Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- Seite 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 456. Israelitische Wochenschrift. Nr. 33. standes sich entziehe. Denn das ist gerade die große Gefahr aller Gefühlsorthodoxie, die von der Vernunft Unterwerfung zuläßt und damit ihre Bekenner wehrlos gegenüber allen krankhaften Gefühlsregungen hinstellt. Es ist ein großer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß sie ihren Beweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes und des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet. Es ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker des Judentums, ein Maimonides, ein Gabirol, ein Juda Halevi die schärfste Verstandsentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbart fanden. Ein vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein sehr starkes Element des Judentums und eine natürliche Folge dieses Hineinziehens des Denkens in den Bereich der Religiosität war, daß das Studium für jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war, wie die religiöse praktische Uebung selbst. Unter allen religiösen Anstalten und humanitären Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der öffentlichen Belohnung der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten. Die regelmäßige Vorlesung und Erläuterung aus dem Gesetz und den Propheten bildete den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes. Nicht Andachterweckung und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannter Erbauung, war und ist Zweck des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Aus diesen Vorlesungen gingen die Versionen, die Septunginta und die übrigen griechischen Uebersetzungen, die Midraschim, die Homilie und die Predigt hervor. Es war ein fruchtbarer Keim, der viele Stämme, Zwerge und Blüten trieb. Besonnene Belehrung, Erweckung der logischen Elemente in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstände ist eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberreitzung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch. Die ewigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. Im Judentum herrschte daher stets eine lebendige Regsamkeit, eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Zwar wurde man in dieser Verstandesgymnastik auf Nebenbahnen Hinausgetrieben, ging die Spekulation nicht selten in Spitzfindigkeiten über; doch überschaut man das ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so bemerkt man in ihm eine gewisse Nüchternheit, wiegt neben dem tiefsten, innigsten Glauben eine scharfe Verstandesrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen der Extase bewahrend, die sich in Visionen, Verzückungen und Unbegreiflichkeiten berauscht und ihren Triumph darin erblickt, den Verstand zu unterjochen. Das Judentum beansprucht den ganzen Menschen und verlangt stets presence cTesprit. Das Judentum befiehlt nicht: „Du sollst glauben" — was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht — sondern befiehlt: „du sollst lernen und forschen." Im Judentum soll es nicht eine Gemeinde geben, die an dem Leitseile eines „geistlichen Hirten" geleitet wird; die Gemeinde soll nicht zum blinden Gehorsam sich hinneigen. noch Geistliche als höhere Kaste über sich haben; nur die wissenschaftliche Befähigung und die Vollkommenheit erteilen den Vorzug, erheben zum Lehrer. Charakteristisch schließlich für die Durchdringung des vernunftmäßigen Denkens und innigen Gefühlslebens im Judentum ist die puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes. Wie ehrend ist es für unser Volk, daß Jahrhunderte hindurch die einfachsten Formen im Gottesdienste ausreichten. Zehn Menschen vereinigten sich in einem beliebigen Raum zum Gebet und damit ist die Veranstaltung zum Gottesdienste erschöpft, um die gläubigen Seelen zu erbauen und zu begeistern. Und wie gestärkt für den Lebenskampf der ihrer draußen harrte, kehrten sie aus ihren Bethäusern zurück, die nichts enthielten, was die Phantasie hätte irgendwie anregen können. Fern sei von uns, diese puritanische Anschauung hinsichtlich des Gottesdienstes auf den Thron zu erheben und jede äußere Verschönerung des Gottesdienstes als mit dem echten Geist des Judentums nicht vereinbart zu betrachten. Nur darf man sich nicht dem Glauben hingeben, daß durch diese äußere sinnliche Anregung der Phantasie allein, die durch Gesang und Instrumentalmusik bewirkt wird, schon alles abgetan sei. Das Feuer, das durch Phantasie, durch Berauschung der Sinne entzündet wird, ohne Selbständigkeit des Geistes, ist nur ein flackerndes Strohfeuer. Die tiefe Ueberzeugung und die aus dieser fließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre Begeisterung für das Judentum. Das vernunftgemäße Denken bildet ein zu starkes Element des Judentums und ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen und es, wenn auch bereichert durch Gefühl und Phantasie, festzuhalten haben. Auf dem Gebiete des Gemütslebens in der Religion liegen die Extreme nebeneinander; das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste. Nirgends bringt die Religion schönere Blüten hervor; nirgends auch wuchern auf ihrem Acker giftigere Pflanzen. Religiöses Gefühl ist die Seele aller Gottesfurcht; aber in seiner Entartung wird es die Quelle der größten Verirrungen. Itrlici* dir Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in prcnsten hat auf dem letzten Gemeindetag in Frankfurt a. M. Geheimrat Wrosessor Hlofln aus Freiburg einen überaus lehrreichen Vortrag gehalten, der eigentlich zum ersten Mal in so umfassender und erschöpfender Weise diese schwierige Materie behandelt. Redner führte aus: Dre Tendenz des Gesetzentwurfs, dessen Ausarbeitung mir vom D.-J. G.-B. aufgetragen ist, und der Ihnen nach seiner Fertigstellung in ausführlicher Darstellung und mit ausführlicher Begründung zur Beschlußfassung zugehen wird, ist es, wie der VIII. Gemeindetag bereits deutlich zu erkennen gegeben hat, eine rechtliche Gesamtorganisation der Juden und der jüdischen Gemeinden in Preußen zu schaffen. Aus dem Begriff der Organisation und speziell der Organisation einer Religionsgemeinschaft ergeben sich von vornherein die Probleme, um welche es sich bei der Ausarbeitung eines solchen Gesetzentwurfs handelt. Organisation heißt die Zusammenfassung von Gliedern zu einem lebens- und willenskräftigen Organismus, die Schaffung von Organen, welche imstande sind, einen einheitlichen Willen zu erzeugen und zu betätigen. Solche Organe für die Gesamtheit der Juden Preußens waren bisher