Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Zeitschrift für die Gchmtmteresskll des Judentums. Webst dem Weiblatt i Iüöifches Littercrturbl'crtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Werlin 6., Woß-Straße 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Nummer 33. Kerlin, 18. Angnst 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Straffe 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische Litteraturblatt Nr. 16. Inhalt. Artikel: Verstand und Gefühl in der jüdischen Religion. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. — Ueber die Rechtsstellung der jüdischen Gemeinden in Preußen. — Die Religion Israels und die Ausgrabungen im Orient. — Verein jüdischer Religionslehrer Ostpreußens. — Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Judentum. — Politik: Ein charakteristisches Zirkular. — Flickarbeit an den Judengesetzen. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Die Macht der Liebe. Von Babette Fried (Fortsetzung). — Inserate. Verstand und Gefühl in der jüdischen Religion. Von Dr. B. Seligkowitz-Köthen. Der Verstand ist in religiösen Dingen nicht beliebt. Er stört den Genuß des Sichhingebens an frommen Illusionen. Er gestattet nie, das Alte und wegen seines Alters liebgewordene mit ungeteilter Verehrung festzuhalten. Er zwingt fortwährend zu der Anstrengung und zu der Gefahr, sich auf neue Bahnen zu wagen. Und doch, was sollte aus der Religion werden ohne diese anhaltende Kritik des Denkens in Hinsicht auf den Glauben? Nicht allein, daß die höher Entwickelten alles religiösen Glaubens verlustig gehen würden, auch die große Menge würde auf die Dauer nicht aus Ueberzeugung der Religion treu bleiben können. Die Wissenschaft, so manches Mal als die gefährliche Feindin der Religion hingestellt, beweist ihr den besten Dienst dadurch, daß sie die Religion immer wieder zwingt, sich auf die Höhe der Entwicklung der neuen Zeit zu stellen. Die Schwierigkeit ist nur, den Anteil des Verstandes an der Religion auf das rechte Maß zu bringen und dabei zu erhalten. Denn wenn er dieses überschreitet, wenn er, statt nach mitwirkender Dienstleistung, nach autoritativer Herrschaft strebt, so leidet die Religion Schaden. Der Intellektualismus wird alle Zeit verhängnisvoll für die Gesundheit und die Kraft des echt religiösen Lebens. Allerdings ist im Gefühlsleben alle Zeit ein geheimer Widerwille gegen die Einmischung des Verstandes vorhanden. Das läßt sich auch sehr gut erklären. Gefühlserregung, wie edel sie auch sei, trägt stets in etwas den Charakter des Genusses an sich, und für den Genuß ist die Einmischung des Verstandes ein Hindernis schon aus dem Grunde, weil er die Unmittelbarkeit stört, die eine Bedingung ungeteilten Genusses ist. Eins der allgemeinsten Merkmale aller Mystik ist das Streben nach unmittelbarer Beziehung zu dem Gegenstand der Verehrung. Daher die merkwürdige Neigung nach pantheistischer Weltanschauung bei den Mystikern. Sie dulden eben nicht, daß etwas zwischen sie und die Gottheit trete, sie wollen diese direkt umarmen; ein Wunsch, dem von seiten des Verstands mit seiner Methode der Zergliederung und Begriffsbildung nicht entsprochen werden kann. Durch die begriffsbildende Verstandstätigkeit kommt der Gegenstand der Verehrung für das Gefühl niemals in das Licht unmittelbarer Anschauung, sondern er wird durch den dazwischentretenden Verstand in die Ferne gerückt. Ferner wird der Genuß um so bequemer, je mehr das Geistige in sinnliche Form gekleidet ist. Das Bild wirkt und ergreift viel stärker, als der Begriff. Auch darin läßt der Verstand das Gefühl unbefriedigt. Es ist eben nicht anders möglich; er muß immer wieder die sinnbildliche Vorstellung zu zergliedern suchen, um ihren Wahrheitsgehalt zu bestimmen, und damit verursacht er dem Gefühl Schmerz, da es nur erregt werden will und deshalb mehr auf die Form als auf den Inhalt gibt. Die Folge davon ist, daß das Gemütsleben der Zucht des Verstandes am liebsten entflieht, und je mehr dies der Fall ist, desto ernster die Gefahr, daß das gesunde Gefühl in krankhafte Schwärmerei und Fanatismus ausartet. Wo daher die Religion als eine bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht sondern empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen Gedanken unausbleiblich, bei aller Gefühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn an Inhalt und Tat verloren, da ist auch Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilschweren Reich. Wer, mag er auf anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine Befriedigung von Gefühlen und eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ausgesetzt sein, und, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern ins Netz gelockt. Darum ist es für die Gesundheit der Religion eine unerläßliche Bedingung, daß sie niemals der Aufsicht des Ver-