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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · p. Seite 448

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 448 (sequence 12)
Language
German
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Seite 448. Israelitische Wochenschrift. Nr. 32 sondern ganz einfach Schierke im Harz. Am Montag nachmittag erfuhr die dortige Polizei, wer im „Hotel Waldsrieden" abgestiegen sei, und ein Gendarm kam nach dem Herrn Grafen zu fragen. Dieser, der an Unfreundlichkeit nicht gewöhnt ist, faßte den Besuch falsch auf und reiste schon nach einigen Stunden um 8 Uhr abends ab; ein Sommerfrischler sieht sein Inkognito in der Regel nicht gern gestört. Als dann am nächsten (Dienstag) Vormittag der Gendarm noch einmal kam und sogar den Ortsdiener mitbrachte, um den Herrn Grafen ganz sicher mitzunehmen, sahen sie sich durch die Liebenswürdigkeit des Herrn Grafen aller Scherereien enthoben. Sie sind ihm also zu Dank verpflichtet! * * * Ileöer IudenmassaKres, die in Tfcherkaffy (Gouvernement Kiew) stattgefunden haben, berichtet die „Rufs. Korresp.": Zur Beförderung auf den Kriegsschauplatz sollten das 173. und 177. Infanterie-Regiment formiert werden. Die Zusammenstellung der Reservisten gab dem „Schwarzen Hundert", das sich vor einigen Monaten bei uns organisierte, willkommene Gelegenheit, um, unterstützt durch den Pöbel, eine Judenhetze ins Werk zu setzen. Man begann den ärmsten Teil unserer Stadt, den alten Markt, die Ufer und die anliegenden Straßen zu zerstören. Die Polizei ergriff zwar ihre Maßnahmen, jedoch in der bekannten Art. Sie ließ die zur Verteidigung herbeieilenden Leute nicht zu dem Schauplatz der Zerstörungen gelangen, der Pöbel und betrunkene Reservisten konnten ungehindert ihr Werk fortsetzen. Dem Gehilfen des Jsprawnik (Kreischefs) Koltschewski hat die Judenschaft Tscherkassys diese neuen Ausschreitungen zu verdanken. Eine elende Rolle spielte auch der Pristaw des II. Bezirks. Dieser Wächter der Ordnung befand sich im Mittelpunkt der Greueltaten und äußerte schadenfroh zu den mißhandelten Juden: Das ist für die Schwefelsäure, für die Demokratie usw. — Vor kurzem wurde nämlich im Stadtgarten der Pristaw-Gehilfe mit Schwefelsäure begossen und der Attentäter nicht entdeckt. Infolge der polizeilichen Fernhaltung der „Selbstverteidiger" konnte der Pöbel in den ersten 3 bis 4 Stunden ungehindert sich ausloben. Erst nach dieser Zeit und nachdem sich die Selbstverteidiger durch Ueberspringen von Gartenzäunen und Durchschreiten von Seitengäßchen Bahn zu dem Ort der Zerstörung gebrochen hatten und einige Schüsse abfeuerten, wurde dem Krawall ein Ende gemacht. Am 23. 5 Uhr morgens langte eine Schwadron Dragoner an, trotzdem verging ein voller Tag darüber, bis die Ruhe wiederhergestellt war. Frauen und Kinder schlossen sich eifrig den Zerstörern an, ebenso waren die Polizeipatrouillen tätige Milhelfer. Der Pöbel mißhandelte seine Opfer unter den Augen der Polizei und unterwarf sie einer Leibesvisitation. Wenn er hierbei Waffen vorfand, übergab er diese und die Besitzer der Waffen triumphierend der Polizeipatrouille, die unter Buffen und Schlagen die Verhafteten zur Wache transportierte. Hier erging es den Unglücklichen nicht besser. Allen verhafteten Juden ist das Geld aus den Taschen verschwunden. Es sind im ganzen ungefähr 200 Häuser und ca. 150 Läden und Verkaufsstände zerstört worden; 300 Familien sind dadurch ins Elend gestürzt worden. Man schätzt den Schaden auf 30—40 000 Rubel. Da nur die Armen betroffen sind, ist die Not furchtbar und der Jammer der Aermsten nicht zu beschreiben. So arbeiten die bewußten und unbewußten Hilfstruppen der Reaktion. * * * Ein Sendschreiben Gapons. Der Priester Georgyi Gapon hat ein Sendschreiben an die russischen Arbeiter und Bauern verfaßt, das in hunderttausenden von Exemplaren nach Rußland geworfen ist. Das Sendschreiben beginnt mit einer Wiedergabe des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Dann fährt es fort: „Warum aber seid ihr denn, meine russischen christlichen Brüder, da ihr doch die Wahrheit wißt, bereit, gegen den Heiland und die Menschlichkeit zu handeln? Warum aber erfüllt ihr euere Seele mit blindem Haß, mit wilder Wut gegen die Hebräer, die ihr verächtlich Juden (Shid) nennt? Warum aber laßt ihr es zu, daß eure Brüder und eure Kinder an den großen christlichen Feiertagen, gleichsam Christus verspottend, sich gegen die Juden mit Keulen und Waffen erheben und auch, Kinder und Greise nicht verschonend, sie bis zu Tode schlagen, in ihre elenden Hütten eindringen, ihnen in rasender Wut auf Böden und Dächern nachjagen, ihnen die Schädel mit eisernen Stangen zerschmettern, ihre armselige Habe rauben, sie verspotten und verhöhnen? Und wenn am heiligen Ostersonntag im Tempel Gottes der Gesang ertönt: „Laßt uns wie Brüder uns umarmen!" wenn das Geläute der Glocken, der festliche Lärm, die helle Frühlingssonne und das frische Grün — wenn alles von Leben spricht und alles zu Frieden und Freude einladet — dann vergießen euere bösen Brüder, euere unwürdigen Kinder schonungslos das Blut der jüdischen Kinder auf den Straßen der Städte und tränken damit die heilige Gotteserde und sogar die Stufen der Kirche . . . Ich will dir, mein russiches Volk, offen und ehrlich darauf antworten, da ich dich mehr als mein Leben liebe und bedaure. Vernimm also die Wahrheit, die ich dir sagen werde: Deshalb bist du, mein armes Volk, anstatt ein barmherziger Samariter zu sein, häufig gegen das jüdische Volk nicht nur schlechter als der Levit und der Priester, sondern sogar schlechter als die wilden Räuber, weil du in finsterer Unwissenheit, Rechtlosigkeit und drückender Armut schmachtest, und weil du auf keine Weise dich aus deiner Not befreien kannst. Sie hält dich umklammert, heftet sich an deine Fersen und treibt dich dazu, die letzten Kopeken zu vertrinken, dein Weib und deine Kinder zu mißhandeln; sie treibt dich ins Joch der Blutsauger — der Fabrikanten und Gutsbesitzer. Die Rechtlosigkeit fesselt deine Hände, unterdrückt jedes freie Wort und bringt dich zum Aeußersten. Wie arglistige Schlangen winden sich die Unwissenheit, Rechtlosigkeit und Armut um dein Herz, saugen jedes gute Gefühl aus ihm, verdrängen die Worte des Evangeliums, die Worte des Heilandes aus deiner Seele und hindern dich daran, bei deinen Taten ihrer zu gedenken. Und was geschieht mit dem blutigen Geld des Volkes ohne sein Wissen und seine Kontrolle? Wird es für die Bedürfnisse des Volkes, für seine Aufklärung, für das Wohl und den Ruhm unseres russischen Vaterlandes verwendet? In wessen Hände befindet es sich, und wer verfügt darüber? Die Juden? Nein, nicht die Juden, sondern der Zar und seine liederliche Sippschaft, seine Minister und die ganze Bande ihrer Anhänger weltlichen und geistlichen Standes. Diese Volksfeinde verschwenden schonungslos die Ersparnisse der Bauern und Arbeiter; befestigten Port Arthur und machten es, wie sie sagten, uneinnehmbar; sie bauten, wie sie sagten, unbesiegbare Panzer- und Kriegsschiffe und eine Eisenbahn in dem fremden, fernen Mandschurien, die niemand brauchte. Sie verbrauchten, wie sie sagten, Millionen von Rubeln zum Ankauf von gutem und reichlrchem Proviant, von Waffen und verschiedenem Kriegsmaterial für unsere armen Soldaten. Nun, und was stellte sich heraus, weißt du es, mein russisches, unwissendes, rechtloses Volk? Es zeigt sich, daß das alles von seiten des Zaren und seiner niedrigen Beamten nur Betrug, Lüge und Hohn war. Das Herz blutet vor Schmerz bei diesem Gedanken, und man erinnert sich nur ungern daran. Wo, wo sind deine Kinder, mein russisches Volk? Vielleicht sind sie, verwundet nnd verstümmelt, in die Heimat zurückgekehrt, oder vielleicht wurden sie, die Wehrlosen, Unbewaffneten, am 9. Januar dieses Jahres um der Wahrheit willen in Petersburg und anderen russischen Städten und Dörfern wie Lämmer hingeschlachtet? Wo sind deine Kinder, mein armes, unglückliches Volk? Sind sie in der Verbannung, fern von ihren hungernden Familien, oder schmachten sie in den Gefängnissen? O, russisches Volk, wer frißt jetzt deine Kinder, haut sie mit Säbeln und Nagaikas, durchbohrt sie mit Bajonetten und tötet sie mit Kugeln? Sind es die Juden? Nein! Das tun die

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