendig die Erfüllung der Forderung zu IV zur Folge haben, doch ist leider wenig Hoffnung dafür vorhanden. — Trotzdem war es notwendig, daß die Gesamtlehrerschaft ihre Stellung zu dem zu erwartenden Gesetz präzisiert, und wir dürfen im ganzen mit dem dort vertretenen Standpunkt einverstanden sein. — Die neue Statutenbeschließung hat manche wertvolle Errungenschaft gebracht. Eine Verschlechterung der Verbandsorganisation bildet dagegen der sehr schwerfällig gewordene Verwaltungsapparat. Auch die Frage der Umgestaltung der Verbands-Pentionskasse hat den Verbandstag wieder beschäftigt und sind unsere torderungen vor allem von den Herren Prof Dr. Badt und iepmannsohn energisch vertreten worden. Die von Herrn Direktor Adler dagegen erhobenen Einwände wurden widerlegt. Die letzten Erklärungen des Herrn Direktor Adler, wie auch die inzwischen gefaßten Beschlüsse des Kuratoriums lassen hoffen, daß wir endlich zu einer friedlichen Einigung in der streitigen Frage zum gemeinfördernden Nutzen der Kasse kommen werden. In Angelegenheit der Bezirksrabbinate stehen wir auf dem Standpunkte, daß diese für uns unannehmbar und zu bekämpfen sind, sobald man sie, sei es als staatliche oder als freie Organisation, ohne gleichzeitige Installation einer Oberbehörde einrichten will und uns keine genügenden Garantien bietet, daß die Tätigkeit der Bezirksrabbiner in den kleinen Gemeinden keine materielle Schädigung der dortigen Kultusbeamten nach sich ziehen wird. — In der Jnspektionssrage haben wir hier in Ostpreußen seit lange die Einrichtung, welche uns voll befriedigen kann, nämlich, daß neben den Rabbinern auch ältere Lehrer als Schulinspektoren tätig sind.