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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 16. (1905) · p. Seite 63

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 16. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 <p1X&ao<pö<; toi; 50x17. ״Daher ist auch der Freund der Sage in gewissem Sinne Philosoph.“ Scheinbar richtiger. Denn der Denker als Freund der Sage geht nicht dem Wunderbaren in ihr, sondern ihrer Entstehung, ihrem gedanklichen Zusammenhang mit den Tatsachen nach. Hier ist vom Gefühl des Nichtwissens die Rede, von einer Leerheit, die sich mit wunderbaren Tatsachen füllen und sie in sich verarbeiten will. Dieses Verarbeiten ist die angeborene Denktätigkeit. Also ist auch der Freund der Sage ein Denker. S 30 hatte man bisher Bio xa'c 060'ik ןm aov xo ov xou ovxoX 8Tvezt cptzaiv, oxi 0008 xo xsvov 10׳) owjiaTo;^ ״Daher sagen sie, daß das Seiende um nichts mehr da sei, als das Nichtsseiende, weil auch das Leere (um nichts mehr da sei) als der Körper.“ Statt der hier ergänzten Worte muß es, wie man leicht einsieht, heißen ״um nichts weniger da sei“. Da kann man mit dem Uebersetzer wohl Zeller zustimmen, der nach Theoprast (s. Simplicius Phys. 28!! ff■) annimmt, hinter xsvov sei eXctxxov weggefallen und müsse ergänzt werden. cacX&c; wird durch cbt&c; (S. 46) ersetzt, was sich jedoch auch schon bei Tauchnitz 1886, selbst bei Hengstenberg (Uebersetzung, Bonn, Weber 1824) findet. Statt cOTsp xcac; kiax^nai;, liest Uebersetzer 68- ׳pt xäc; buaxr^a:; (vielleicht sogar xtva;), was berechtigt erscheint, da nachher die Mathematik und nicht die Wissenschaft an sich vorkommt, also ״einige Wissenschaften“, und öpwpv hat besser ixspt xaz als «xsp xat; vor sich. Ganz neues Licht wurde uns hier über die berühmte Schlußstelle des ersten Buches aufgesteckt. Da wird behauptet, die Sylbe 05a leiten einige aus aö und a (bei Tauchnitz ist es die Sylbe o\xa, die sich wenigstens als sächliehe Endung findet), Andere aus etwas Anderem her. Christ hatte xö ZA ix xou a xai S xat a. Uebersetzer nimmt von ihm die Sylbe Ca an, zerlegt sie aber in 0 und a, wobei begreiflich wird, daß Manche im Z-laut einen besonderen Buchstaben sehen. Doch ist die Herleitung des Z aus Sd ebenso denkbar bei sprachlichen Zusammenziehungen. Immerhin erscheint uns die Stelle in Reifes Gestaltung am annehmbarsten. Wenn ein Beurteiler in der Lesartenkunde Alles zugibt und gar keinen Haken findet, ist er in Gefahr, philologisch als Böotier angesehen zu werden. Eins muß ich bedenklich finden, S 31 heißt es xpoc3s־(Xr/ovxo ״sie (die Pythagoräer) ergänzten, verlangten dazu“: wenn in ihrem Bau etwas fehlte, so wurde, nach alter und neuer Sitte, künstlich die Sache ausgefüllt. Da vermutet Uebers. ein von yXfa/poc; abgeleitetes Zeitwort, das leimen bedeutet. Er übersetzt ״so mußte künstlicher Kitt helfen.“ Da gehe ich nicht mit. Der Kitt ist mir zu künstlich. Wenn dem Aristoteles der A sdruck den Pythagoräern gegenüber wohl zuzutrauen wäre, so darf er ihm nicht kurzer Hand zugeschoben 1werden; das Aeußerste wäre, derartiges als Vermutung nach unten, nicht in den Text zu bringen. Dann hat der Leser seine Freiheit. Was wir hier im ersten Buche von wesentlichen Ent- Scheidungen des Uebers. gezeigt, entspricht dem Verhältnis der Verbesserungen im ganzen Werke. Meist sind es wirkliche Verbesserungen und Klärungen, so daß der alte Schwegler seine Freude daran gehabt hätte, und selbst das zu Bemängelnde würde auf anderen Gebieten (denken wir nur an die Sprünge der biblischen Textesverbesserer, die sich leider selten auf andere Gebiete zum Vergleiche verirren) noch als sehr maßvoll angegommen werden können. Wir erinnern nochmals daran, daß die Spuren Maimunis zum Aristoteles und vielfach zu vorliegendem Werke zurückführen. Es wäre Zeit, über das Verhältnis Beider zu einander einmal Klarheit in weite Kreise zu tragen. Gerade von Maimonides führt der Weg auch zu Spinoza und seiner Ethik, und es würde wieder etwas Dankenswertes sein, im Einzelnen (nicht in allgemeinen Redensarten) zu zeigen, ob Spinoza von Maimonides ausgegangen ist, ob er von Kreskas ausgehen konnte. Baenschs Uebersetzung der spinozischen Ethik schließt sich, wie wir aus der Vorrede erfahren, an zahlreiche Vorgängerinnen an. 1744 hat Lorenz Schmidt die erste Uebertragung zum Zwecke der Widerlegung geliefert, Wolfs Gegenbeweise bildeten den Anhang. Ohne Namen erschien 1790 und 1793 in Jena eine zweite, zu gleichem Zw7ecke vom kantianischen Standpunkte aus. Oberlehrer Schmidt hat in Berlin eine Uebersetzung nebst Verbesserung vieler Stellen des lateinischen Textes geboten. Berthold Auerbach nahm 1841 die alte Schmidtsche Arbeit mit einigen Veränderungen in seine Gesamtausgabe Spinozas auf. 1868 erschien die Kirch mann sehe, gleichfalls der vorliegenden philosophischen Bibliothek angehörig. Bei Reklam ist die Sternsche erschienen, die den früheren gegenüber manche Vorzüge hat. Die vorliegende Uebertragung soll wohl die Kirchmannsche ersetzen. Hier sind die Ausdrücke Spinozas immer genau mit den gleichen Worten wiedergegeben und dabei auf den glatten Fluß der Rede verzichtet. Ob desiderium aber immer mit Wunsch wdedergegeben werden kann, auch wenn es Sehnsucht bedeutet, möchte ich bezweifeln. Ich muß aber gestehen, daß ich durch das vorliegende Werk besser durchgekommen bin, als einst durch das Kirchmannsche; aber welche Zeit liegt zwischen beiden! Damals machte mir Spinoza an sich Mühe — seitdem habe ich ihn selbst verschiedentlicht zu behandeln Gelegenheit gehabt, besonders in meiner zuerst bei Heymons in Berlin, dann bei Wilhelm Friedrich in Leipzig erschienenen ״Monistischen Philosophie“. Spinoza hat, wie Uebersetzer meint, mehr Eindruck gemacht, als Cartesius und Spinoza. Cartesius nahm zuerst seinen Vorgängern gegenüber dieselbe Stellung ein, wie Aristoteles und Kant den ihren gegenüber. Er machte den Denker zum berufsmäßigen Zweifler, den Zweifler dann aber wieder zum Bürger dieser Welt. Leibniz, selbst mit starkem Willen und mit der Neigung zu staatlichem und Wissenschaftlichem Streben begabt, erkannte die Wirklichkeit der Einzelwesen und Einzelkräfte an, welche Spinoza, willenlos ins Ganze der Welt aufgehend, als unbedingt gebunden und nur scheinbar vorhanden ansah. Bei Cartesius gab es Substanzen, bei Leibniz unter vielen möglichen Welten die unsrige, die beste Welt; bei Spinoza wieder eine beste, noch eine schlechteste, sondern eine tatsächliche, mit nur einem Grundding Liebe zu Gott, wie bei Maimonides (s. Schwarz, Mischneh Thora, Jahresbericht der Wiener theologischen Lehranstalt), und die Regelung des Menschenwesens und seine Erhebung zu Gott bilden bei Spinoza den Zw-eck, weshalb die Weltanschauung in den Dienst der Ethik gestellt wird. Wenn schon die menschliche Knechtschaft unter der Herrschaft der Leidenschaften und die menschliche Freiheit in deren Ueber- Windung aus der Spinozischen Weltauffassung, aus Substanz, Attribut, Akzidenz von selbst hervorzugehen scheint, so sind das doch echt jüdische Gedankengänge. Allerdings führt, wie Verfasser mit Recht angibt, ihn die Sehnsucht nach dem Glücke zu seinen Folgerungen, aber nehmen wir die jüdische Abstammung, die Abstammung von spanischen Glaubenshelden hinweg, die im Leiden ihr Glück sehen mußten, so müssen wir uns ein ganz anderes Werk denken. Die Form des Spinozischen Beweises hat mit der maimunischen Erkenntnis (die zur Gottesliebe führt, s. Schwarz u. a. O) eine große Verwandtschaft. Der Entwurf zur Ethik war der kurze Traktat über ״Gott, Mensch und Glückseligkeit“, nur daß er hier noch sehr Cartesianer ist. Ein kurzer späterer Anhang zu diesem Werke kleidet diese Gedanken in geometrische Form. Auf letztere wollte Spinoza später verzichten — hätte er es doch in beiden Gestalten ausgeführt! Die geometrische Form ist ein gutes Lehrmittel, indem sie immer bis auf den Anfang zur!.ckgehen läßt. (s. unsere ״monistische Philosophie“ den Abschnitt ״Spinoza’s Welteinheit“). Verfasser gibt in der Einleitung wichtige Anhaltspunkte, die Entstehung des Werkes zeitlich festzustellen. Während der Arbeit hat die Hobbes’sche Lehre auf ihn zu wirken begönnen. Nach dem theologisch-politischen Traktat wurde die Ethik abgeschlossen Sein Versuch, das Werk zu veröffentliehen, begegnete manchen Hindernissen, selbst Freunde mußten ihn aus Furcht für sich schmähen, er wertete ab, wie man abwartet — ars conga, vita brevis. Hätten seine Freunde nicht in seinem Todesjahr das Werk herausgegeben, so w7äre es wahrscheinlich begraben worden, und wir hätten einen ganz anderen Goethe, einen ganz anderen Herder bekommen, ja, Schelling und Hegel, selbst Schopenhauer w7ären kaum zur Gestaltung ihrer Gedanken gekommen. Zuviel Aengstlichkeit und Bescheidenheit ist von Uebel. Aber Spinoza konnte für seine eigenen Gedanken nicht kämpfend auftreten. Verfasser entbehrt eine Vorrede Spinozas. Diese liegt meines Erachtens nach in den ersten Begriffsbestimmungen. Dies Buch ist eine AVelt für sich und enthält in sich die Erklärung. Eine zu gute Einleitung hätte manchen der Mühe

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